Wie werde ich Schlangenmelker? (7)

Christoph Müller-Stoffels

Jürgen Hergert ist 64 und der einzige gelernte Schlangenmelker in Europa. Außerdem besitzt er die größte Reptiliensammlung der Welt. Auf fudder spricht er über Weltrekorde, Schlangengift als Heilmittel, sein Krokodil Sultan und die erste Schlange, die er jemals gefangen hat - im Alter von drei Jahren.

Die erste Schlange mit drei Jahren gefangen


Ich bin in Dresden geboren. Während des Krieges 1944 wanderte ich mit meinen Eltern nach Südafrika aus. In Südafrika hatten wir holländische Freunde. Und so bin ich auf einer Farm groß geworden. Aufgewachsen bin ich in der Nähe von Swakopmund, einer Stadt an der Küste in Namibia. Ich bin dort zur Schule gegangen, bin dort mit Schlangen, mit Löwen, mit Krokodilen, mit Spinnen, mit Waranen aufgewachsen. Meine Eltern hatten eine kleine Tierfarm. Meine Eltern hatten auch eine kleine Landwirtschaft, Kühe, Schweine, Pferde. Aber in erster Linie war es eine Aufzuchtstation für Wildtiere. Dort habe ich auch Schlangen kennen gelernt. Das heißt, ich habe meine erste Schlange mit drei Jahren gefangen, meine erste Giftschlange mit fünf Jahren. Als ich zehn Jahre alt war, kamen die ersten Touristen. Das waren damals die ersten Neckermann-Touristen aus Deutschland. Aber auch Franzosen, Holländer, Belgier und Amerikaner.

Für mich war es schön, mit zehn Jahren den deutschen Touristen eine Vorführung zu geben. Ich kann mich noch sehr gut daran erinnern. Meine erste Schlange war eine Wurmschlange, eine eher ungefährliche Giftschlange. Die erste richtige Giftschlange war eine Puffotter. Die habe ich mit fünf Jahren gefangen. Ich hab dann später eine Ausbildung auf einer Schlangenfarm gemacht in Südafrika und danach auf zwei großen Schlangenfarmen gearbeitet.

Zurück nach Deutschland und hinaus in die Welt

Mit 17 Jahren bin ich das erste Mal wieder nach Deutschland gekommen und habe den Grzimek (Prof. Dr. Bernhard Grzimek; Anm. cms) kennen gelernt und den Frankfurter Tierpark. Mit Herrn Grzimek habe ich dann fünf Jahre zusammengearbeitet. Das waren für mich mit die schönsten Jahre. In der Serengeti habe ich gearbeitet. Am Fuß des Kilimandscharos gibt es zwei große Tierreservate, die Serengeti und den Ngorongoro-Krater. Ich habe damals die große Tierzählung mitgemacht. Auch in den beiden wunderschönen Tierfilmen "Die Wüste lebt" und "Die Serengeti darf nicht sterben" habe ich mitgespielt. Dadurch bin ich schon bekannt geworden, als ich noch 17 Jahre alt war.

Ich bin dann später wieder nach Kenia gekommen, habe einige Jahre in Nordafrika gelebt, habe Südamerika bereist, habe 1974 eine große Indianerexpedition gemacht am Amazonas, am Orinoko. Als ich danach wieder nach Deutschland zurückgekommen bin war mir klar, ich baue mir meine Schlangenfarm.

Die Farm

Die Schlangenfarm in Schladen (Harz) wurde von 1977 bis 1980 gebaut. Seit 14 Jahren besitzen wir die größte Reptiliensammlung der Welt mit über 1300 Tieren. Auf der Schlangenfarm kann man natürlich in erster Linie Schlangen sehen, aber wir haben auch andere Tiere wie Krokodile, Warane, Skorpione, Spinnen oder Schildkröten. Über 40.000 Besucher kommen pro Jahr aus der ganzen Welt.



Die Schlangenfarm hat wichtige Aufgaben wie etwa den Artenschutz. Wir züchten seit über sieben Jahren einheimische Tiere nach. Wir führen auch auf unserer Freilandanlage Biologieunterricht durch. Pro Jahr kommen etwa 40 bis 60 Schulklassen. Die Schüler können unsere deutschen Tiere in freier Natur sehen. Das halte ich persönlich für sehr, sehr wichtig. Es zwar schön, mal eine Kobra zu sehen, mal eine Klapperschlange, aber ich möchte, dass wir hier in Deutschland unsere Tiere kennen lernen. Das ist für mich die wichtigste Aufgabe.

Die Giftproduktion

Die wichtigste Firma ist die für die Giftproduktion. Ich bin der einzige Mensch in Europa, der das gelernt hat. Während meiner Ausbildung habe ich nicht nur gelernt, wie man sich nach einem Schlangenbiss verhält, sondern auch, welche Toxine, welche Gifte und Seren eingesetzt werden. Wir haben auf der Schlangenfarm in Schladen bis heute 23 Notrufe gehabt, wo wir mit unserem Serum helfen konnten. Das ist ganz wichtig. Es müsste aber mehr aufgeklärt werden. Man müsste den Leuten sagen, wenn ihr Giftschlangen haltet, passt auf, informiert euch über die Schlange, was für ein Serum brauche ich, wo bekomme ich es her.



