Wie werde ich Zimmermann? (9)

Friederike

Virgil Ostrowski, 28, trägt einen schwarzen Schlapphut und eine grobe Cordhose mit zwei Reißverschlüssen und so viel Schlag wie in den 1970er Jahren. Der Zimmermann ist seit gut drei Jahren auf der Walz und pflegt die Wanderschaft als Handwerker. An der Theke im "Walfisch" erzählt er, wie man Zimmermann wird.



Schniegeln

Virgil ist geschafft. Sein Rücken schmerzt. Heute hat er in der Sommerhitze stundenlang auf einem Hausdach in Kappel Dämmplatten verlegt. Wie hat das alles angefangen?

Mit einem Baumhaus, das Virgil im Garten der Familie gebaut hat. Schon als Junge gefiel es ihm, etwas „mit seinen Händen zu machen“. „Ich war immer schon ein Höhlenbauer“, so Virgil. Nach seinem Realschulabschluss absolvierte er zuerst eine Ausbildung zum Erzieher, schwenkte dann aber um und ging in die dreijährige Lehre zum Zimmermann in einen kleinen Betrieb in Lübeck. Einen Tag in der Woche besuchte er die Berufsschule. Nach Angaben der Handwerkskammer reicht für die Ausbildung zum Zimmermann, alternativ Zimmerer genannt, auch ein Hauptschulabschluss.

Die Dimensionen wuchsen, Virgil musste exakter und härter „schniegeln“ (arbeiten), als damals an seinem Baumhäuschen. Er lernte, Neigungen zu berechnen, Kettensägen zu bedienen, die Balance zu halten, wenn er sich auf dem Dach nicht festhalten konnte. Er baute an Dachstühlen, Carports, Altbauten, Treppenhäusern, Innenausstattungen und Wintergärten.

Wenn man ihn fragt, was für Fähigkeiten ein Zimmermann mitbringen muss, überlegt er nicht lange. „Man muss dreidimensional und mehrere Schritte im voraus denken können, schwindelfrei und teamfähig sein“, zählt er auf. Man müsse sich schließlich nicht nur mit dem Bauherren, sondern auch mit den anderen Handwerkern absprechen und die Arbeit aufeinander abstimmen. Die Aufträge seien meist abwechslungsreich, eigene Ideen erwünscht. Weitere Vorteile bestünden darin, dass man schön braun werde und vom Dach aus hübsche Frauen anschauen könne.



Nach seiner Gesellenprüfung verwirklichte Virgil seinen Traum. Er ließ seine Freundin Henrike, seine Freunde und seine Familie in der Heimatstadt Lübeck zurück und ging auf die Walz. Nur wenige Handwerkerinnen und Handwerker folgen noch dieser alten Tradition. Nach Angaben der Badischen Zeitung sind es in Deutschland jährlich zwischen 700 und 850. Die meisten von ihnen sind Zimmerleute.

Start mit Kater

Traditionellerweise hat der Zimmermann einen Kater, wenn er seine Wanderschaft beginnt. Morgens um acht Uhr bekam Virgil von seinen Kameraden einen letzten Schnaps und zog mit Bündel und Stenz, dem geschnörkelten Wanderstab, davon. „Der Schnaps soll einem den Abschiedsschmerz erleichtern“, sagt Virgil. Gemäß der Zimmermannstradition darf ein Wandergeselle während der Walz seinem Heimatort nicht näher als 50 Kilometer kommen. Eigentlich sollte er sich zu Fuß oder per Autostop fortbewegen, aber nicht immer konnte Virgil diese Regel einhalten. Seine Freundin ließ es sich nicht nehmen, ihm nachzureisen. Nach einem Jahr zerbrach die Beziehung jedoch.

Die drei Jahre und drei Monate gestaltete Virgil so, wie er es wollte. Wenn er genug Geld erarbeitet hatte, reiste er so lange, bis es alle war und er sich eine neue Arbeit suchen musste. „Es ist meine ganz persönliche Walz“, sagt er. Drei Jahre lang sei der Zimmermann frei und gehe seinen Weg. Manchmal war dieser Weg wunderschön, manchmal hart. Wenn Virgil kein Bett in einer Zimmermanns-Herberge oder bei wohlwollenden Menschen bekam, schlief er manchmal auf der Baustelle oder machte es sich auf einer Parkbank bequem.



