Wie werde ich Lektor? (10)

Steffi

Rudolf Walter ist Lektor im Freiburger Herder Verlag. Walter leitet und koordiniert die einzelnen Lektoratsbereiche. Was macht ein Lektor eigentlich? Den ganzen Tag Manuskripte lesen? Sie gut finden oder ablehnen? Herr Walter bereinigt im Interview einige Klischeevorstellungen und erzählt von seinem Berufsalltag.



„Die romantische Vorstellung, dass ein Lektor den ganzen Tag im Büro sitzt und liest und liest und liest, stimmt nicht mit der Realität überein.“

Die Berufsbezeichnung „Lektor“ (aus dem Lateinischen: lector = Der Leser) wird heutzutage dem Beruf nicht mehr ganz gerecht. Herr Walter sitzt in einem Besprechungsraum des Verlags und sagt: „Zum eigentlichen Lesen komme ich oft nur am Wochenende oder in meiner so genannten Freizeit. Gewisse Manuskripte muss ich dann einfach mit nach Hause nehmen.“

Herr Walter, worin besteht ihre Tätigkeit?

Die Aufgabe eines Lektors besteht darin, die gesamte Entwicklung eines Buches zu begleiten - von der Konzeptidee über das entstehende Manuskript bis hin zum fertigen Buch, das in die Buchhandlung kommt. Er ist also Geburtshelfer für ein Buch.

Machen Sie das ganz allein?

„Lektoratsarbeit ist oftmals auch Managerarbeit. Je mehr Titel gemacht werden, desto mehr muss ich an freie Mitarbeiter delegieren. Wir arbeiten mit Außenlektoren zusammen. Die können in Hamburg oder auch in Nordirland sitzen.“

Auch für das Korrekturlesen ist Walter nicht allein zuständig: „Der Lektor ist mit den Textmengen so belastet, dass er sie nicht Zeile für Zeile nach einem Kommafehler durchsuchen kann. Jedes Buch wird von Dritten gegengeprüft. Letzten Endes ist der Lektor jedoch die abschließende Instanz und somit auch für das Produkt verantwortlich.“



Wie kommt der Verlag an den Autor?

„Herder ist ein Programmverlag, der bestimmte Themen im Blick hat; zum Beispiel Theologie, Pädagogik, Gesellschaft und Politik. Es ist daher auch die Regel, dass der Verlag sich an spezielle Autoren wendet und nicht andersherum.

Wir bekommen zwar sehr viele unverlangt eingesendete Manuskripte, bis zu 30 am Tag. Es ist jedoch eher selten der Fall, dass diese dann auch genommen werden. Man siebt sehr schnell aus. Oft reicht es, nur zwei bis drei Seiten zu lesen, um die Qualität des Manuskriptes einschätzen zu können. Wenn man sich bei einem fachlich relevanten Text nicht ganz sicher ist, kann man die Textvorlage auch an einen Fachmann weitergeben. Gutachten helfen dann bei der Entscheidungsfindung."



In seiner Auswahl und Bewertung von Manuskripten bewegt sich der Lektor auf einem schmalen Grad.

„Ein tragischer Moment eines jeden Lektors ist es, wenn man sich an einem Projekt täuscht. Es kommt immer mal wieder vor, dass man ein Thema für sehr interessant hält, dieses jedoch bei den Lesern überhaupt keinen Zuspruch findet.“



Auch innerhalb des eigenen Hauses braucht der Lektor viel Geduld und Durchsetzungsvermögen.

„Man muss nicht selten auch intern gegen Hindernisse ankämpfen. Es kann schon mal vorkommen, dass ich mich für eine Idee einsetze und die Marketingabteilung mir dann aber einen Strich durch die Rechnung macht. Damit muss man leben. Oder sich zusammenraufen."

Damit spricht Walter etwas an, was viele nicht bedenken: Ein Lektor lebt nicht in einer isolierten Welt der kreativen Bücherschaffung. Die Realität sieht anders aus.

„Der Beruf des Lektors ist ein kommunikativer. Das Lektorat ist eine Schnittstelle zu Verkauf, Marketing und Pressearbeit. Viele wissen gar nicht, dass man als Lektor etwa Lizenzen einkauft, mit Agenturen und fremdsprachlichen Verlagen verhandelt.“

Das Vermögen, wirtschaftlich zu denken, ist offenbar unabdingbar.

„Für den Lektor ist ein Buch in erster Linie ein Produkt, das sich auf dem Markt zu bewähren hat. Man kann die schönsten Bücher machen. Wenn man aber keine Leser findet, geht der Verlag schneller pleite, als man denkt. Leider ist ein gutes Buch nicht mit einem sich gut zu verkaufenden gleich zu setzen. Wichtig ist es, die Balance zu finden: Zwischen Inhalt, Qualität und Lesebedürfnis. Dafür muss man eine bestimmte Nase für Dinge haben, die in der Luft liegen.“



Vom Umgang mit den Autoren

„Der Lektor muss den Autor oft besser verstehen, als der sich selbst versteht. Er hilft dem Autor zwar stets auf die Sprünge, sollte sich aber gleichzeitig auch diskret zurückhalten, damit nicht der Eindruck entsteht, dass der Lektor schlauer ist, als der Autor selber.

Man darf als Lektor keinen zu starken Selbstverwirklichungsdrang haben.

Biographisches

Rudolf Walter hat in München Theologie und Germanistik studiert. Nach seiner Promotion arbeitete er als Assistent des Cheflektors an einem lexikalischen Großprojekt mit. Es handelte sich dabei um eine Institution, die schon zum Herder Verlag gehörte, jedoch nicht im Verlag selbst war. Während seines Studiums sammelte er keine praktischen Erfahrungen im Verlagswesen. Dies wäre heutzutage nicht mehr möglich, meint Walter.

„Ich würde keinen einstellen, der nicht schon in einen Verlag reingeschmeckt hat. Meine jüngeren Kollegen haben alle Erfahrungen gesammelt, sei es durch Praktikum oder Volontariat. Danach ergeben sich Chancen auf eine Stelle als Lektoratsassistent mit befristetem Vertrag. Bei Bedarf wird man später übernommen.



Gibt es einen klassischen Ausbildungsweg?

„Nein. Man kann den Beruf weder lernen, noch studieren. Der einzige Weg bleibt die Praxis. Anders ist es bei Fachverlagen: Wenn man zum Beispiel in einen juristischen Verlag will, sollte man Jura studiert haben. Bei uns haben viele Theologie studiert. Für eine Laufbahn in einem literarischen Verlag ist es sicherlich sinnvoll, Sprachen studiert zu haben.

Sternstunden eines Lektors?

„Es ist toll, wenn sich eine Idee so realisieren lässt, wie man sie im Kopf hatte. Das Decken der eigenen Vorstellungen mit den Marktrealitäten ist für mich ein Erfolg.“

Was würden Sie sich für die Zukunft Ihres Berufs wünschen?

Ich hätte gerne mehr Zeit für Kreativität. Die Hektik des Betriebes kann einen manchmal sehr stören. Da wir unsere Bücher im Halbjahrestakt entwickeln, ist der zeitliche Druck zum Teil sehr hoch. Eine Zeitdehnungsmaschine wäre manchmal sehr hilfreich.

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