Wie werde ich Schauwerbegestalter? (21)

Teresa Quast

Schaufenster sollen Aufmerksamkeit erregen und zum Kaufen animieren. Damit sie diese Wirkung nicht verfehlen, müssen sie gut durchdacht sein. Wer denkt sich das aus? Menschen, auf deren Visitenkarte "Schauwerbegestalter" steht. Wir haben einen getroffen: Ottmar Ganz, 57, seit 1965 allein in dieser Eigenschaft tätig beim Modehaus Kaiser in Freiburg.



Beruflicher Werdegang

Der Beruf des Schauwerbegestalters ist ein anerkannter Ausbildungsberuf. Je nach Schulvorbildung dauert die Lehre zwei bis drei Jahre. Ganz hat seine Ausbildung beim Modehaus Kaiser in Freiburg gemacht und ist bis heute dort geblieben. Ausbildungsinhalte sind Werbelehre, Werberecht, Gestaltung und Warenpräsentation.

Voraussetzungen

Ein absolutes Muss ist Kreativität. Das Handwerkliche lässt sich erlernen, aber die Vorstellungskraft sollte man schon haben. Die Gestaltung eines Schaufensters ist ein Prozess. Es geht darum, etwas entstehen zu lassen. Ein Schauwerbegestalter arbeitet gern mit den Händen und hat keine Scheu davor, auch mal eine Säge oder einen Besen in die Hand zu nehmen.



Arbeitsalltag

Alle zwei Wochen muss Ottmar Ganz seine Schaufenster neu gestalten. Im zweiwöchigen Wechsel gibt er jeweils der kompletten Damen- oder Herrenfläche ein neues Aussehen.

Zuerst muss eine Idee her. Vorschläge werden in einer Runde mit Abteilungsleitern und Dekorateuren diskutiert. Die Mehrheit entscheidet dann, welche Gestaltungsidee der Werbeflächen im nächsten halben Jahr durchgesetzt wird.

Herr Ganz ist von Anfang bis Ende in den Gestaltungsprozess eingebunden, "von der Ideenfindung bis zum Auskehren der Ecken", sagt er. Kaiser ist eines der wenigen Modehäuser, die von der Skizze über die Produktion bis hin zum Drappieren im Fenster alles selbst machen. Zunächst werden die benötigten Materialien eingekauft, dann geht es in der hauseigenen Werkstatt ans Basteln.

Die aufwändigen Konstruktionen werden immer wieder neu erfunden. Dabei experimentiert Ganz oft mit Materialien oder Techniken. Die Objekte, zum Beispiel Buchsbaumfiguren aus Plastik, gestaltet Ganz möglichst neutral, damit man sie für viele Modekombinationen verwenden kann.

Für die Rückwände der Schaufenster produziert ein spezieller Drucker Fotoleinwände bis zu einer Breite von 1,6 Metern.

Neben den Fensterdekorationen sind die Schauwerbegestalter auch für das Design von Innenraum und Aktionsflächen verantwortlich. "Früher wurden Preisschilder mit der Feder gezeichnet. Jetzt gibt es dafür Programme am Computer."

Schöne Seiten des Berufs

Ganz empfindet es als schön, seine Kreativität umzusetzen und Ästhetik zu schaffen. Er liebt die Arbeit mit den Händen und den Abwechslungsreichtum seines Berufs.



Kehrseiten des Berufs

"Ich kann eigentlich nichts als negativ beurteilen", meint Ganz. Allerdings sei sein Arbeitgeber auch eine Ausnahme, was die individuelle Schaufenstergestaltung angeht. Bei den meisten großen Modehäusern findet der Prozess der Gestaltung nicht mehr unter einem Dach statt.

Die Ideen kommen meist von auswärtigen Designern und werden dann vor Ort mit komplett gelieferter Austattung umgesetzt. Dabei steht weniger die Individualität der einzelnen Häuser im Mittelpunkt, sondern eher die optische Übereinstimmung der einzelnen Filialen. "Früher machte man gern Schaufensterbummel. Heute rentiert sich das gar nicht mehr. Die Fenster sehen in jeder Stadt gleich aus."

Wegen dieser Einsparung an kreativen Arbeitskräften in den Modehäusern sieht der Arbeitsmarkt für Schauwerbegestalter derzeit nicht so gut aus. Es ist schwierig, Ausbildungsplätze geschweige denn Arbeitsplätze in der Branche zu bekommen.



Berufsanekdote

Wir hatten eine Zeit lang als Beleuchtung Stromschienen mit Pressglasscheinwerfern am Boden. Diese Scheinwerfer entwickelten eine ziemliche Hitze.

Damals gab es auch noch keine Vollpuppen, sondern biegsame Schaumgummipuppen. Einer unserer Auszubildenden drapierte damals eine dieser Puppen in sitzender Position über einem der heißen Strahler.

Die Puppe saß schief, kam ins Rutschen, kippte um und landete auf dem Strahler. Glücklicherweise hatte sie einen Pelzmantel an. Pelz brennt nämlich nicht, sondern schmort nur. Als ich am nächsten Morgen zur Arbeit kam, war das Fenster leer, bis auf die verschmorten Überreste. Im ganzen Haus stank es fürchterlich. Wir hatten Glück im Unglück. Dem Pelz ist es zu verdanken, dass es keine größeren Schäden gegeben hatte.