Wie werde ich Digital Character Animator? (28)

Anita Reiter

Viele träumen davon, Zeichentrickfiguren für Filmproduktionen wie "Findet Nemo" zu erschaffen. Der Weg in Animationsstudios wie Pixar ist schwer. Angelique Kesselring, 29, steht kurz vor der Erfüllung ihres Berufstraums. Uns hat sie das Auf und Ab ihrer bisherigen Ausbildung geschildert.



Wenn Angelique von Animation spricht, denkt sie nicht an ihren letzten Mallorca-Urlaub, sondern an Zeichentrickfiguren.

Angelique Kesselring ist 29 Jahre alt und als sie klein war, wollte sie nicht etwa Lehrerin, sondern Digital Character Animator werden. Heute ist dieser Berufswunsch nach einem langen Weg und einigen Rückschlägen fast erfüllt.


Als sie ungefähr zehn Jahre alt war, war sie wie viele andere Kinder vom Zeichntrickfilm Arielle fasziniert. Jedoch auf eine andere Art als ihre Altersgenossen: Sie interessierte sich für die Animation und schaute sich den Film im Bild-für-Bild-Modus an. Sie wusste sofort, dass sie einen solchen Film einmal selbst erschaffen wolle. An zeichnerischem Talent fehlte es ihr nicht: Der Kunstunterricht in der Schule unterforderte sie, „zumal dort solche Sachen wie Kartoffeldruck gelehrt wurden. Das war ein bisschen frustrierend“, erinnert sich Angelique.



Nach dem Abitur wollte sie ihren lang gehegten Berufswunsch in die Tat umsetzen. Doch wie sollte sie das tun? Ein beschwerlicher Weg begann, auf dem Angelique das Ziel Digital Character Animator aber nie aus den Augen verlor.

Zunächst versuchte sie es auf dem klassischen Weg: Sie bewarb sich bei Kunsthochschulen, bekam jedoch eine Ablehnung nach der anderen. „Dann habe ich Praktika in Werbeagenturen als Webdesignerin gemacht und nebenher habe ich mal hier und mal da gejobbt“, sagt Angelique. Sie wurde 23 und bekam Torschlusspanik. „Ich dachte mir: Ich komme nicht zum Studieren, ich brauche etwas für den Kopf. Und so habe ich mich an der Uni Freiburg für Arabisch, Türkisch und Deutsch eingeschrieben“, erzählt Angelique.



Das Studium gefiel ihr ganz gut, doch nach drei Semestern erfasste die Torschlusspanik sie zum zweiten Mal. Angelique erklärt: „Das mit dem Zeichnen saß weiterhin so tief und ich dachte mir, da musst du irgendwie weiterkommen.“

 
Sie schmiss ihr Studium und bewarb sich in Berlin bei der Mediendesign Akademie. Dort wurde sie auch prompt genommen, doch ihre Freude hielt sich in Grenzen, denn Mediendesign war eben nicht 3D-Animation. Nach anfänglichem Zögern nahm Angelique ihren Mut zusammen und bewarb sich bei der German Film School in Berlin. „Ich habe dort sofort einen Platz bekommen und meine Bewerbungsmappe bekam die Note 1,5. Das war wie ein Ritterschlag“, sagt Angelique stolz.



Bei der German Film School hatte sie das Gefühl, angekommen zu sein. Dort konnte sie das machen, was sie schon immer wollte: Trickfilmanimation. Auch die Atmosphäre gefiel ihr. 90 Studenten arbeiteten in einer fast familiären Atmosphäre zusammen. „Die Dozenten kamen teilweise von der Walt Disney Company“, erinnert sich Angelique. „Da wurde ich dann plötzlich von den Helden meiner Kindheit unterrichtet.“

Gerade, als Angelique auf dem richtigen Weg zu sein schien, kam der nächste Rückschlag: Der German Film School wurde die staatliche Anerkennung entzogen, sie wurde insolvent. „Im Februar 2008 kam dann plötzlich der Insolvenzverwalter und sagte: 'Ihr habt jetzt noch einen Tag Zeit, euer Zeug zu retten. Ab morgen wird die Schule dicht gemacht'“, sagt Angelique.



Nach der Schließung der Film School wusste Angelique wieder einmal nicht, wie es weitergehen soll. Sie kam ein paar Monate lang bei einem Kommilitonen unter und machte mit ihm kleine Filmprojekte. Durch eine Freundin gelangte sie an eine Fernuni in den USA namens AnimationMentor. „Das Studium funktioniert komplett online“, erklärt Angelique. „An den Vorlesungen nimmt man per Direktschaltung teil und jede Woche bekommt man eine Aufgabe.“



Am Anfang der Ausbildung stehen einfache Animationen wie der bouncing ball, also ein hüpfender Ball. Später kommen Arme dazu, die den Ball hüpfen lassen, und andere Körperteile, bis ein vollständiger Character entstanden ist.

Angelique wird innerhalb von 18 Monaten zum Digital Character Animator ausgebildet. Sollte nicht schon wieder etwas Unvorhergesehenes passieren, wird sie bald an ihrem Ziel angelangt sein. Berufliche Träume: Da gibt es zum Beispiel die Realtime Technology AG in München, die Animationen für Fernsehwerbung produziert. „Wenn man nämlich ein Auto in der Werbung sieht, ist das selten echt. Meistens sind es 3D-Animationen“, sagt Angelique. Am meisten reizt sie jedoch die Mitarbeit an einer großen Filmproduktion wie Findet Nemo.

Das wäre zum Beispiel bei Pixar in Kalifornien möglich. Einen Job dort bezeichnet Angelique als das Finale. Sie hofft, dass ihre Bekanntschaften von der German Film School ihr helfen werden, bei einer Traumwerkstatt wie Pixar unterzukommen.



Ihren bisher einzigen Job als Animator hatte Angelique während der Fußball-Europameisterschaft in diesem Jahr. Damals half sie, Bannerwerbung zu produzieren. „Diese Erfahrung hat mir Mut gemacht, denn es hat mir gezeigt, dass man tatsächlich eine gute Anstellung als Digital Character Animator bekommen kann.“

Wenn also alles gut geht, wird sie in naher Zukunft endlich ihren Traumberuf haben. Das werde dann zwar erst mit 30 der Fall sein, bedauert Angelique, aber sie habe durch die bisher holprige Zeit gelernt, dass es immer einen Weg gibt.