Wie werde ich Klavierstimmer? (31)

Alexander Ochs

Frank Michael Kahl, 41, ist Klavierstimmer. Vor zehn Jahren hat er sich selbstständig gemacht und ist nun Inhaber eines Klaviergeschäfts in Kirchzarten. Doch was macht eigentlich ein Mann, der von sich sagt: "Ich habe 400 Stimmungen im Jahr"? Alex hat sich an ihn herangetastet.



Ausbildung

„Ich habe die klassische Ausbildung absolviert, das heißt, ich habe eine Ausbildung zum Klavierbauer gemacht, die dauert dreieinhalb Jahre. Ich besuchte ab März 1990 die Bundesfachschule für Klavierbau in Ludwigsburg, dort hatte ich 6 bis 8 Wochen Blockunterricht, dann war ich wieder im Geschäft, vor allem in der Werkstatt. Das war bei Lepthien in Freiburg. Nach drei Jahren machte ich die Gesellenprüfung. Dann wurde ich übernommen und habe zwei Jahre dort gearbeitet.

1996 hing ich eine Meisterschule dran. Ein Jahr Vollzeit, auch in Ludwigsburg. Vier Bereiche musste man beherrschen: Kaufmännisches, Fachpraktisches, Fachtheoretisches und die Ausbildereignungsprüfung. Wer nicht stimmen kann, besteht die Prüfung nicht. Im Sommer 1997 habe ich meinen Meister gemacht. Die Urkunde hängt in meinem Geschäft.

Für die Meisterprüfung musste ich zum Beispiel einen Flügel vermessen und von Hand zeichnen. Wir mussten auch – auf dem Papier – ein Klavier konstruieren und kalkulieren, das so genannte Meisterklavier. Dafür hatten wir 60 Stunden Zeit. Mein Ding hätte damals 22.028,83 DM gekostet. (lacht)

Das war ein Riesenspaß und hatte etwas von einem Studium. Nur für die Familie war es damals belastend, denn meine Frau war allein mit unseren Töchtern. Die waren damals 7, 5 und 3 Jahre alt.



Werdegang

Nach der Meisterprüfung arbeitete ich bei Steinway in Frankfurt, aber nur ein knappes Jahr lang. Anschließend machte ich mich selbstständig und gründete Klavierbau Kahl. Das war vor gut zehn Jahren.

Mein Urgroßvater hat auch schon Klaviere gebaut. Von ihm habe ich noch gusseiserne Rahmen an der Wand in meiner Werkstatt. Das Geschäft – Bock & Hinrichsen in Rendsburg – hatte meinem Urgroßvater gehört, später meinem Onkel.

Ganz wichtig: Es reicht nicht, Klavierstimmer zu sein, man muss dafür auch Klavierbauer sein. Dabei lernt man: Wie gehe ich mit der akustischen Anlage um? Darunter versteht man den Resonanzboden, die Stege und die Saiten. Nur wenn ich diesen Hintergrund habe, kann ich verstehen, was ein Pianist meint.



Arbeitsalltag

Ich habe ungefähr 400 Stimmungen im Jahr. Ich mache das jetzt seit knapp 20 Jahren, das sind so zwischen 8.000 und 10.000, alles zusammen wahrscheinlich knapp 10.000 Stimmungen insgesamt.

Für eine Stimmung brauche ich etwa anderthalb Stunden. Da fahre ich zum Kunden raus, wie ein Außendienstmitarbeiter. Über die Hälfte meiner Arbeitszeit sind Stimmungen, dabei erlebe ich oft auch, dass etwas zu reparieren ist. Dann führe ich diese Reparaturen oder Überholungen in meiner Werkstatt aus. Das sind Arbeiten, die ich sehr gerne mache.

Der dritte Bereich ist der Konzertdienst, das ist die Sahne obendrauf. Konzertflügel werden vor jedem Auftritt neu gestimmt, um diese auf sehr hohem Niveau zu halten. Da kommen die Pianisten manchmal mit detaillierten Anforderungen oder Wünschen auf mich zu – das Pedal anders einstellen, die Intonation ändern oder so etwas.



Ich sitze dann beim Konzert hinten drin, höre zu und muss eventuell auch mittendrin nachstimmen. Toll ist, wenn dem Pianisten das Klavier wirklich liegt, dann springt der Funke über, dann knistert es. Das sind die Highlights!

Ich habe einen sehr großen Kundenstamm, Kunden, die regelmäßig Stimmungen bestellen. Drei Tage in der Woche habe ich mein Geschäft auf. Und wenn kein Kunde da ist, bin ich in der Werkstatt. Ich habe keine Laufkundschaft, jeder Interessent ruft vorher an. Mindestens eine Stimmung habe ich pro Tag. Man braucht ’ne gute Stimmung!

Durch Kundenkontakte und Mundpropaganda erledigt sich so etwas wie Akquisition fast von selbst. Manch einer spielt Klavier und sucht ein Klavier als Wertanlage oder es kommen Anfragen aus dem Internet von weit her. Da versuche ich dann, auf den Kunden zuzugehen und rauszuhören: Was will er? Was sucht er?



Besonderheiten

1997/98, als ich in Frankfurt gearbeitet habe, war ich einmal im Tigerpalast zum Klavierstimmen. Das ist ein bekanntes Variététheater. Und dort lagen echt Tigerhaare im Klavier! Da habe ich mich gegraust.

Talente

Für den Beruf des Klavierbauers und -stimmers sollte man praktisch veranlagt sein und Spaß am Umgang mit allen möglichen Materialien haben: Hölzer, Metalle, Lacke, Leder, Leime... Genau und sauber muss man arbeiten.

Man sollte ein stückweit musikalisch sein und sich sein Gehör nicht versaut oder ruiniert haben durch Discobesuche oder mp3-Player.



Schattenseiten

Für mich hat mein Beruf keine Schattenseiten. Das ist mein Traumberuf. Ich habe in meinem Wohnhaus mein Geschäft und habe zwischendurch immer wieder Zeit für meine Familie.

Perspektiven
Eigentlich habe ich keine beruflichen Perspektiven. Ich könnte die Karriereleiter jetzt weiterdrehen, indem ich sage: Ich will ausbilden, ich will einen Lehrling haben und einen Mitarbeiter. Im Grunde genommen habe ich das erreicht, was ich will und was ich wollte. Aber ich will jetzt keine 13 Stunden am Tag arbeiten. Ich will gerne alleine weiterarbeiten. Es ist nicht immer einfach, trotzdem.



Tipps für Interessierte

Es sind die Kontakte, die Menschen, über die eigentlich alles läuft. Die Kommunikation mit den Menschen – daran muss man Spaß haben. Und man muss Spaß daran haben, mit den Klavieren und Flügeln umzugehen.

Mehr dazu: