Indoor-Comfort-Festival

Wie war’s beim...Rolling-Stone-Park-Festival im Europa-Park am Freitag?

Carolin Buchheim

Für dieses Festival braucht man weder Dosenravioli noch Gummistiefel: Im Europa-Park ist Rolling-Stone-Park-Festival, mit Komfort, Konfetti, Indie-Stars und vielen Witzen über das Gesamtkonzept.

Der erste Eindruck
Der Europa-Park im Spätherbst. Der Park liegt perfekt beleuchtet im Winterschlaf und die rund 2200 Festivalgäste verlieren sich ein bisschen im kleinen Bereich, der fürs Festival geöffnet ist. Passend zum Line-Up hat man die Muzak in den Straßen und Hotels des Parks und im EP-Express mit Songs der teilnehmenden Musikerinnen und Musiker ersetzt. Mit Father John Mistys "Real Love" fährt es sich besonders romantisch durch den Park und der menschenleere Alexanderplatz bekommt durch Nada Surfs "Always Love" ein besonders post-apokalyptisches Flair. Sehr viel schöner als jeder Campingplatz auf einem Sommer-Festival, auf dem man nie alleine ist.


Die Location
Auf vier Bühnen gibt’s Musik: die größte in der recht charmefreien aber angenehm luftigen Mehrzweckhalle im Konferenzzentrum, eine im Saal Berlin unter Kronleuchtern und eine kleinere im Saal nebenan. Die kuscheligste ist der Traumpalast, ein kleines Spiegelzelt im Foyer des Konferenezzentrums.

Das Line-Up
Die meisten Acts standen auch schon vergangenes Wochenende auf der Bühne: Beim Rolling Stone Weekender am Weißenhäuser Strand zwischen Lübeck und Kiel. Die Headliner am Freitag (Nada Surf, Father John Misty, Kettcar, The Flaming Lips) haben Massen-Appeal, ja, aber mit Bands wie Velvet Volume und Friends of Gas sind sperrige Newcomer an Bord. Und Gefälligkeit kann man Musikern wie Anna Calvi und White Denim auch nicht vorwerfen. The Wave Pictures sind eine Band mit großer Fanbase in Südbaden – dank des Freiburger Konzertveranstalters Carmelo "Chico" Policicchio, der die Briten seit Jahren immer wieder in sein "Swamp" bucht.

Wer war da?
Die Leser des gleichnamigen Rock’n’Roll-Magazins. Deutlich mehr Männer als Frauen, und sie sind deutlich älter als sonst auf Festivals. Man trägt Band-Shirts und Steppwesten.

Die besten Sätze über das Festival
  • Matthew Caws, Nada Surf: "Wir haben schon in einem Casino gespielt und auf einem Kreuzfahrtschiff, aber das ist der erste Freizeitpark. Der Look gefällt uns, Europa auf einem Fleck. Und Europa ist wunderbar."
  • Father John Misty: "Ist das hier ein Festival oder bin ich eine Sekte beigetreten? Ist das hier euer unterirdischer Bunker?"
  • Cass McCombs im Saal Berlin, unter Kronleuchtern und Bildern der Bundespräsidenten: "Hier in diesem Saal voller seltsamer alter Männer. Ihre Augen verfolgen dich, während du herumläufst."
  • Reimer Bustorff, Kettcar: "Ein geschlossener Freizeitpark im Herbst, das ist wie The Walking Dead."
  • Velvet Volume: "Wir hatten viel Stau auf dem Weg von Arhus hier runter, aber für die cozy Atmosphäre hat sich das echt gelohnt."
  • Wayne Coyne, The Flaming Lips: "Ich hoffe, wir können mal wiederkommen und all die Fahrgeschäfte ausprobieren."
Das komplette Album

Nada Surf feiern noch immer den 15. Geburtstag ihres Hit-Albums "Let Go" und spielen das einmal runter, was großen Spaß macht, denn es ist einfach ein gutes Album. Danach gibt’s die Hits obendrauf, darunter "Blankest Year", bei dem die Crowd befreit mitbrüllt und das Motto fürs Festival ausruft: "Oh fuck it! I’m going to have a party."

Der passendste Cover-Song

Darlingside aus Boston präsentieren ihren sehr süßen Harmonie-Gesang im schnuckeligen Traumpalast. Erst erinnern sie an ein Meme-gewordenes Foto, das Billy Corgan unglücklich auf einem Rollercoaster in Disneyland zeigt. "Der nächste ist für den Europa-Park – und für Billy Corgan" sagen sie – und stimmen ihre Version des Smashing-Pumpkin-Songs "1979" an.

