Wie werde ich Kinderwagendesigner?

Christoph Müller-Stoffels

Moritz Gliesmann ist weit gereist. Von der Ausbildung zum Maler und Lackierer zum Job als Kinderwagendesigner ist es ein ebenso langer Weg, wie von Berlin an die Schweizerische Grenze. Auf fudder erzählt er, was er unterwegs gesehen hat, was Totenköpfe auf Kinderwagen zu suchen haben und welches Design gar nicht geht. Und, warum der Kinderwagen ein Statussymbol ist.


"Das ist unser Prachtstück, das die ganzen Design-Awards abgeräumt hat", sagt Moritz Gliesmann, Designer bei ABC Design in Albbruck Waldshut-Tiengen, und klappt den Kinderwagen "Takeoff" zusammen.


Etwas Stolz schwingt in seiner Stimme mit. Ein eben so simpler wie raffinierter Mechanismus ermöglicht es, aus dem Buggy ein kompaktes Etwas zu machen, das auch im Flugzeug locker als Handgepäck durchgeht.

"Eigentlich müsste man den Verkäuferinnen in den Läden eine Schulung geben, wie man damit umgeht. Oft verstehen sie es nicht, können dem Kunden nicht die Vorteile präsentieren und empfehlen stattdessen ein anderes Modell." Er lacht. Die Verbindung von Design und der Verkäuflichkeit sei sowieso so eine Sache. "Trends können einen schon sehr einschränken." Der Markt mache keinesfalls alles mit, sondern gebe relativ strikt vor, in welche Richtung es mit der neuen Kollektion gehen muss.



Aber auch das will vorbereitet sei. Und so fängt etwa die Arbeit für die Kollektion 2011 bereits im Herbst 2009 mit einem Besuch der Stoffmesse in München an. Hier werden neue Stoffqualitäten besorgt, mit denen die kommenden Produkte gefertigt werden sollen. Schließlich muss ein Kinderwagen einiges aushalten, muss witterungsbeständig und strapazierfähig sein. Und dann sind da natürlich noch die Farben.

"Wir sind inzwischen nicht mehr nur auf dem deutschen Markt zu Hause, wie das früher der Fall war. Mittlerweile exportieren wir in mehr als dreißig Ländern weltweit. Es ist spannend, wie sich da die Farbgeschmäcker unterscheiden. In Südeuropa kommen helle, ja, fast grelle Farben gut an. In Deutschland dominieren Braun, Schwarz und Anthrazit." Gelb ist hierzulande gar nicht gerne gesehen, da es Bienen und Wespen anziehen würde. Dafür kann hierzulande mit anderen Tabus gebrochen werden. Totenköpfe auf dem Kinderwagen? Kein Problem.

Moritz Gliesmann, fast 31 alt, arbeitet bereits seit 2005 bei ABC Design in Albbruck an der Schweizerischen Grenze. Er ist dort nicht nur für das Design zuständig, sondern kann sich durch seine vorherigen Tätigkeiten auch im Bereich Marketing und Internetpräsenz einbringen. Beim Design ist es sowieso immer noch die Firmengründerin Evi Fischer, die das letzte Wort hat. "Sie hat ABC Design vor gut zwanzig Jahren gegründet und ist natürlich sehr erfahren. Außerdem ist sie meine Schwiegermutter."



Die Tochter der Chefin, seine damalige Freundin und heutige Ehefrau, war auch der Grund, warum es den Berliner in den äußersten Südwesten der Republik verschlagen hat. Nach dem Studium zum Illustrator/Grafikdesigner an der Berliner Technischen Kunstschule arbeitete er erst ein paar Monate in der Schweiz, ehe er im Unternehmen der Schwiegereltern unter kam.

"Es gab mehrere Gründe, die für den Südwesten sprachen. Zum einen wollte meine Frau wieder hierher. Außerdem sind die Gehälter hier höher und der Job sicherer. Wenn dir in Berlin der Job keinen Spaß macht, warten schon zwanzig andere, die ihn gerne nehmen. Außerdem mag ich es hier unten. Als ich zum ersten Mal in Freiburg war, damals noch auf Urlaubsreise, mochte ich die offene Art der Menschen. Hier ist viel weniger Hektik und Lärm, als in einer Großstadt." Trotzdem, versichert er, gehe er immer wieder gerne nach Berlin. "Da sind noch viele Freunde, meine Familie."

