Wie wir zu Krautfressern wurden

Lorenz Bockisch

Der Begriff "Krauts" begegnet einem Deutschen nicht nur im Ausland. Diese meist eher abwertend gemeinte Bezeichnung für Deutsche benutzen sowohl die Tommys als auch die Yankees, und in anderen Nationen ist dieser "Name" auch nicht unbekannt. Doch dass gerade Deutschland als Land des exorbitanten Sauerkrautkonsums gilt, entspricht genauso wenig der Realität wie die Legende, selbiges Nahrungsmittel wäre eine deutsche Erfindung.

Wo das Sauerkraut ursprünglich herkam ist nicht wirklich sicher. Wahrscheinlich kannten schon die Alten Griechen die Methode, mittels Milchsäuregärung Weißkraut haltbar und schmackhaft zu machen. Eine andere Version der Geschichte besagt, dass das Sauerkraut aus China beziehungsweise Japan nach Europa kam, eventuell soll es sogar Marco Polo mitgebracht haben.


Welche der Geschichten der Wahrheit am nächsten kommt, ist so verworren wie ein Fass voller Weißkrautstreifen. Sicher jedoch ist: Eine deutsche Erindung ist das Sauerkraut auf keinen Fall. Und vom massenweisen Konsum dieses Wintergemüses können die Deutschen den Spitznamen auch nicht haben: In vielen Ländern wird mit Abstand mehr Sauerkraut gegessen: Allen voran die Franzosen, besonders im Elsass.

Auch das polnische Nationalgericht Bigos ist ohne Sauerkraut nicht denkbar, und zu einem ungarischen Gulasch gehört es ebenso dazu. Sogar die US-Amerikaner selbst verspeisen mehr davon als die Deutschen. Warum dann aber gerade wir so genannt werden, hängt mit der Seefahrt und einer ihrer ehemals schlimmsten Geißeln zusammen: Dem Skorbut.

Als im 18. Jahrhundert entdeckt wurde, dass Vitamin-C-haltige Lebensmittel (dass es genau dieser Inhaltsstoff war, entdeckten Chemiker erst knapp 200 Jahre später) gegen diese Zahn- und Muskelschwund verursachende Krankheit halfen, teilten sich die seefahrenden Nationen in zwei Lager: Auf der einen Seite und allen voran die Engländer, die die Mangelkrankheit mit Limetten- oder Zitronensaft bekämpften. Auf der anderen Seite blieben die Seefahrernationen, die weniger südliche Gefilde in ihrem Besitz hatten und Sauerkraut in die Fässer für die Seemänner packen mussten.

Bei den Tommys werden nur noch selten Angehörige der Marine als „Limeys” bezeichnet. Die Bezeichnung „Krauts” aber verbreitete sich auf alle Deutschen.