Wie werde ich Orthopädie-Techniker?

Anna-Lena Zehendner

Marco Häberlin hat es geschafft. Seit genau einer Woche darf sich der 24-Jährige offiziell Orthopädie-Techniker nennen. Und er hat gleich doppeltes Glück. Denn trotz Wirtschaftskrise wurde Marco von seinem Ausbildungsbetrieb direkt übernommen. fudder-Autorin Anna-Lena hat sich dort einmal umgesehen und erfahren können, warum der Beruf des Orthopädie-Technikers so facettenreich, dabei nicht immer einfach, aber trotzdem einmalig und spannend ist.



„Das sind unsere heiligen Hallen“, sagt Mike Dehn, Orthopädie-Techniker Meister und Inhaber des Sanitätshauses Pfänder in Freiburg, und öffnet die Tür zur großen Werkstatt.


Zuvor ging es durch das „Reich der Bandagisten“, wo fleißige Hände die letzten Schliffe an den angefertigten Prothesen und Orthesen vornehmen. Prothesen dienen als Ersatz von Extremitäten, Orthesen zu ihrer Unterstützung.

Klettverschlüsse werden angenäht und Wildleder, für ein besseren Tragekomfort, in die so genannten Schafte geklebt. Auch die Anprobe wird vor dem Eintritt in die heiligen Hallen durchquert. Hier werden die fertigen Pro- und Orthesen von den Patienten das erste Mal vorsichtig getestet.

In der Werkstatt angekommen eröffnet sich ein großer, heller Raum, in dem viele verschiedene Werkzeuge und unterschiedlichste Materialien vorzufinden sind.



In Regalen stehen fertige oder noch fertigzustellende Bein-Prothesen und Orthesen sowie zahlreiche Gipsabdrücke von Beinen, aber auch von ganzen Oberkörpern. Es könnte einen fast gruseln, wenn man nicht wüsste, dass hier Gutes getan wird. In der Werkstatt sind Techniker in weißen Kitteln sehr konzentriert und geschäftig bei der Arbeit. Unter ihnen auch der frisch ausgebildete Marco Häberlin, der mit den Meistern der Technik kleine Wunder vollbringt.

„Ich bin spezialisiert auf Prothetik, aber während meiner Ausbildung habe ich jeden Bereich durchlaufen“, erklärt Marco. Denn das Berufsbild eines Orthopädie-Technikers vereine insgesamt drei Jobs: den Bandagisten, den Meister und den Schuhmacher. Für ihn ist es gerade diese Abwechslung, die den Beruf so spannend macht.



Im Gips-Raum (Bild oben), der im ersten Moment an eine Bäckerei erinnert, füllt Marco den zuvor genommenen Gipsabdruck eines Patienten erneut mit Gips aus. Sobald das Modell trocken ist, wird daran der Schaft, also der Teil, der später an die amputierte Stelle angelegt wird, modelliert.

„Die Arbeit hier wird nie eintönig“, schwärmt der frisch gebackene Orthopädie-Techniker. „Man verwendet unterschiedliche Materialien wie Holz, Metall oder Kunststoff und steht dabei immer wieder vor einer neuen Herausforderung.“

Jede Prothese ist einzigartig und wird speziell den Bedürfnissen des Patienten angepasst. Bevor jedoch mit der eigentlichen Arbeit an einer Prothese begonnen werden kann, muss ein Orthopädie-Techniker immer erst auf das OK der Krankenkasse, warten. Davon hängt ab, mit welchen Materialien gearbeitet werden kann, da es dabei natürlich preisliche Unterschiede gibt.

So werden in Marcos Ausbildungsbetrieb sowohl hoch technisierte, mikroprozessorgestäuerte Knieprothesen – so genannte C-Legs –, als auch altbewährte Holzprothesen hergestellt.



Die Produktion von Prothesen für Leistungssportler, wie man sie ab kommendem Freitag bei den Paralympics in Aktion sehen kann, sei hier jedoch grundsätzlich zu teuer. „Solche speziellen Prothesen werden von der Industrie mit Hilfe von Sponsorengeldern finanziert und hergestellt. Sie sind letztlich auch nicht alltagstauglich, sondern werden auf die speziellen sportlichen Belastungen ausgerichtet“, erklärt Techniker Meister Mike Dehn (Bild oben). Für die Fertigstellung von Prothesen sind jedoch in jedem Fall viele einzelne Schritte notwendig, bei denen Erfahrung und Gefühl für das jeweilige Material  wichtig sind.

Marco Häberlin sagt stolz: „Ich habe großes Glück mit meinem Betrieb, da wir hier wirklich noch jeden Schritt selber machen dürfen und nicht nur jeweils eine Person für einen bestimmten Vorgang zuständig ist. Also kann ich von den Abdrücken, über das Gipsen und Schäften, bis hin zur Anprobe bei den Patienten alles selbst in die Hand nehmen – die fertige Arbeit muss ich mir allerdings immer noch von einem Meister abnehmen lassen", fügt er lächelnd hinzu.



Einen Bezug zu Prothesen, und damit im weiteren Sinne auch zur Orthopädietechnik, hatte Marco schon von klein auf, denn sein älterer Bruder wurde ohne Beine geboren. „Mein Bruder wird mittlerweile seit zwanzig Jahren von Pfänder versorgt, so dass mir der Betrieb schon lange vor meiner Ausbildung bekannt war.“

Doch erst nachdem er seinen Zivildienst bei einer Körperbehindertenschule in Emmendingen gemacht hatte, entschloss sich Marco nach einem einwöchigen Praktikum, die dreijährige Ausbildung zum Orthopädie-Techniker zu machen.

Dass hierfür mehr gefragt ist, als nur das handwerkliche Können, hat er schnell festgestellt. „Besonders die älteren Patienten, die zu uns kommen, haben oft großen Redebedarf. Dafür braucht man viel Geduld und man muss vor allem gut Zuhören können. Als Orthopädie-Techniker muss man außerdem lernen, mit vielen Schicksalsschlägen, mit denen man immer wieder konfrontiert wird, umzugehen.“ Doch mit der Zeit und der wachsenden Gewohnheit würde man damit recht gut klar kommen, meint der 24-jährige (Bild unten).

Was Marco an seinem Beruf besonders gefällt: dass man am Ende einer bestimmten Arbeit auch sieht, was man geschafft und geschaffen hat. „Wenn die Prothese fertig und auch was geworden ist, dann ist man wirklich stolz auf sich und seine Arbeit.“

Allerdings sei es manchmal auch frustrierend, wenn man eine fertige Prothese nach langer Arbeit wieder abändern muss, zum Beispiel wenn sich das Gewicht des Patienten geändert hat. Es sind somit gerade auch die Kleinigkeiten, die ein Orthopädie-Techniker bei seiner Arbeit immer wieder berücksichtigen muss. „Wenn man aber letztlich bei der Anprobe der fertigen Prothese in die strahlenden Gesichter der Patienten schaut und weiß, dass man ihnen damit geholfen hat, ihren Alltag besser bewerkstelligen zu können, dann wird man für alle Mühen belohnt.“ Und das sei schließlich das Schöne an seinem Job.

In ein bis zwei Jahren, wenn er genügend Erfahrungen gesammelt hat, möchte Marco auf die Meisterschule in Heidelberg gehen. Er hofft, anschließend als Meister in die „heiligen Hallen“ seines Ausbildungsbetriebs zurückkehren zu können.