Blindenleitsystem im Test

Wie weiße Rillen und Noppen Blinden bei der Orientierung helfen

Julia Stulberg

Weiße Rillen und Noppen zieren die Straßen und Haltestellen in Freiburg. Sie dienen sehbehinderten Menschen als Orientierung. Doch wie funktionieren sie aus Sicht blinder Menschen? fudder ist mit einem Blinden mitgelaufen.

Kaum einer weiß, was die weißen Rillen und Noppen an Haltestellen und Straßen bedeuten. Mischa Knebel weiß es. Er nutzt das Leitsystem tagtäglich. Er ist blind. Als Geschäftsführer des Blinden- und Sehbehindertenvereins in Südbaden möchte er für mehr Klarheit sorgen: "Die meisten Leute denken, dass die Linien dafür da sind, damit man nicht zu nah an die Gleise der Straßenbahn kommt". Doch das Leitsystem hat eine ganz andere Funktion. fudder hat sich mit Knebel auf eine kleine Tour vom Stadttheater, dem Rotteckring, über die Innenstadt und das Unigelände begeben und geschaut, wo es noch hakt.


Stadttheater und Rotteckring

Unzählige stehende und fahrende Räder. Grüppchen, die sich in den verschiedensten Sprachen unterhalten. Ein Mann, der lautstark in sein Telefon schreit. Kinder, die durch die Menge wuseln. Straßenbahnen kreuzen die Wege. Sogar ein Auto hat sich wieder einmal an die Haltestelle Stadttheater verirrt. In dem ganzen Gewusel steht Mischa Knebel. Er lehnt sich auf dem Blindenlangstock auf und wirkt tiefenentspannt.

Bevor die Tour startet, erklärt Knebel, wie ein Blindenleitsystem funktioniert: "Durch das Pendeln meines Stabes bemerke ich die unterschiedlichen Erhebungen des Weges und somit auch des Leitsystems. Bemerke ich zum Beispiel Noppen, weiß ich, dass ich abbiegen muss".
So funktioniert das Blindenleitsystem

Das Blindenleitsystem hilft schon seit 50 Jahren blinden und sehbehinderten Menschen bei der eigenständigen Orientierung in öffentlichen Räumen. In Deutschland gibt es dieses seit den 90er-Jahren.

Durch die weiße Farbe grenzt sich das Leitsystem von der übrigen Straße ab: Der Hell-Dunkel-Kontrast hilft Seheingeschränkten. Blinde können durch Hin- und Herpendeln ihres Blindenlangstocks die Erhebungen der Rillen und Noppen wahrnehmen und zu ihrem Zielort gelangen.

Die Rillen leiten die Betroffenen geradeaus auf der Straße. Wohingegen die Noppen als Aufmerksamkeitsfelder dienen. Sie sind überall dort, wo eine Abzweigung ist. Die Aufmerksamkeitsfelder sind unterschiedlich angeordnet: Ein rechteckiges Feld deutet auf zwei Abzweigungen hin. Ein quadratisches zeigt an, dass das Leitsystem um die Ecke geht.

Vor etwa einem Jahr brachten die Stadt Freiburg und die VAG das Blindenleitsystem an der Haltestelle Stadttheater an. Doch selbst mit Blindenleitsystem ist es ein gefährlicher Knotenpunkt. Es sind zu viele verschiedene Verkehrsteilnehmer. "Das soll keine offizielle Straße sein, sondern ein Fußgängerweg. Viele nutzen es jedoch wie eine Straße. Deshalb müssen wir vor allem hier vorsichtig sein, den Weg zu überqueren", sagt Mischa Knebel. Er passiert diese problematische Stelle nur langsam.

Den Blindenlangstock über dem Boden pendelnd folgt Knebel den weißen Linien von der Haltestelle Stadttheater in Richtung Rotteckring. Menschen, die Knebel wahrnehmen, nehmen Abstand und lassen ihm Vortritt. Sehen sich um, ob Fahrzeuge oder Räder ihm zur Gefahr werden könnten. Knebel nimmt ein rechteckiges Aufmerksamkeitsfeld wahr und erklärt, dass es ihm zeigt, dass er nun eine Straße passieren muss. Knebel bleibt stehen und verlässt sich ganz auf seine anderen Sinne: Keine Bahn zu hören. Der Langstock pendelt wieder hin und her. Auf der anderen Seite des Weges wird das Leitsystem durch ein Aufmerksamkeitsfeld weitergeführt.

Nach einigen Metern folgt das nächste Hindernis: Ein Werbeaufsteller. Knebel erzählt, dass Geschäfte das Leitsystem oft als Abstellflächen für ihre Aufsteller nutzen – ohne über Konsequenzen Bescheid zu wissen. Denn nicht nur das Leitsystem muss frei sein, sondern auch der Platz drumherum. Den Langstock pendelt Knebel in Körperbreite über dem Boden. So kann er nicht nur Leitelemente wahrnehmen, sondern auch Hindernisse.

