Wie werde ich Radiomoderatorin?

Cristina Morales

Julica Goldschmidt, 32, ist Radiomoderatorin und Redaktionsleiterin der "Morgenshow" bei Baden.fm. Arbeitszeit: von sechs bis vierzehn Uhr, davon vier Stunden live On-Air. fudder-Autorin Cristina Morales ist früh aufgestanden und hat Julicas Arbeitstag begleitet:



Berufsalltag

Es ist Punkt 6 Uhr. Julica Goldschmidts Arbeitstag im Baden,fm-Studio auf der Haid beginnt mit einer Tasse Kaffee und einem hochmotivierten “Guten Morgen!” ins Mikrofon. Die 32-jährige Freiburgerin moderiert gemeinsam mit ihrem Kollegen Oli Bolz seit fünf Jahren an fünf Tagen die Woche die "Morgenshow", montags bis freitags von sechs bis zehn Uhr.

Vor dem Fenster des Studios ist es jetzt um 6 Uhr noch dunkel, drinnen herrscht frühmorgendlicher Radioalltag, bis ins kleinste Detail und auf die Minute durchgetaktet, aber mit Raum für Improvisation. Der Plan für die Sendung passt auf zwei DINA4-Blätter. Nachrichtenredakteur Martin Woßmann spricht alle halbe Stunde Nachrichten aus Südbaden und der Welt, deutlich ernster als Julica und Oli, die für die Sendung einen lockeren Ton pflegen. "Krampfhaft gut gelaunt sind wir aber nicht", sagt Julica. Die Morgenshow soll authentisch sein. "Das Wetter ist scheiße! Wir sind müde! Wir wollen die Leute da abholen, wo sie tatsächlich sind."

Mit schwarzen Kopfhörern auf den Ohren sitzen Julica und Oli vor ihren Computern, mehreren Monitoren und einem Fernseher, moderieren, steuern die Musiktracks an und behalten den Überblick über den Sendungsplan. Zwischen den Moderationsblöcken sind immer wieder kurze Pausen, in denen sie miteinander reden. Während für die Zuhörerinnen und Zuhörer im Radio Musik läuft, holt Julica sich schnell ein Brötchen vom Bäcker nebenan. Kaum hat sie einen Bissen genommen, ist die Moderationspause wieder vorbei.

Um pünktlich bei der Arbeit zu sein, steht Julica um 5 Uhr auf. Das frühe Aufstehen nervt total. Aber abgesehen davon, kann ich wirklich nichts Schlechtes an meinem Beruf finden", sagt sie. Um nicht noch eher aufstehen zu müssen, richtet sie schon am Vorabend ihre Klamotten und braucht vom Aufstehen bis sie zum Aus-dem-Haus-gehen knappe zehn Minuten. Unternehmungen am Abend oder feiern gehen, sind deswegen schwer möglich. "Alternativ schafft man einfach alle Freunde ab", kommentiert Oli Bolz, während er sein Müsli isst.

Um zehn vor acht ist es Zeit für einen Standardprogrammpunkt der Morgenshow: "Die Frohe Botschaft". Heute ist das die Tatsache, dass Frauen mit durchschnittlich acht Liebhabern sexuell aktiver als in den 90ern sind. Damals waren es nur vier. Ein halbes Dutzend Songs später trägt Julica ein selbstgeschriebenes Gedicht vor, das sie in der letzten Moderationspause geschrieben hat. In der nächsten Pause verlässt sie kurz das Studio und kommt geschminkt zurück.

Zwischendurch tauscht sie sich mit Oli Bolz aus, wie die Sendung weitergehen soll. Während sie mit ihm redet, läuft für die Zuhörer „Sweat“ von Inner Circle. Die letzten Töne klingen aus, und die Moderatoren setzen schnell ihre Kopfhörer auf und moderieren weiter. „Ach, was haben wir damals eng umschlungen getanzt", sagt Oli. "Gott sei Dank warst du nicht dabei, Schätzelein!" Frotzeleien wie diese gehören zum Konzept der Sendung, privat sind die beiden Morgenshow-Moderatoren tatsächlich aber gut befreundet.

Um 10 Uhr ist die Sendung vorbei, Julicas Arbeitstag aber noch nicht. Im Anschluss an die Sendung schneidet sie routiniert ein Best-of der aktuellen Show zusammen, das im Laufe des Tages immer wieder als Trailer eingespielt werden wird. Eine halbe Stunde später trifft sich die Baden.fm-Redaktion zu ihrer Redaktionssitzung und bespricht die Sendung vom Morgen im Büro des Programmchefs zwischen Regalen voller CDs und Baden.fm-Logo-Tassen, die von Studiogästen signiert wurden.

