Wie wars bei ... dem Musical "Lady in the Dark" in der PH Freiburg?

Paula Kühn

Was es heißt, in Stücke gerissen zu werden – das Musical "Lady in the Dark" erzählt die Geschichte von Liza Elliot, einer burschikosen Karrieristin, die plötzlich die Kontrolle über sich selbst verliert. Unsere Autorin war bei der Premiere.

Das Stück

Liza Elliots Trip in die eigene Innenwelt beginnt mit einem Satz ihres Psychoanalytikers: "Es ist ganz einfach: Legen Sie sich auf die Coach und sprechen Sie alles aus, was Ihnen durch den Kopf geht. Einfach alles", sagt Dr. Brooks zu seiner Patientin. Eigentlich ist Liza die Chefredakteurin einer renommierten Modezeitschrift und hat scheinbar alles unter Kontrolle. Bis sich plötzlich ihre Träume melden und ihr fordernd und aufdringlich die sorgsam unterdrückten Wünsche und Ängste vorführen. Die Regisseurin und Musicaldarstellerin Eva Melanie Latini inszeniert das Musical von 1941 gemeinsam mit Studierenden der PH Freiburg.

Der erste Eindruck

In der Luft liegt die nervös-freudige Erwartung eines besonderen Ereignisses, auf das mit großer Leidenschaft und viel Engagement hingearbeitet wurde. Die Bühne: Schwarz, schlicht und leer. Einzig ein großes Portrait einer divenhaften Frau ist auf den hinteren, noch geschlossenen Vorhang projiziert - das Titelblatt der Modezeitschrift "Allure". Schließlich nimmt das Orchester Platz, das Gemurmel ebbt ab und einen kurzen Moment herrscht absolute Stille. Dann beginnt das Orchester zu spielen.

Das Publikum

In der vollen Aula sitzt ein gemischtes Publikum – manche in gewöhnlicher Alltagskleidung, als wären sie gerade erst aus der Vorlesung gekommen. Andere in schicken schwarzen Abendkleidern und Anzügen.

Die Inszenierung

Mit Drehbühne und viel technischem Aufwand ging 1941 die Uraufführung über die Bühne. Eva Melanie Latinis Inszenierung kommt ohne all das aus. Unterstützt von einer professionell wirkenden Lichttechnik und den stimmungsvollen Liedern des Orchesters sowie tollen Kostümen, vollführen Darsteller und Chor die Szenenwechsel in windiger Schnelligkeit selbst.

Es gibt zwei feste Orte, an die uns die Inszenierung immer wieder führt: Erstens die Praxis des Psychoanalytikers Dr. Brooks (meisterhaft gespielt von Marco Hollaender) und zweitens die Chefetage von Liza Elliot. Dazwischen fügen sich vier Traumsequenzen als kleine Mini-Operetten. Geführt und bestimmt werden diese vom Chor, der sich mal in eine aufgewühlte High School-Klasse in marineblauen Uniformen, mal in eine pompöse Zirkus-Crew verwandelt.

Lobworte

Sehr gut, die Rolle von Liza Elliot mit drei Schauspielerinnen zu besetzen. Dadurch wird deutlich, wie sich die personifizierten Wünsche, Ängste und Sehnsüchte nach Jahren der Unterdrückung selbstständig machen und immer mehr an Macht gewinnen.

Das Ensemble

Mareike Weiser verkörpert die Liza der äußeren Welt und beweist beim szenischen Spiel großes Geschick. Durch feine Mimik und klare Körpersprache lenkt sie den Blick des Zuschauers auf die inneren Konflikte der Hauptfigur. Sie schafft es die Entwicklung von der kontrollierten Chefin hin zur gelösten und selbstbestimmten Frau glaubhaft wiederzugeben.

Lisa Schell strahlt im "Glamourtraum" und stellt mit starker Stimme und leuchtenden Augen Liza Elliots Sehnsucht nach Anerkennung dar. Und Julia Sening überzeugt im Hochzeitstraum durch ein berührendes, den Schmerz nachvollziehbar machendes Spiel.

Besonders herausstechend auch die Leistung des Chors. Auf unsichtbare Signale reagierend, schaffen es Chorleader und Chor gemeinsam aus dem Nichts ganze Welten zu erschaffen und spielen mit Liza Elliots Seele. Sie klagen an, bewundern und beschimpfen sie, kreisen sie ein und lassen sie dann in plötzlicher Stille allein auf der Bühne zurück.

Fazit

Dass die Darsteller angehende Lehrer sind und zum großen Teil das erste mal auf der Bühne stehen, ist während dem Verlauf des Stückes kaum zu glauben. So professionell, so überzeugend und so mitreißend wird hier gespielt, gesungen und getanzt. Natürlich wäre die ein oder andere Choreographie bei professionellen Musical-Darstellern perfekter und die Gestik und Mimik bei gelernten Schauspielerinnen ein wenig exakter.

Aber seien wir mal ehrlich: Ins Theater geht man doch um berührt und verzaubert, um mitgerissen und aufgerüttelt zu werden. Und das schaffen die 17 Darsteller und das 29-köpfige Orchester ohne Frage. Mit großer Leidenschaft, starken Stimmen und tollen Choreographien geht die Premiere von Kurt Weills Musical "Lady in the Dark" über die Bühne und hat den tosenden Applaus am Ende verdient.
Was: "Lady in the Dark", ein Broadway-Musical
Vorstellungen: 16., 18., 19 und 20. Mai 2017 jeweils 20 Uhr sowie 17. und 19. Mai, jeweils 10 Uhr
Wo: Aula der Pädagogische Hochschule Freiburg, Kunzenweg 21
Eintritt: 10 Euro, 7 Euro (ermäßigt)

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