Die härtesten Riffs

Wuchtig ist die Performance von Anna Calvi im Ballsaal Berlin: schwer sind ihre Gitarrenriffs, kontrolliert ihre Stimme, sehnsüchtig ihre Texte, selbstbewusst ihre Performance, auch als ein Verstärker nicht so will, wie sie. Ein Auftritt, der wunderbar ins Roadhouse nach Twin Peaks, WA, gepasst hätte.

Die kontrollierteste Pose

Im weißen engen Anzug tritt Father John Misty auf die größte Bühne und singt zum folkigen 70s-Klang seiner Band über Sex, das Leid an der Welt und Ayahuasca – eine Droge, die man im Europa-Park sicher nicht konsumieren will. Geradezu messianisch ist sein Auftreten, wenn er über die Bühne stolziert und sich zu den Klängen seiner hervorragenden sechs Mann starken Band (von denen beizeiten vier Keyboards und Synthesizer bedienen) in Las-Vegas-Crooner-Manier geriert. Ist da irgendwo ein echter Mensch in dem weißen Anzug? Egal. "Comedy, that’s what I call pure Comedy." Eine ganz hervorragende Performance.

Die Band mit der Botschaft
"Wir sind ja jetzt eine Polit-Punk-Band", sagt Marcus Wiebusch von Kettcar in der Mitte des Sets seiner Band, da hatten sie schon "Sommer '89 (Er schnitt Löcher in den Zaun)" gespielt. "Aber jetzt kommt der Emo-Block." Dann stimmt die Band den Song "Rettung" an: Darin geht es um Erbrochenes in den Haaren der Frau, die man liebt – worüber wohl kaum jemand mit Ernsthaftigkeit singen wollen würde, außer Wiebusch. Metaphorische Tiefe und Subtilität waren nie Kernkompetenzen der Kettcar-Kollegen, aber beides vermisst hier wohl kaum jemand, während auf der Leinwand hinter der Bühne Sehnsuchtsbilder aus Hamburg eingeblendet werden. Kräne machen ja alles besser, der Hamburger Hafen auch.

Das beste Augen-Make-Up
John Grant trägt bei seiner hervorragenden Performance blaue Sternchen um die Augen, während er über trockenen Beats sprechsingt oder am Klavier die eigenen Songs zerfasert. "Welches Deutsch spricht man hier?", fragt er irgendwann, in hervorragendem Deutsch. "Schwäbisch!", ruft ein Festivalbesucher. Knapp daneben.

Die gewaltigste Materialschlacht


Den Abschluss machen "The Flaming Lips", und das ist gut, denn danach muss aufgeräumt werden: Langes Konfetti, buntes Konfetti, glitzerndes Konfetti, violettfarbenes Konfetti in Schmetterlingsform, Ballons und Ballons mit Konfetti jagt die Band in Massen durch die Halle.

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The Flaming Lips beim "Rolling Stone Park"-Festival. #TheFlamingLips #RollingStonePark #RSP18 #RSPark #EuropaPark #FuckYeah #Luftballons #Konzert #Festival

Ein Beitrag geteilt von bleistiftrocker.de (@bleistiftrocker.de) am Nov 16, 2018 um 4:01 PST



Darunter ist auch ein meterhoher Riesenballon mit dem Schriftzug "Fuck Yeah Europa-Park", der erst durchs Publikum gereicht und dann zerfetzt wird. Eine Performance, perfekt für Instagram.

Auf der Bühne gibt’s vor bunter LED-Wand Menschen, die in Ballons stecken, die wie Augäpfel aussehen, einen Aufblas-Roboter, eine Luftkugel für das Cover von "Space Oddity" und einen Riesenballon in Form eines Regenbogens. Und eine Riesen-Discokugel! Und Sänger Wayne Coyne reitet auf einem leuchtenden Einhorn durch den Saal. Das macht alles Spaß, Musik gab’s dabei auch, gutgelaunte Musik, aber die war nicht so wichtig.

Was wir gerne noch gewusst hätten
Hätte das Festival früher anfangen sollen? Denn nach 23 Uhr sah man tatsächlich auffällig viele Menschen auf Sofas und Sesseln schlafen.

Gesamturteil
Ein sehr guter Einstand. Am heutigen Samstag geht’s ab Mittag weiter.