Wie werde ich Winzerin? (5)

Eva Hartmann

Nancy Edlich ist 26 und mit Leib und Seele Winzerin. Sie schafft es, selbst Weinbanausen für die Winzerei zu interessieren und erklärt dann mit leuchtenden Augen, was ein Butritispilz ist und wie man die Farbe eines Weins beeinflussen kann. Aber wie wird man eigentlich Winzerin? Fudder-Autorin Eva hat Nancy in Merdingen besucht und nachgefragt.



"Hier wohn' ich und da arbeit' ich", sagt Nancy und zeigt erst nach oben, dann nach rechts. Von ihrer Haustür bis zum Eingangstor des Weinguts sind es gerade mal vier Meter. Dass sie seit sieben Jahren gerne so nah an ihrem Arbeitsplatz wohnt, ist nur einer von vielen Hinweisen dafür, wie viel ihr an ihrem Beruf liegt. Durch eine große Halle mit vielen Maschinen hindurch führt sie mich ins urig eingerichtete Probierstüble und erzählt mir alles, was es über den Beruf der Winzerin zu wissen gibt.




Winzerin werden kann man ab dem Hauptschulabschluss aufwärts. Die Ausbildung dauert drei Jahre. Im ersten Lehrjahr ist man nur an der Berufsschule, in der man, neben den regulären Schulfächern, beispielsweise in Maschinenkunde, Fachrechnen, Kellerwirtschaft und Getränkekunde unterrichtet wird.

Wer einen höheren Schulabschluss hat und es sich zutraut, kann auch erst im zweiten Lehrjahr quereinsteigen. Dann gibt es Blockunterricht: Einer Woche Berufsschule folgen drei Wochen Praxis auf dem Weingut.

Das durchschnittliche Bruttogehalt eines gelernten Winzers liegt etwa bei 1900 Euro. Aufstiegsmöglichkeiten bieten die Weiterbildungen zum Winzer- oder Kellermeister. Nancy Edlich hat ihre Lehre auf dem Versuchs- und Lehrgut Blankenhornsberg in Freiburg absolviert. "Winzer sind für das Praktische zuständig", sagt sie. "Wer mehr auf die Theorie steht, sollte Önologie studieren."



Wer Winzer werden will, muss die Arbeit draußen lieben, "und zwar bei 35° im Schatten genau so, wie bei Regen oder Minusgraden". Die Arbeit im Weinberg ist keine idyllische Landwirtschaft, nur weil sie an der frischen Luft stattfindet. Je nach Lage der Rebparzellen und Witterung ist sie ein richtiger Knochenjob. In Nancys Wohnung stehen überall Wund- und Heilsalben herum. "Man macht viel mit den Händen", sagt sie schulterzuckend und fasst zusammen: "Man muss zupacken können".

Unabdingbar ist außerdem eine gute Beobachtungsgabe, um einschätzen zu können, wie sich die Trauben entwickeln und ob Schädlinge am Werk sind.

Des weiteren sollte man Kontakt mit fremden Menschen mögen und mindestens Englisch beherrschen. Das wird einerseits für den Kontakt mit ausländischen Kunden gebraucht, andererseits für die Verständigung mit ausländischen Erntehelfern.



Ein starker Rücken und die Bereitschaft zu harter, körperlicher Arbeit sind weitere Voraussetzungen für diesen Beruf. Die typische Berufskrankheit sind Rückenprobleme, vom Hexenschuss über den eingeklemmten Nerv bis hin zum Bandscheibenvorfall. Wer hier von vorne herein Probleme hat, ist im Weinberg weniger gut aufgehoben.

Und wer sich nicht gern schmutzig macht und Angst vor Verletzungen hat, ist in den Reben ebenfalls fehl am Platz. "Von den Winzern, die ich kenne, haben schon vier nicht mehr alle Gliedmaßen. Da fehlen meistens Finger, aber auch mal ein Unterarm", erzählt Nancy.

"Man darf hier einfach nicht zimperlich sein. Quetschungen und Schnittwunden sind an der Tagesordnung". Nancy selbst hat noch keinen Finger eingebüßt. "Gliedmaßen verliert man meistens durch Unaufmerksamkeit im Umgang mit den Maschinen", sagt sie. Man muss für diese Arbeit also auch viel Konzentration aufbringen.



Seit sieben Jahren arbeitet Nancy Edlich nun auf dem Weingut Kalkbödele in Merdingen. Sie liebt die Kellerwirtschaft sehr und hält sich so oft hier unten auf, dass sie von ihren Arbeitskollegen den Spitznamen "Kellergeist" verpasst bekam. Zwischen Gärtanks, Barriquefässern, Rüttelpulten und riesigen Türmen aus Flaschenkisten ist ihr Reich.

Hier überwacht sie Gärungsprozesse, grübelt über passende Deckweine und ersinnt Ideen für neue Geschmacksbilder. Aber auch Tanks putzen und Flaschen verkorken gehören zu ihren Aufgaben.

Noch lieber als als hier unten ist sie aber im Weinberg. Ihre liebste Arbeit ist das "Neigen", also das Festbinden der jungen Ruten an das Drahtgestell im Frühjahr. Das ist der Startschuss ins Winzerjahr. "Highlight des ganzen Winzerjahres ist aber der Herbst, wenn man die Trauben, die man das ganze Jahr gehegt und gepflegt hat, endlich ernten und verarbeiten kann", sagt sie.



"Winzerin ist der schönste Beruf der Welt", sagt sie mit leuchtenden Augen, "ich liebe es, Menschen mit einem Produkt begeistern zu können, das ich von der Jungrebe bis zum fertigen Wein selbst mit hergestellt habe".

Die Liebe zur Rebe war sogar so groß, dass sie extra von Brandenburg an den Kaiserstuhl zog, um den Beruf zu erlernen. Seit zehn Jahren arbeitet sie nun als Winzerin. Für die fernere Zukunft hat sie den Aufstieg zur Kellermeisterin und eventuell sogar ein eigenes Weingut ins Auge gefasst.