Die Redaktion bespricht offen, was heute gut gelaufen ist und was man hätte besser machen können und geht das Protokoll der Sendung durch. Julica ist heute nur halb zufrieden mit der Sendung. "Es war ein bisschen unstrukturiert", sagt sie. Danach wird noch kurz besprochen, welcher Kinofilm als Tipp der Woche vorgestellt werden soll. Dann beginnt für Julica die Arbeit für den nächsten Tag: Recherche nach neuen Themen für die nächsten Sendungen, administrative Aufgaben und E-Mails. Ihr Arbeitstag endet gegen 14 Uhr.

Berufseinstieg

Es gibt viele Wege, Radiomoderatorin zu werden. "Man braucht hier nicht die entsprechende Ausbildung, wenn man das Talent hat. Dieser Job kann mit ganz verschiedenen Voraussetzungen ausgeübt zu werden", sagt Julica.

Nach dem Abi am Marie-Curie-Gymnasium in Kirchzarten machte sie ein zweimonatiges Praktikum bei FR1, dem Vorgänger von Baden.fm. Direkt im Anschluss bekam sie ein zweijähriges Volontariat angeboten. Mit Anfang 20 bekam Julica eine eigene Sendung und verwarf den Plan, zu studieren. Begleitend zum Volontariat absolvierte sie zwei Jahre Sprecherziehung beim Freiburger Schauspieler Manfred Burkhart, der ihr unter anderem half, ihr "zischendes S" deutlich zu reduzieren.

„Viele Kollegen haben das auch gemacht. Er hat uns den Schliff gegeben, was unsere Stimm- und Atemtechniken angeht." Außerdem lernte sie, Texte an die Textform angepasst zu präsentieren: "Nachrichtentexte muss man natürlich anders lesen, als Comedy-Inhalte."



Fähigkeiten

Die Stimme ist das Werkzeug des Radiomoderators. „Eine gute Stimme ist niemals nervig oder aufdringlich. Sie darf nicht zu hoch oder zu schrill sein", sagt Julica. Sie findet eine Stimme besonders schön, wenn sie markant ist und einen Wiedererkennungswert hat. "Ein Kollege hat mir mal gesagt: Eine Frauenstimme ist dann fürs Radio gut, wenn die Männer mit dir ins Bett und die Frauen mit dir Kaffee trinken wollen." Ihre eigene Radiostimme mag sie gerne. Deswegen findet sie es schade, wenn Leute meinen, dass sie sich in echt ganz anders anhöre. „Ich würde gerne immer so klingen, wie 'On-Air', aber da hat man einfach eine ganz andere Präsenz als im Alltag."

Darüber hinaus muss eine Radiomoderatorin belastbar, spontan, humorvoll und kreativ sein. Außerdem muss man in diesem Beruf schnell reagieren, unterhalten, gut mit Leuten umgehen können und Spaß an Sprache haben. "An meinem Job mag ich am liebsten, dass ich verrückt und kreativ sein kann. Ich kann hier mich und das was ich mag verwirklichen", sagt Julica. Außerdem mag sie, dass der Arbeitsalltag so abwechslungsreich ist. "Durch Interviews trifft man sehr viele verschiedene Menschen. Ich kommuniziere auch gerne mit unseren Hörern. Für mich fühlt es sich immer so lebendig an. Man bekommt durch den Job alle aktuellen und spannenden Dinge mit, die bei uns in der Region und auf der ganzen Welt passieren."

Vorurteile gegenüber Radiomoderatorinnen und -moderatoren sind, dass sie oberflächlich, selbstdarstellerisch, und unernsthafte Rampensäue sind. "Das muss man natürlich alles sein, aber das bedeutet nicht, dass man keinen Tiefgang hat", sagt Julica. Neben dem Job im Radio arbeitet sie außerdem als freie Moderatorin, zum Beispiel für die Sportlergala in Freiburg oder für Veranstaltungen wie die Joy of Fashion, die Julica im November moderiert hat.

Zukunftsperspektiven

Julica kann sich momentan nicht vorstellen, kein Radio mehr zu machen. Sollte sie sich irgendwann "ausgequasselt" haben, will eine Arbeit im Hintergrund eines Radiosender annehmen. Internetradio sieht sie im Moment noch nicht als Konkurrenz: "Es kann nicht dasselbe bieten wie ein klassischer Radiosender, nämlich Infos aus der Region und für die Region. Viele Leute möchten mehr als Musik, sie möchten Nachrichten: Da sind wir nicht nur Musiklieferant, sondern auch Informationslieferant."

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