Freiburg Festival

Wie war’s beim… Theaterstück "What if they went to Moscow?"

Dorothea Winter

Bei "What if they went to Moscow" bekommt das Publikum Wein, Sekt und Häppchen – und ist Teil der Performance. Das Stück handelt von drei Schwestern, die mit ihren eigens gewählten Lebensentwürfen und erlebten Schicksalsschlägen hadern.

Das Konzept

Während die Schauspieler im Kleinen Haus das Stück spielen, wird live ein Film gedreht, der in der Kammerbühne übertragen wird. Das Publikum kann sich entscheiden, ob es zuerst den Film oder erst die Performance sehen möchte.

Die Stimmung

In der Kammerbühne, in der der Film gezeigt wird, ist eine große Leinwand aufgebaut und das Publikum macht es sich auf den breiten Stufen, die mit weichen Polstern ausgelegt sind, bequem. Es herrscht Open Air Kino Flair.

Im Theatersaal im Kleinen Haus ist die Hälfte der Zuschauertribüne abgesperrt – kein Zuschauer ist weiter als fünf Reihen von der Bühne entfernt. Die Atmosphäre ist sehr intim. Verstärker oder Mikrophone gibt es nicht. Beim Einlass werden den Zuschauern Ohrstöpsel verteilt. "Die werdet ihr brauchen", warnt eine Theatermitarbeiterin vor.

Der Film

Der Film wird aus verschiedenen Perspektiven gedreht und wirkt nicht so, als würde er gerade erst nebenher entstehen. Die Bildausschnitte sind interessant gewählt und die Schauspieler gehen spielerisch mit der Handkamera um. Aufgrund des meistens nur eng gewählten Bildausschnittes steht der Zuschauer in direkter Verbindung mit dem Dargestellten. Die Schauspieler liefern derart überzeugend ab, dass man sich als Zuschauer teilweise unwohl in der Rolle des Voyeurs wiederfindet. Die Reflexion, dass man sich gerade im Theater befindet und alles nur Fiktion ist, fällt schwer. So soll Film sein.

Das Theaterstück

Der Gedanke, sich zwei mal 90 Minuten lang das gleiche Stück anzuschauen, wirkt anfangs befremdlich. Doch die Vorbehalte sind unbegründet. Das Stück beinhaltet mehrere parallel ablaufende Handlungsstränge. Erst, nachdem man beide Darstellungen gesehen hat, ergibt sich ein Gesamtwerk. Sowohl handlungstechnisch, als auch auf der Metaebene.

Beim Theaterstück selbst ist das Publikum Teil der Performance. Es agiert in der Rolle als Gast bei der Geburtstagsfeier der jüngsten der drei Schwestern. Außer Wein werden auch Häppchen, Sekt und Kuchen großzügig an die Anwesenden verteilt.

Der Hintergrund

Erst nach und nach versteht man den soziologischen Hintergrund der Rollen. Die Deutungsmöglichkeiten dabei sind vielschichtig. Die Rollen spielen innerhalb einer bohèmen Gesellschaftsschicht in Russland. Eindrücklich wird die einzigartige und unzerstörbare Beziehung von Geschwistern dargestellt. Gerade vor dem Hintergrund des vorzeitigen Todes beider Elternteile. Aber auch die sozialgeschichtliche Kategorie Bohème wird eindrucksvoll in Frage gestellt. Dazu zählen vor allem der Wunsch der Charaktere nach Identitätsfindung, Selbstverwirklichung und die Ausübung von Gesellschafts- und Kulturkritik.

Die Crowd

Das Publikum bei dem Stück ist im Großen und Ganzen studentisch. Anders, wie in Berichterstattungen anderer Städten zu lesen, ist in Freiburg die Stimmung ausgelassen. Die Zuschauer nehmen rege an dem Geschehen auf der Bühne Teil. Bei einer Partyszene stürmen zahlreiche Besucher auf Aufforderung die Bühne und tanzen ausgelassen mit den Schauspielern.

Am Ende des Stücks wird sowohl das Publikum im Theaterstück als auch vor der Leinwand gefilmt und jeweils im anderen Raum live übertragen. Eine eigenartige Erfahrung, aber auch schön zu sehen, wie so viele fremde Menschen auf einmal durch Kameras ohne miteinander zu Sprechen kommunizieren. Es wird gelacht, gewunken und beobachtet.

Der Sound

Die zuvor verteilten Ohrstöpsel werden während der Vorführung im Theatersaal auf jeden Fall benötigt. Mal tanzt die jüngste der drei Protagonistinnen in ohrenbetäubender Lautstärke headbangend über die Bühne. Ein anderes Mal spielt sie mit ihrem Bruder ein Stück mit Gitarre und Schlagzeug. Und auch sonst wird viel live gesungen und musikalisch dargeboten. Den wortwörtlichen Soundcheck besteht das Stück mit Bravour.

Was in Erinnerung bleibt

Das Besondere an dem Stück ist definitiv die Leistung der Schauspieler. Was anfangs dilettantisch und ungelenk wirkt, entpuppt sich im Verlauf des Stücks als eindrucksvolle Schauspielleistung. Verwundert fragt man sich, ob die Protagonistinnen vor lauter Anstoßen mit Sekt und Wein wirklich betrunken sind oder genial schauspielern. Doch die Schauspieler schaffen es, ungezwungen und authentisch die Rollen darzustellen und dabei ein vielschichtiges und kontroverses Bild zu zeichnen.

Pauschalurteil

Das abendfüllende Stück "What if they went to Moscow" ist absolut sehenswert und zeigt, wie multimediales zeitgenössisches Theater aussehen sollte.

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