Wie werde ich einen Gast los?

Betül Yaman

Sonja, 22, aus Emmendingen, wohnt mit ihrem Freund in einem Mehrfamilienhaus. Hin und wieder bekommen die beiden spontanen Besuch von einem befreundeten Nachbarn. Manchmal bleibt er aber länger sitzen, als ihr Recht ist. Was kann man da machen?



Liebe Betül, gestern Abend kam ein Nachbar spontan bei uns vorbei, mit dem wir ganz gut befreundet sind. Normalerweise begrenzen sich die gegenseitigen Besuche auf einen Plausch und ein Getränk, Dauer etwa eine halbe Stunde. Gestern aber war das anders.


Obwohl mein Freund und ich extrem müde waren und uns irgendwann auch der Gesprächstoff ausging, blieb der junge Mann gemütlich sitzen, nippte an seinem Bier und begann immer wieder von neuem, Sachen von sich zu erzählen, die die Unterdrückung unseres Gähnens nicht viel einfacher machten. Nach gut zwei Stunden ging er dann. Nun meine Frage: wie kann ich dem Gast in solch einer Situation signalisieren, dass es an der Zeit ist, zu gehen, ohne ihn vor den Kopf zu stoßen?

Liebe Sonja, ein Gast muss sich genauso an Regeln halten wie der Gastgeber auch. Nur so funktioniert ein angenehmes Zusammentreffen.

Normalerweise stattet man grundsätzlich keine unangekündigten Besuche ab. In vielen Nachbarschaften ist jedoch so eine vertraute Beziehung untereinander entstanden, dass man einfach mal durchklingelt, um zu schauen, wie es dem anderen geht. Dagegen ist ja auch nichts einzuwenden, wenn beide Seiten diese spontane Art auch mögen.

Sobald einer aber diese Spontanbesuche nicht wirklich mag, muss er das ankündigen. Vielleicht mit einer klaren Ausladung. „Jetzt habe ich leider keine Zeit. Ich muss noch dringend was am Computer erledigen. Das muss bis morgen fertig sein. Du, sei so lieb und gib mir doch das nächste Mal vorher kurz bescheid, bevor du vorbeischaust, ob es passt. Ich finde es nämlich sehr schade, wenn ich dich nicht reinlassen kann.“

Noch mal: Wer unangekündigt erscheint, darf sich auch nicht ärgern, wenn der andere gerade keine Zeit hat. Und an alle höflichen Gastgeber unter euch, die jeden Spontangast immer herzlich aufnehmen: ihr dürft höflich und bestimmt einen Besuch auch mal ablehnen, wenn dieser mal nicht gelegen kommt.

Ein unausgesprochenes Gesetz zwischen euch war die Dauer seines Besuchs. Bisher immer eine halbe Stunde geblieben, nahm sich der Nachbar diesmal zwei Stunden heraus.

Wenn der Gast durch sein Verhalten Grenzen überschreitet, die den Gastgeber in eine ungewünschte Lage bringen, darf der Gastgeber dies auch signalisieren. Denn als Gastgeber kannst du nur so höflich sein, wie es dein Gast auch zulässt.

Zu deinem konkreten Fall. Es gibt da zwei Verhaltensmuster. Erstens die direkte Ansage: „Es ist immer wieder schön mit dir zu plaudern. Sei mir nicht böse, ich bin sehr müde und habe morgen einen langen Tag vor mir.“ Weiter an der Türe: „Schön, dass du da warst. Gute Nacht.“

Oder: „Ich muss mal auf die Uhr schauen. Mit dir ist es immer so kurzweilig und unterhaltsam aber ich muss morgen sehr früh raus. (Du blickst bewusst auf die Uhr) Oh, schon halb zehn. Ein paar Minuten Zeit haben wir noch, aber dann würde ich gerne schlafen gehen.“ Ihr unterhaltet euch noch kurz und du nimmst dir auch die Zeit. Wenn er nicht von selbst geht, kannst du jetzt die Unterhaltung beenden. „Sei mir nicht böse, ich bin sehr müde und habe morgen einen langen Tag vor mir.“

Weiter an der Türe: „Schön, dass du da warst. Gute Nacht.“

Die elegantere Variante würde ich bevorzugen. Du musst jedoch vorausschauender sein und auch mehr Geduld aufbringen: Dein Gast hat fast nichts mehr in seiner Flasche, dann fragst du: „Darf ich dir noch ein letztes Bier anbieten?“ Mit dem Wort „letztes“ signalisierst du ganz klar, dass der Abend auch bald ein Ende haben wird. Gleichzeitig bleibst du jedoch höflich und nimmst dir noch Zeit für ihn.

Du siehst, man kann sehr wohl auch höflich und bestimmt seine Grenzen zeigen.

Deine Betül