Wie wenig es braucht für ein großes Konzert

Carolin Buchheim

Dienstag Abend, 23:30, Rattenspiegel: Fast das gesamte kleine Publikum singt zusammen mit Spookey Ruben und Emirsian hingebungsvoll "An apple is a fruit is a flower is a kiss on your eyelids". Selten einen so schönen Konzertabend in Freiburg erlebt!

Dass man nicht mehr braucht als ein paar Gitarren, die eigene Stimme und verdammt gutes Songwriting, und manchmal vielleicht auch noch ein paar Takte auf dem Wurlitzer und einen kleinen Fitzel Bassbegleitung, das bewiesen gestern Abend Spookey Ruben und Emirsian im Rattenspiegel.

Aren Emirze ist ein großer, bäriger, bärtiger Typ. Im Hauptberuf ist der Frankfurter mit armenischen Wurzeln Sänger und Gitarrist der Alternative-Combo Harmful, tritt dieser Tage allerdings solo unter dem Namen 'Emirsian' auf. In den Songs seiner frisch bei Nois-O-lution erschienen Platte 'A gentle kind of desaster' singt dieser große, bärige, Whiskey-trinkende Typ sich entwaffnend offenherzig die Gefühle aus dem Bauch und den Schmerz über den Tod seines Vaters von der Seele. Emirsians Songs sind emotional, schweben irgendwie über den Dingen und sind gekonnt instrumentiert: Begleitet von Spookey an der zweiten Gitarren und Bassist Fred am Kontrabass, griff Emirsian Dienstag Abend auch zur Balalaika. Emirsians Songs stehen dabei klar in der Tradition aller großen aber auch kontemporärer Singer/Songwriter.

Spookey Ruben ist klein, und vom Typ her eher wuselig. Der in Deutschland und den USA aufgewachsener Kanadier mit Hut hat mittlerweile drei wunderbare Alben mit 'anbetungswürdiger Popmusik' (SPEX) herausgebracht, und erzählt in seinen kleinen Songs beschauliche Geschichten. Von seinem Cousin Glenn, zum Beispiel, der so gerne Drummer wäre, dessen Eltern ihm aber kein Drum-Set erlauben wollen. Oder von Shauna, dem Mädchen, dass ihn nicht zurückliebt. Oder vom Vogelpark Walsrode und dem Katzenbild, dass seine Freundin gemalt hat, und das so gar nicht hübsch ist.
Spookeys Songs sind emotional, ja, aber dabei weder selbstbemitleidend noch hoffnungslos. So endet der wunderbare Track "When you fall in love with someone who's in love with someone else" mit der entlarvende Zeile "Maybe it's cause that someone you should love is someone else". Guter Punkt, Spookey.

Spookey Ruben macht Popmusik im besten Sinne;: Musik, die sich bewusst auf alles bezieht, was davor da war. Man kann in Spookeys Songs Billy Joel genau so heraushören wie Ben Folds oder Alan Parsons oder Elvis Costello. Musik, die sich ihrer Poppigkeit nicht schämt, sondern diese stolz vor sich herträgt.

Spookey und Emirsian, so ungleich sie sowohl auf den ersten Blick als auch musikalisch sind, ergänzten sich gestern Abend ganz wunderbar. Frei von Hauptact-Support-Schranken spielten die Herren abwechselnd und auch miteinander, und sangen zusammen neben 'Children of the rich and famous' von Spookeys aktueller EP 'Ausfahrt Walsrode' und Emirsians Track 'Overcome unter anderem auch einen Song, den Emirsians verstorbener Vater über eine Frau geschrieben hatte. Und zwar auf armenisch. "Über Deine Mutter?" fragte jemand aus dem Publikum? "Nein," antwortete Emirsian. "Der ist über eine blonde Frau, und meine Mutter war nie blond."

Mit Gitarre, Wurlitzer und Kontrabass spärlich instrumentiert und im winzigen Rattenspiegel ohne Mikro gesungen, kamen Spookeys Songs ganz wunderbar zur Geltung. Die absoluten Highlights des Abends waren, ganz klar Spookeys 'große Hits', bei denen die halbe handvoll 'Fans' mal leiser, mal lauter, mitsangen, wie eben 'When you fall in love with someone who's in love with someone else' und 'Shauna', bei dem Spookey ganz wunderbar mit der unwilligen Shauna telefonierte. "Vielleicht hast Du ja Zeit? So nach Weihnachten vielleicht?"

Insgesamt war es ein Konzertabend, wie man ihn in Freiburg nur in Rattenspiegel und Swamp erleben kann. Abende, von denen es nach der bevorstehenden Schliessung des Rattenspiegel viel zu wenige in Freiburg geben wird.
Der Abend mit Emirsian und Spookey Rubens, es war ein intimer Abend, an dem deutlich wurde, wie wenig man braucht, um mit Musik Menschen zu berühren und Kontakt mit und zwischen ihnen herzustellen. Man braucht keine großen Bühnen, keine Lautsträrke, keine Show. Man braucht nur Leidenschaft und ein offenes Herz.

Sauschön.

Mehr dazu:

Spookey Ruben: Website& MySpace
Emirsian: Website& MySpace Donnerstag, den 16.11, gibt es um 23:15 Uhr übrigens einen Bericht über Spookey und Emirsian bei Polylux in der ARD. Angucken!