Wie werde ich Pianist? (4)

Helena Barop

Marcin Grochowina ist Pianist. Als er zum ersten Mal in die Tasten griff, konnte seine Familie sich kein Klavier für ihn leisten. Doch die Musik ließ ihn nicht mehr los. Bei fudder spricht er über seine musikalische Kindheit, den klassischen Rucksack und die Liebe zum Jazz.

Kinderschuhe


Mit sechs habe ich angefangen, Klavier zu spielen. Leider hatte ich damals kein Instrument und konnte deshalb keinen regelmäßigen Unterricht nehmen. Ein Jahr später hat mein Opa mir dann ein Klavier gekauft. Ihm habe ich es zu verdanken, dass ich dann in die Musikschule kam.

Ich bin in Polen aufgewachsen. Die professionelle Musikausbildung fängt dort schon früh an, mit sieben Jahren muss man an dem Auswahlverfahren der Musikschule teilnehmen. Für mich war das damals eine ganz tolle Ergänzung meines Lebens. Vormittags ging ich in die normale Schule, nachmittags in die Musikschule. Aber nebenbei konnte ich trotzdem Fußball spielen, wie andere Kinder auch. Mit sieben oder acht hätte ich nie gedacht, dass ich Berufsmusiker werden könnte.

Frühe Entscheidungen

Mit 14 musste ich mich dann entscheiden, ob ich an der Musikschule weitermachen wollte. Da wurde es dann ein bisschen ernster. Die Entscheidung habe ich freiwillig getroffen. Ich habe mit meinen Eltern ausführlich darüber gesprochen. Mir war klar, dass Musiker sehr unsichere Berufsaussichten haben, meine Eltern haben mich über die Risiken und Nebenwirkungen aufgeklärt, schließlich weiß man nie was kommt. Aber ich habe mich dafür entschieden. Es ist sehr wichtig, dass man das selber will, jede Art von Zwang ist da sehr schädlich. Gleichzeitig braucht man unbedingt starke Unterstützung, wenn man sich einmal entschieden hat.

Das Musikgymnasium, das ich in Kattowitz besucht habe, war berühmt und die Aufnahmeprüfung umfangreich: Ein vorbereitetes Klavierprogramm, vom Blatt spielen, Harmonielehre, Gehörbildung. Die erste große Herausforderung. Man musste sich messen, die Konkurrenz war sehr hart, auf 100 Bewerber wurden fünf Plätze vergeben. Trotz der maroden Berufsaussichten sind die Anforderungen enorm. Dass ich genommen wurde, habe ich als Auszeichnung empfunden.

Alltag

Alltag bedeutet für mich, dass ich mich mit Musik beschäftige. Jeden Tag, intensiv, ununterbrochen. Vormittags arbeite ich am Klavier, ich übe, bereite das nächste Konzertprogramm vor, schreibe Stücke, lerne neue Sachen, entwickle Ideen. Am Nachmittag habe ich Proben mit meinen Musikerkollegen. Außerdem muss ich natürlich auch Management und Administration machen, das ist sehr wichtig. Später kommt dann noch Zeit zum Lesen und Nachdenken und Aufschreiben. So versuche ich meine Tage zu gestalten, wenn ich zu Hause in Freiburg bin.

Meine Musik

Ich lebe von meiner Flexibilität. Ich habe eine komplette klassische Ausbildung, aber ich habe mich auch immer mit Improvisation und Jazz beschäftigt. Meine Projekte sind sehr unterschiedlich, ich mache sehr viel Kammermusik, spiele in einem Jazzensemble, gebe klassische Solokonzerte. Besonders gerne arbeite ich mit Geigern zusammen. Vor kurzem habe ich auch eine neue Band auf die Beine gestellt, sie heißt Mod 3. Es ist ein Trio mit Piano, Schlagzeug und Bass. Mit ihnen spiele ich nur Stücke, die ich selber geschreiben habe.



Jazz

Ich hatte immer die Veranlagung, Musik nach dem Gehör nachzuspielen. Es hat mich immer fasziniert, so frei zu sein. Ich wollte einfach Abstand von dem vorgegebenen Text nehmen, von den Noten. Improvisation ist Bestandteil unseres Lebens. Vieles, was wir machen, ist improvisiert. Klassische Musik wird meiner Meinung nach dann besonders interessant, wenn sie so frei und ehrlich klingt wie Improvisation.