Wir auf der Schlangenfarm produzieren inzwischen mit 30 Prozent des Giftes Seren, 70 Prozent werden für Heilmittel verwendet. Ich freue mich, dass ich durch meinen Beruf Menschenleben retten kann, Menschen helfen kann. Viele Krankheiten wie Rheuma, Ischias, Gicht, Gelenkentzündungen, Epilepsie, Raucherbein können damit behandelt werden. Auch in der Krebsforschung spielt es eine wichtige Rolle. Es gibt inzwischen viele Medikamente, in denen Schlangengift enthalten ist. Da leiste ich als Inhaber der Schlangenfarm einen Beitrag.

Ich war vor ein paar Tagen in Essen in einer Kinderklinik. Wenn man sieht, wie kleine Kinder schon Krebs haben, ist das furchtbar. Ich hoffe, dass durch mein Schlangengift irgendwann etwas dagegen getan werden kann. Wir sind da heute schon auf einem guten Weg. Lippenkrebs, Hautkrebs oder Unterleibskrebs werden heute schon mit Schlangengift behandelt.

Die Schlangenbisse

Schlangengift ist natürlich auch sehr gefährlich. Ich habe drei Schlangenbisse hinter mir und das Glück, alle drei gut überstanden zu haben. Der erste Biss war 1984 nach meinem ersten Weltrekord, der zweite Biss war 1992. Der dritte war vor sieben Jahren. Da bin ich von einer Schwarzen Mamba gebissen worden. Wahrscheinlich fragen sich jetzt viele, warum ich den Beruf noch mache. Aber ich tue es für die Menschen, weil ich weiß, dass ich durch meine Giftproduktion Menschenleben retten kann. Das ist mir sehr wichtig.

Die Weltrekorde

Ich habe zweimal mit Giftschlangen zusammen gelebt. Der alte Weltrekord war vom Südafrikaner Austin Stevens, einem Freund von mir. Er hat 68 Tage auf zwei mal drei Metern mit 26 Giftschlangen zusammen gelebt. Ich habe den Rekord 1982 auf 90 und 1986 auf 100 Tage erhöht. Ich habe dabei viel gelernt über meine Schlangen. Wie verhält sich eine Klapperschlange, die nur in Amerika lebt, wenn sie auf eine Kobra trifft, die nur in Afrika lebt? Gift es Futterneid? Wie ist das Paarungsverhalten? Als Zoologe – ich habe auch Zoologie studiert – habe ich in dieser Zeit viel gelernt.

Die Lieblingstiere

Meine Lieblingstiere sind meine weißen Kobras und meine Krokodile. Mein Sultan ist das älteste Tier, das ich habe. Mit dem habe ich schon als Kind gespielt. Er ist ein Nilkrokodil, das ich damals aus Afrika mitgebracht habe. Wenn ich meine Tierfütterungen habe, dann spielen wir miteinander und ich nehme ihn in den Arm. Ich weiß, dass er mir nichts tut. Was die Kobras angeht, so bin ich der einzige Farmer, der weiße Kobras besitzt. Bei Vorführungen ist das was ganz tolles! Aber wichtig ist mir auch, dass die Besucher die einheimischen Schlangen kennen lernen. Wenn zehn

Prozent der Besucher eine Ringelnatter nicht mehr totschlagen, wenn sie sie in der Natur sehen, sondern sagen 'Was ist das für ein schönes Tier', dann haben wir was erreicht.

"Mensch oder Tier, wer ist angenehmer im Umgang?"

Es gibt einen schönen Spruch aus Afrika: "Seitdem ich die Menschen kenne, liebe ich meine Tiere." Die Tiere belügen einen nicht, Menschen tun das.

Mehr dazu:

  • Die Schlangenfarm befindet sich in Schladen im Harz.
  • Die Farm will Jürgen Hergert übrigens verkaufen. "Ich werde dieses Jahr 65. Ich denke, mit 65 sollte Schluss sein Ich habe dann über 50 Jahre mein Leben riskiert." Nachdem ihn die Farm an 365 Tage im Jahr 12 bis 14 Stunden beschäftigt, sehnt er sich nach dem Tag, an dem er selbst entscheiden kann, wann er aufstehen sollte. Er vergleicht sich dabei mit Michael Schumacher. "Der hat auch mit 37 Jahren gesagt 'Ich will nicht mehr mein Leben riskieren'. Ich will auch weiter forschen, aber das Tagesgeschäft sollen andere übernehmen." Allerdings will er die Farm nicht jedem x-beliebigen Menschen verkaufen, schließlich handelt es sich um sein Lebenswerk. Um den geeigneten Nachfolger zu finden würde Hergert auch noch zwei Jahre dranhängen, beraten, einarbeiten. Von seinem Nachfolger fordert er, dass er neben dem nötigen Kleingeld (630.000 Euro) auch Fachwissen mitbringt. Vier Interessenten musste er schon absagen.