Sobald jedoch ein Hindernis auf Knebel zukommt, kann dieser seinen gewohnten Weg nicht mehr weiter gehen. Er muss nach einem neuen Orientierungselement suchen und begibt sich damit schnell in Gefahr. Um die Besitzer des Werbeaufstellers auf ihren Fehler aufmerksam zu machen, will Knebel das Gespräch suchen. Mit seinem Langstock tastet er sich zum Eingang, betritt mit einem Lächeln das Geschäft. Unwissenheit zeichnet sich in den Gesichtern der Mitarbeiter des Geschäftes ab, als Knebel sein Anliegen vorträgt. Der Mitarbeiter entfernt den Aufsteller sofort von dem Leitsystem, ist verständnisvoll und bedankt sich.

"Das ist selten böswillig. Wenn man nicht weiß, wofür das Leitsystem ist, kann man es auch nicht beachten", sagt Mischa Knebel und geht weiter seinen Weg am Rotteckring entlang. Wenn es kein Blindenleitsystem gibt, oder es verborgen ist, nutzt Knebel Häuserwände oder den Straßenrand als Orientierung. "Da muss man irgendein Element finden, welches einem hilft. Manchmal gibt es zum Beispiel eine Ablaufrinne am Boden, an der man sich orientieren kann."

"Der Appell geht an die Radfahrer direkt, denn meist ist es einfach nur die Unwissenheit, dass damit Menschen eingeschränkt werden können." Mischa Knebel

Problemfall: Unigelände

Da in der Unigegend nur stellenweise ein Leitsystem gibt, ist es nur ein theoretischer Teil der Tour. Radfahrer stellen vor allem an der Unibibliothek und dem KG I ihre Räder wahllos an den Wänden und am Straßenrand ab. "Fahrräder, die hier abgestellt werden, sind große Hindernisse für uns", sagt Knebel, der sich kaum an der Uni aufhält. Sie verbergen mögliche Orientierungselemente, um sich auf dem Unigelände sicher bewegen zu können. Die Universität Freiburg und die Stadt versuchen mit zusätzlichen Fahrradstellplätzen, diesem Problem entgegen zu wirken.

"Der Appell geht an die Radfahrer direkt, denn meist ist es einfach nur die Unwissenheit, dass damit Menschen eingeschränkt werden können." Die vielen Räder sind nicht nur Hindernisse für Blinde, sondern auch für Rollstuhlfahrer oder anderweitig eingeschränkte Menschen. "Man kann nicht die ganze Stadt mit dem Blindenleitsystem ausbauen. Aber man könnte Knotenpunkte damit versehen. Das Leitsystem in der Uni-Bibliothek hat zum Beispiel einen extra Eingang."

Eine freiburgspezifische Lösung für die Innenstadt

Eine kurze Bahnfahrt später erreichen wir den Europaplatz und machen uns auf den Weg über die Kajo. Mischa Knebel lässt sich weiter über die Rillen und Noppen leiten. Nach kürzester Zeit trifft er auf neue Hindernisse: Neben falsch platzierten Werbeaufstellern versperren auch Wahlplakate seinen Weg. Plakate an Straßenlaternen ragen auf das Leitsystem. Nicht nur auf Höhe des Blindenlangstocks, sondern bis weit über den Kopf.

Während Knebel auf der Kaiser-Joseph-Straße entlang läuft, pendelt er mit seinem weißen Blindenlangstock von links nach rechts. Es klackert über dem Pflasterstein. Im Innenstadtbereich gibt es eine freiburginterne Lösung. "Wir sind ständig mit dem Garten- und Tiefbauamt Freiburg in Kontakt. Der Stadt sitzt leider manchmal der Denkmalschutz im Nacken. Denkmalschutz gegen Barrierefreiheit." Das originale Leitsystem würde das äußere Bild der Stadt verändern. Statt extra Betonplatten zu verlegen, wurde das Leitsystem in das bestehende Pflaster gefräst. "Wir bekommen die Rückmeldung, dass die freiburgspezifische Lösung von den Einheimischen gut verwendet werden kann."

Das Bächle als Orientierungshilfe

Das Bächle dient Knebel außerhalb der Kaiser-Joseph-Straße als Orientierungshilfe. "Die Stadt hat dem Blinden- und Sehbehindertenverein zugesichert, dass um das Bächle heller marmoriert werden soll", sagt Knebel. So können nicht nur Blinde durch das Pendeln mit dem Bildenlangstock das Bächle als Orientierungshilfe nutzen, sondern auch Menschen, die noch einen Teil ihrer Sehkraft nutzen können. Denn auch hier wirkt der Hell-Dunkel-Kontrast. "Man muss auf jeden Fall betonen, dass viel in Freiburg gemacht wird. Die Stadt und VAG geben sich Mühe."