Angefangen hat das damals auf dem Musikgymnasium. Ich war 14 und ich wusste nicht, was das ist: Jazz. Es hat mir nur wahnsinnig gut gefallen, vor allem als ich die Freiheit gerochen hatte, die da drin steckt. Ich habe von Natur aus einen sehr starken Freiheitsdrang, wahrscheinlich mochte ich diese Musik deshalb so sehr.

Es gab damals in Polen wenig Material, keine Platten, keine Noten. Ich habe sehr viele Jazzkonzerte gehört und bin dann ganz schnell nach Hause gerannt und habe all das ausprobiert, was ich gehört hatte. Anhören, Abgucken, Ausprobieren, so ging das. Eigentlich geht das bis heute so, die Neugier ist geblieben.

Mit 19, als ich in die Hochschule kam, musste ich mich entscheiden. Jazz oder Klassik? Damals habe ich die Klassik gewählt. Ich wollte die Musik kennenlernen, in ihrem ganzen Umfang, wollte die Geschichte wissen, alle Komponisten studieren, die alte Musik, die ganze Tradition. Ich wollte mich mit den Rucksäcken der alten Musik belasten. Trotz meines klassischen Studiums ist aber die Liebe zum Jazz und zur Improvisation nie gestorben. Die Klassik war für mich wie eine gute Ehefrau. Die Jazzmusik aber, die war meine Liebhaberin. Ich bin immer wieder zu ihr zurückgekehrt und habe sie leidenschaftlich geliebt.

Konzertprogramm

Ich bin in der luxuriösen Situation, dass ich meine Programme selbst gestalte. Niemand schreibt mir vor, was ich spielen soll, und das genieße ich sehr. Mein Programm ist sehr gemischt. Meistens spiele ich in der ersten Hälfte meiner Konzerte klassische Stücke, zum Beispiel von Beethoven, Chopin und Liszt. Dann schlage ich eine Brücke und entferne mich immer mehr von der klassischen Welt. Die zweite Hälfte gehört dann der Improvisation.

Üben, üben, üben

Natürlich verfüge ich inzwischen über mehr Erfahrung als am Anfang. Wenn ich ein Stück bekomme, schlage ich es auf und sehe sofort die Zusammenhänge, selbst wenn ich es noch nie gehört habe. Beim Durchblättern höre ich innerlich schon die Musik. Ich erkenne dann auch sofort die problematischen Stellen, an denen ich etwas besonders üben muss. Dann spiele ich das Stück und arbeite an den erkannten Problemen. Inzwischen geht das sehr schnell, es ist nicht mehr so mühsam wie früher. Das Üben macht mir wahnsinnig Spaß. Lust am Üben, Lust am Entdecken, Lust am Improvisieren, Lust an der kreativen Arbeit – das ist es, was mein Leben spannend macht.

Vielleicht ist das nicht leicht zu verstehen. Ich habe neulich mit einem Freund von mir darüber gesprochen. Er ist Kardiologe. Es war mir unvorstellbar, wie jemand zwei- oder dreimal am Tag Herzen aufschneiden kann. Genauso hat er es nicht verstanden, wie ich täglich stundenlang am Klavier sitze. „Geht denn das?“, hat er gefragt, „Hast du dann Lust, zu üben?“ Die Antwort ist ja. Ich quäle mich nicht, ich halte nichts von stundenlangem, mechanischem Üben. Ich will nicht einfach irgendwas lernen und es dann abspulen, Millionen Mal die Frühlingssonate aufführen. Das ist doch absurd. Das hat nichts mehr mit Musik zu tun. Dafür ist mein Leben viel zu kostbar. Es gibt noch so viele andere Bereiche, die in meinem Leben wichtig sind.

Vor Konzertbeginn

Kurz bevor es losgeht, ist meine Stimmung sehr unterschiedlich. Sie hängt sehr von der Situation ab. Meine innere Uhr ist auf acht Uhr abends eingestellt, um diese Zeit muss ich wach sein und das Beste von mir bringen. Ich habe gelernt, den Konzerttag so zu gestalten, dass ich mit meiner Kraft gut hinkomme. Die Aufregung vor dem Konzert ist immer sehr unterschiedlich, ich habe noch nicht herausgefunden, wovon das genau abhängt. Manchmal bin ich mehr aufgeregt, manchmal weniger, manchmal gar nicht. Kleinigkeiten werden in dieser Situation sehr wichtig. Der Stuhl ist zu hoch oder zu tief, das Licht passt nicht, es sind zu wenig Leute da, oder zu viele, es ist zu kalt oder zu warm. Da muss man wahnsinnig aufpassen, dass man nicht verrückt wird. Ein bisschen Aufregung ist allerdings sehr gut.



