Wie wars bei… der Sprechtheatergruppe "Laut & Lyrik" im E-Werk?

David Baldysiak

Berauschet euch! Unter diesem provokanten Motto fand am Donnerstag die Premiere des neues Stückes der Sprechtheatergruppe "Laut & Lyrik" im E-Werk statt. Unser Autor war dabei und hat herausgefunden, wie rauschhaft Lyrik sein kann.

Der erste Eindruck

Laut & Lyrik ist die Sprechtheatergruppe des Deutschen Seminars an der Uni Freiburg. Von studentischer Atmosphäre ist im Foyer des E-Werks allerdings kaum etwas zu spüren. Das Publikum besteht zu großen Teilen aus älteren Semestern, die Leute haben sich schick gemacht, für einen Abend voller Poesie, Musik und Tanz. "Berauschet euch!" lautet die Aufforderung, die dem diesjährigen Programm als Titel dient, und so macht sich das Publikum gespannt auf den Weg zu seinen Plätzen. Das E-Werk ist ausverkauft, die Beleuchtung geht aus, die Gespräche ersterben. Es geht los.

Die Bühne

Es gibt kein Bühnenbild, keine Kulisse. Alles was aufgebaut ist, sind diverse Musikinstrumente. Ansonsten ist alles schwarz in schwarz gehalten. Auch die Darsteller betreten, einigermaßen typisch fürs Sprechtheater, schwarz gekleidet und barfuß die Bühne. Von Anfang an ist klar, dass hier keine Spezialeffekte zu erwarten sind, die Wirkung soll sich allein durch den Vortrag entfalten.

Das Programm

Typisch für Laut & Lyrik wird ein Potpourri aus verschiedenstem literarischem Material geboten. Die Aufführung beginnt in der deutschen Romantik mit Joseph von Eichendorff und Novalis und von dort entwickelt sich ein wilder Ritt durch unter anderem Kinderliteratur ("Wo die wilden Kerle wohnen" von Maurice Sendak), Popsongs ("Pusteblumenfeld" von Mine), Fußballkommentarauschnitte und Beat-Poesie ("Howl" von Allen Ginsberg).

Rausch wird hier also thematisch recht breit bearbeitet: Alkohol und Drogen reihen sich als Beförderer von Ekstase ein neben Liebe, Träume, Musik und der Euphorie bei Sportveranstaltungen. Mal ekstatisch, mal voller Melancholie und manchmal geradezu manisch konfrontieren die Schauspieler das Publikum mit jeder Spielart der Berauschung.

In der zweiten Hälfte liegt der Fokus dann auf Utopien. Es gibt auffällig viele Texte, die sich mit den Themen der 68er-Bewegung beschäftigen, was Sinn ergibt: Selten sonst war politische Aufbruchsstimmung so sehr mit Rausch verknüpft. Und so erschließt sich im zweiten Teil auch der Aufforderungscharakter des Programmtitels: "Um nicht das furchtbare Joch der Zeit zu fühlen, das eure Schultern zerbricht und euch zur Erde beugt, müsset ihr euch berauschen, zügellos."

Die Performer

Es ist beeindruckend wie vielseitig talentiert die Darsteller sind. Ob eindringlich und wahnhaft, ob tieftraurig melancholisch und sehnsuchtsvoll, oder absurd komisch, das Ensemble versteht sein Handwerk und so folgt mitunter ein Gänsehautmoment auf den nächsten. Die Breite des Spektrums der Themen erlaubt es das Tempo immer wieder zu variieren, so dass sich zu keiner Zeit Langeweile oder Überforderung einstellen. Auch musikalisch ist alles geboten: Bei einfühlsamen Klavierstücken, ergreifendem Operngesang und harter Rockmusik kommt die volle künstlerische Begabung des Casts eindrucksvoll zur Geltung.

Fazit

So muss Sprechtheater sein. Die Texte werden in der Darstellung von "Laut & Lyrik" lebendig und bekommen dabei immer eine eigene Note. Die Konzeption des Programms sorgt dafür, dass Anknüpfungspunkte zwischen den unterschiedlichsten literarischen Werken entstehen und schafft Kontraste, die einem die ganze Kraft von Sprache vor Augen führen. Entsprechend begeistert verlässt das Publikum den Aufführungssaal in Richtung Bar, wo es bei Sekt und Bier der Aufforderung "Berauschet euch!" freudig Folge leistet.