Wie werde ich Übersetzerin?

Friederike Grasshoff

Cornelia Holfelder von der Tann hat 34 Jahre als literarische Übersetzerin von amerikanischer und englischer Belletristik auf dem Buckel und übertrug unter anderem Werke von Marilyn French, Zoë Fairbairns oder Philip Kerr ins Deutsche. Im Gespräch mit fudder-Autorin Friederike erzählt sie von ihrem recht unkonventionellen Werdegang.



Zur Person

Cornelia Holfelder von der Tann wurde in Villingen geboren. Sie studierte in Freiburg und Berlin Germanistik, Anglistik und Romanistik. Nach 13 Jahren in der Hauptstadt zog sie aus familiären Gründen nach Freiburg zurück.

Mein Werdegang

„Ich bin auf eine Art und Weise zu meinem Beruf gekommen, die in der Regel nie funktioniert: Nach dem ersten und zweiten Staatsexamen im Berliner Schuldienst nahm ich mir ein Vierteljahr, um zu schauen, ob mir noch etwas Besseres einfällt als der Lehrerberuf. Schließlich bin ich auf der Frankfurter Buchmesse rumgelaufen und habe gesagt: „Guten Tag, ich möchte gern Bücher übersetzen.“

So kam der Stein ins Rollen und ich bekam mit 26 Jahren meinen ersten Auftrag bei einem kleinen Verlag. Das war purer Zufall. Damals kannte ich mich gut mit der Frauenbewegung aus, ein Thema, das auf dem amerikanischen Buchmarkt  der Tophit war. Mein Studium war für die Auftraggeber irrelevant: Die Verleger brauchten Übersetzer, die Wissen und Interesse auf diesem Gebiet mitbrachten.

Durch eine Verkettung von Umständen, Kontakte in der Verlagsszene und ein Quäntchen Glück kam ich nach einiger Zeit zum Rowohlt Verlag. Das Netz von Kontakten und Berufserfahrung knüpfte sich immer weiter und nach teils schwierigen Anfangsjahren bin ich nun schon seit 34 Jahren im Beruf. Mittlerweile arbeite ich für viele Verlage als freie Übersetzerin, unter anderem für Rowohlt, Fischer und Dumont.

Ausbildung

Literarischer Übersetzer ist keine geschützte Berufsbezeichnung. Es gibt zwar Übersetzungs-Studiengänge, wie zum Beispiel in Düsseldorf oder Leipzig, die meisten der Absolventen werden aber nicht Übersetzer, sondern landen mit viel Glück bei einem Verlag oder ergreifen einen ganz anderen Beruf.

Im Grunde ist es vollkommen wurscht, was man gemacht oder studiert hat. Ich kenne sogar jemanden, der Lastwagen gefahren ist und mittlerweile anspruchsvolle Belletristik übersetzt. Das Wichtigste ist es, den Anfang zu schaffen und einen Fuß in die Tür zu bekommen. Ein paar Möglichkeiten gibt es, die aber allesamt keine Garantie auf Erfolg haben: Man kann auf der Buchmesse rumlaufen und Klinken putzen, Verlage anschreiben oder versuchen, über Kontakte an einen ersten kleineren Auftrag zu gelangen. In Freiburg sind wir als Übersetzer recht gut organisiert.

Bei Interesse kann man sich mit den Übersetzern vor Ort kurzschließen. Wenn man hartnäckig ist und oft genug fragt, hat vielleicht mal jemand zu viel Arbeit und gibt einem zwei Kapitel unter der Hand ab. Und wenn man dann noch gut ist, spricht sich das rum. Außerdem ist es immer von Vorteil, wenn man ein Spezialgebiet hat, sei es Quantenphysik oder Ozeanographie. Man muss eben nicht nur von der Ausgangssprache, sondern auch vom Thema eine Ahnung haben.

Arbeitsalltag

Jeder Übersetzer geht anders an sein Tagewerk heran, weil man in puncto Zeitplanung viel Freiheit hat. Ich fange relativ spät an, morgens mache ich Erledigungen, gehe schwimmen oder lese Zeitung. Nach maximal vier bis fünf Stunden Arbeiten bin ich bedient, es gibt natürlich Stressphasen, in denen ich zehn Stunden am Computer sitze. Ein Drittel der Arbeitszeit besteht ohnehin aus Recherche. Gott sei Dank gibt es mittlerweile das Internet! Früher habe ich in Bibliotheken alle möglichen Bücher nach Bildern oder Vokabeln durchforstet.

In der Regel läuft es so, dass die Verlage anrufen und Angebote machen, wenn man im Beruf mal einigermaßen drin ist. Nach Vertragsabschluss hat man ungefähr drei bis vier Monate seine Ruhe und kann sich die Arbeits- und Ruhephasen frei einteilen.

Es gibt unterschiedliche Arbeitsweisen beim Übersetzen von Belletristik. Manchmal lese ich das Manuskript erstmal in einem Rutsch durch, bevor ich mich ans Übersetzen mache. Jeder Übersetzer weiß, dass die ersten dreißig Seiten immer am schrecklichsten sind. Man hat das Gefühl, nicht in die Textwelt durchzusteigen, hat einen Knoten im Kopf, und dann findet man sich mit der Zeit ein und setzt sich jeden Tag auf sein Hinterteil.