Konzertgefühle

So ein Konzert ist eine besondere Situation. Durch die Aufregung ist man innerlich gezwungen, Leistungen zu bringen, die man bei sich im Zimmer normalerweise nicht bringen kann. Das sind die besonderen Momente, für die die Menschen in Konzerte gehen. Sie wollen nicht, dass etwas abgespult wird. Wenn ich ein Konzert höre, will ich nicht erfahren, wie toll die vierte Sinfonie von Brahms klingt, das weiß ich auch so. Ich will etwas besonderes erleben, ich will, dass unvorhersehbare, unkalkulierbare Momente entstehen. Plötzlich sind sie da, es entwickelt sich eine Inspiration – das ist es, was ich auf meinen Konzerten erreichen will.

Ich versuche, eine Verbindung zum Publikum herzustellen. Nur dann kann dieser Austausch entstehen, der den Abend zu etwas Besonderem macht. Wenn ich das Gefühl habe, heute abend ist etwas besonderes passiert, es ist eine interessante Energie im Raum entstanden, dann hab ich mein Bier verdient.

Schubladen

Für meine Musik gibt es kein Etikett. Jazz, Drum 'n' Bass, Weltmusik, Pop, Klassik, Barock... meine Musik beinhaltet meine Lebenserfahrung. Ich will mich nicht in eine Schublade stecken lassen. Viele haben in den letzten Jahren versucht, mich irgendwie zu positionieren. Man lebt einfacher, wenn man irgendwo in einer Schublade sitzt. Aber nicht mit mir. Ich bin offen und neugierig. Meine Freiheit will ich nicht opfern, nur weil ich dann besser vermarktbar bin.

Management

Ich vermarkte mich selbst. Ich lebe von Empfehlungen, jedes Konzert ist wie eine Bewerbung für das nächste Engagement. Natürlich würde ich mir eine gute Agentur wünschen, aber ich habe noch keine gefunden. Langsam komme ich immer besser damit klar, aber es gab auch sehr mühsame Zeiten. Management, das habe ich nirgendwo gelernt, ich wusste nicht, wie das geht.

Das war eine große Last für mich. Auch heute würde ich oft lieber komponieren oder üben oder Ideen entwickeln. Stattdessen muss ich am Telefon sitzen, nochmal und nochmal nachfragen, irgendwas ausfüllen, abschicken. Für mich ist das eigentlich grausam. Aber ich habe mich damit arrangiert.

Lebensphilosophie

Natürlich muss man in meinem Beruf auch Opfer bringen. Schließlich ist meine finanzielle Lage nicht besonders sicher. Ich werde oft gefragt, ob mir das nicht schwer fällt. Aber man muss sich arrangieren und man muss im Frieden mit sich selber sein, das ist das Wichtigste. Man muss wissen, was man braucht, und was man nicht braucht. Das muss man selbst definieren. Wenn Musik und Kunst einen so sehr beflügeln, wie mich, ist ein Leben wie meines kein Opfer. Ich muss auf nichts verzichten, ich bin hundertprozentig erfüllt.

Ich habe einen großen Traum im Leben, außer dem musikalischen. Ich wollte fliegen lernen, ich wollte selbst ein Flugzeug fliegen. Selbst das habe ich verwirklicht, ich bin tatsächlich Pilot geworden. Alles ist möglich, wenn man will. Man muss nur einigermaßen realistische Träume haben und sie irgendwann verwirklichen – dann ist der Mensch glücklich. Ich bin kein Weltstar, ich bin nicht der berühmteste Pianist, aber das juckt mich gar nicht.

Ich habe in meinem Leben Sachen gemacht, die viele Startpianisten bestimmt nicht gemacht haben. Sie mussten vielleicht in der Zeit, während der ich fliegen lernte, zum hundertsten Mal die Frühlingssonate abspulen.

Ich bin zufrieden. Jeder Tag ist für mich ein Geschenk. Vielleicht muss ich morgen sterben, das weiß ich nicht. Jeden Tag, wenn ich aufstehe, denke ich daran, dass ich wahnsinnig glücklich bin, weil ich das mache, was ich relativ gut kann. Jeden Tag geht es ein Stückchen weiter, man muss immer einen Baustein dazu stellen. Das ist eine Philosophie, die mir Kraft gibt.

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