Aber auch in Albbruck fühlt er sich wohl, zumal die Zusammenarbeit mit der Schwiegermutter nicht besser sein könnte. "Wir haben eigentlich kaum Meinungsverschiedenheiten." Und Extravaganzen erlaubt das Business sowieso nicht. "Ein Mitbewerber hat einmal namhafte Mode-Designer für eine Kollektion engagiert." Die Kinderwagen seien zwar sehr chic und hätten es in Lifestyle-Magazine geschafft, gekauft wurden sie aber nicht. "Dafür hat sich allerdings die Bekanntheit der Marke gesteigert."

Und auf die Marke, auf sehen und gesehen werden kommt es auch bei in diesem Bereich an. Der Kinderwagen als Statussymbol? "Auf jeden Fall", nickt Gliesmann. "Wenn die Mama nicht den trendy Kinderwagen fährt, dann ist sie auf dem Spielplatz unten durch." Was wie ein Witz klingt, so versichert er, sei Realität, vielleicht traurige Realität. Andererseits kann er als Designer sich darüber freuen, besonders als erfolgreicher Designer.

"Manchmal ist es aber auch absurd. Ein bekannter Kinderwagen wurde in der Serie 'Sex and the City' genutzt. Danach war er zwei oder drei Jahre extrem gefragt. Die Firma hat es dann aber verpasst, nachzulegen." Ein One-Hit-Wonder im Kinderwagen-Bereich. ABC Design sieht Gliesmann dagegen auf einem guten Weg. "Die Wirtschaftskrise haben wir unbeschadet überstanden. Was uns eher Sorgen macht, ist die sinkende Geburtenrate. Wenn die Voraussagen stimmen, soll sie sich bis 2050 halbieren." Aber will er dann überhaupt noch Kinderwagen designen?

"Mir macht meine Arbeit Spaß, das Umfeld ist toll, die Atmosphäre gut. Solange das so bleibt, werde ich das weiter machen. Als Designer bist du immer von deiner Kreativität abhängig. Gedanken sollte man sich machen, wenn die Leute bei zehn Vorschlägen zehn Mal sagen 'Das ist scheiße'. Aber solange das Feedback gut ist, macht es Spaß." Er lächelt und seine Augen beginnen zu leuchten. "Es ist schon ein schönes Gefühl, wenn ich nach Berlin komme, sehe einen Kinderwagen von uns und kann zu meinem Kumpel sagen: 'Den hab ich gemacht'."

Und auch bei der Prominenz kommen die Produkte aus der Grenzregion gut an. "Heidi Klum und Heike Makatsch oder Oliver Pocher’s Freundin Sandy Meyer-Wölden fahren Kinderwagen von ABC Design. Und er natürlich auch." Er deutet auf eine Dankeskarte von Roger Federer, die eingerahmt das Konferenzzimmer schmückt.



Und die Träume? Zum einen hätte er sich nie träumen lassen, Kinderwagendesigner zu werden. Nicht, als er 2000 ein Jahr ein vom Berliner Senat finanziertes Auslandspraktikum bei Kappa in Turin machte, und schon gar nicht, als er von 1996 bis 1999 eine Ausbildung zum Maler und Lackierer absolvierte. Aber dabei stellte sich auch schnell heraus, dass der erste Versuch nicht immer der beste ist. "Nach der Ausbildung war klar, dass das nichts für mich war."

Die eher auf die Zukunft gerichteten Träume haben da einen anderen Glanz. "Ich komme aus der Graffiti-Szene und könnte mir schon vorstellen, mal so einen Kinderwagen zu designen. Das könnte man durchaus als Traum bezeichnen." Allerdings ist es noch nicht für die nahe Zukunft geplant.

Dafür soll die Kollektion 2011 mit einer limitierten Edition mit LEDs und Tribaldesign aufwarten. "Natürlich braucht das niemand", grinst der Designer. Aber nach dem Schema funktioniert Konsum sowieso nicht. "Es bringt uns einfach ein bisschen Aufmerksamkeit." Und lieber so, als wie es ein anderer Hersteller einmal tat. "Kinderwagen im Oktoberfest-Look! Ich habe mich damals schon gefragt, wie man auf solche eine Idee kommen kann."

Als guter Designer bräuchte man ein gutes Farbgefühl und ein Auge für das Design. Und das kann nicht jeder haben. Moritz Gliesmann hat es.