Zunächst mache ich eine relativ durchdachte erste Fassung und im Anschluss ein bis zwei Überarbeitungsgänge. Wie frei ich dann beim Übersetzen bin, hängt vom Verlag, vom Autor und seinem literarischen Anspruch ab. Bei Unterhaltungsliteratur wird man oft gebeten, sie noch besser zu machen, als sie schon ist. Bei manchen Büchern kann ich komplette Sätze rausnehmen, bei anderen geht das wiederum nicht. Nach der Übersetzung bekommt ein Lektor meine Fassung zu lesen und redigiert sie.

Das Tolle an der Arbeit ist, dass man sich in einem ständigen Lernprozess befindet. Ich kann nur das übersetzen, was ich mir vorstellen kann und deswegen muss ich mich sachkundig machen. So habe ich zum Beispiel schon Workshops bei Gerichtsmedizinern gemacht, um in die zu übersetzenden Krimis einzutauchen. Drei oder vier Mal im Jahr bin ich dazu gezwungen, mich mit Sachen zu beschäftigen, von denen ich keine Ahnung habe. Wenn ich dann anfange, entwickelt sich eine richtige Eigendynamik und eine selektive Wahrnehmung: Überall im Leben sehe ich dann nur noch diese eine Sache.

Talente

Unabdingbar ist ein gutes Gehör für Sprache, welches mit dem Gehör für Musik vergleichbar ist. Der Übersetzer muss die Worte innerlich hören, sich die Personen vorstellen, also innerlich schauspielern und natürlich ein überdurchschnittliches Sprachgefühl haben. Man sitzt in dem Beruf gern mal rum, redet und gestikuliert vor sich hin, um das Gelesene nachzuvollziehen. Außerdem muss man die Bereitschaft mitbringen, andauernd neue Sachen zu lernen und detektivische Freude am Aufspüren haben. Ein hohes Maß an Selbstdisziplin ist wegen der freien Zeiteinteilung ebenso erforderlich. Was die Verlage interessiert ist die 105- prozentige Beherrschung der Muttersprache sowie die gute Beherrschung der Ausgangssprache.



Besondere Augenblicke

Überraschende Augenblicke und bereichernde Momente gibt es immer wieder. Der Hackerroman „Daemon“ von Daniel Suarez war das letzte Buch, das ich übersetzt habe. Plötzlich hatte ich es mit einer Thematik zu tun, die mir wahrhaft nicht in die Wiege gelegt wurde und ich fand mich zu Recherchezwecken auf Hackerwebsites und den Internetseiten von amerikanischen Sicherheitsbehörden wieder. Ständig durchzuckte mich die Panik, dass mich Kontrollsysteme rausfischen würden, bis auf einen virenverseuchten Computer ging aber alles gut.

Schattenseiten

Ab und an hängt man ewig an einer Stelle und findet in der Zielsprache einfach keine passenden Äquivalente. Momentan übersetze ich einen Teil aus der Trilogie „Shadowmarch“ von Tad Williams und alle zehn Seiten begegnet mir das Wort „to gasp“, was für das steht, was man mit dem Atem macht, wenn man schockiert oder erstaunt ist. Im Deutschen gibt es dafür leider kein praktisches Wort. Es gibt zwar Sprachen, die sehr viel weiter weg vom Deutschen sind als Englisch, aber generell betrachtet ist das Deutsche verflixt präzise, so dass es nicht unkompliziert ist, den passenden Ausdruck zu finden. Außerdem ist die deutsche Grammatik sehr komplex, während man im Englischen oft nur eine schlappe ing- Form ranhängt.

Übersetzer sind dafür bekannt, dass sie schlecht bezahlt werden. Man bekommt ein Seitenhonorar, das im Vertrag auf ungefähr 20 Euro festgesetzt werden sollte. Es ist einfach Ausbeutung, jemanden für 13 Euro übersetzen zu lassen, aber wenn man in den Beruf reinkommen will, macht man es eben trotzdem. Im Schnitt schaffe ich fünf bis sieben Seiten am Tag inklusive Recherche und Bearbeitung. Traumgehälter kann man sich sofort aus dem Kopf schlagen. Mittlerweile gibt es aber eine Minimalbeteiligung, wenn sich das Buch gut verkauft.

Tipps für Interessierte

In Freiburg sollten sich Interessierte mit den Übersetzern vor Ort in Verbindung setzen, am besten über das Literaturbüro. In den Verlagen gibt es keine Ausbildungsplätze für Übersetzer, aber generelle Praktikamöglichkeiten, bei denen die Nachfrage aber sehr hoch ist.

Ein Studium hilft nicht unbedingt, obwohl man dabei sicherlich viel lernen kann. Gewinnbringend ist es, ein Fachgebiet oder ein literarisches Faible zu haben und wenn es palästinensische Lyrik ist. Ansonsten hilft es, viel zu lesen, sich einen großen Wortschatz sowie landeskundliche und idiomatische Kenntnisse der Fremdsprache anzueignen.

Auch wenn die Anfangszeit besonders hart ist und die Aufstiegsmöglichkeiten sehr begrenzt sind, so sollte man sich nicht entmutigen lassen. Denn wenn man einmal drin ist, wird man immer wieder beauftragt, legt im Laufe der Zeit Routine und Schnelligkeit an den Tag und dann kommt man mit dem Geld schon hin.“