Warum das Ganze?

„Die Walz ist dazu da, um verschiedene Arbeitspraktiken zu lernen, denn in jeder Region wird anders gebaut“, erzählt der Wandergeselle. In Schweden baute er an einem roten Holzhaus, in Indien konstruierte er im Auftrag von Mönchen ein Dach für eine Buddha-Statue, in England baute er ein Gartentor für eine Bekannte. Am meisten habe er aber in Deutschland und der Schweiz gelernt, da dort der handwerkliche Standard sehr hoch sei.

Als er ein altes Gebäude im Schweizer Kanton Thurgau restaurierte, konnte der Zimmermann seine Kreativität unter Beweis stellen. Sein Bauherr habe einen Baum abgesägt und diesen in das Haus integrieren wollen. Virgil machte die dicken Äste zu tragenden Elementen und einem Blickfang im Wohnzimmer. Hart war Virgils Station in Sri Lanka.

Nach dem Tsunami-Unglück leistete er zusammen mit 20 anderen Wandergesellen Aufbauarbeit im Dschungel. Bei 35 Grad und 60 bis 80 Prozent Luftfeuchtigkeit bauten sie zwei Waisenhäuser. Die Kluft fing an zu schimmeln, der Schweiß rann. Zwei Drittel der Gesellen wurden aufgrund der Strapazen krank, Virgil blieb gesund. Trotz der Anstrengung sagt er rückblickend: „Es war eine gute Erfahrung“.

Auch in Deutschland sei das Arbeiten hart, sagt er. Im Sommer beginne die Arbeit in der Regel schon um 6.30 Uhr, bei jedem Wetter sei man draußen. Nur etwa 30 Prozent der Arbeitszeit verbringe ein Zimmermann drinnen. Gegen Regen könne man sich entsprechend kleiden, der Hitze hingegen sei man ausgeliefert.

Zimmermänner tragen ein hohes Berufsrisiko. „Heute war es schon gefährlich, ich hätte abrutschen und vom Dach fallen können."



Gute Bezahlung

Virgil verlässt sich bei schwierigen Kletterpartien auf sein Sicherheitsgefühl. Bis jetzt ist ihm noch nie etwas Ernstes passiert. Das Risiko macht den Beruf des Zimmermanns auf der anderen Seite zu einem der am besten bezahlten Handwerkerberufe. Das bestätigt Virgil: In Deutschland liege der Stundenlohn eines Gesellen bei 12,50 bis 13 Euro. Ein Lehrling bekomme im ersten Jahr durchschnittlich 650 Euro brutto, im zweiten Jahr 850 Euro und im dritten 1200.

Wer flexibel sei, der finde in Deutschland Arbeit, aber im Vergleich zu anderen Ländern sei die Auftragslage schlecht. Die Konkurrenz aus Polen und anderen osteuropäischen Ländern mache sich bemerkbar.

Kung Fu Fighting

Virgil ist nun des Wanderns müde. Die traditionelle Wanderzeit von drei Jahren und einem Tag hat er schon um drei Monate überzogen. Nach der aufregenden, prägenden Zeit sehnt er sich nach einem Zuhause, einem gemütlichen Bett, einem festen Freundeskreis.

Er habe keine Lust mehr, immer auf Leute zugehen zu müssen. Freiburg gefalle ihm, er mag das Klima, den Schwarzwald. Hier möchte er sich niederlassen. Aber erst wolle er noch für ein halbes Jahr oder länger nach China zu den Shaolin Mönchen. Anstatt seiner Zimmermannskluft wird er dann einen Kung Fu Kampfanzug tragen und sechs Tage in der Woche von morgens bis abends Kampfsport treiben. „Träume sind dazu da, um verwirklicht zu werden."

Mehr dazu:

  • Handwerkskammer Freiburg: Website