Wie war’s beim … Prog-Rock-Gott Steve Wilson auf dem ZMF?

Alexander Ochs

Auch wenn ihn keine Sau zu kennen scheint: Der Prog-Rock-Gott Steven Wilson eröffnet das 36. Zelt-Musik-Festival. Ein Traum für Musik-Nerds, von denen sich allerdings nicht sonderlich viele ins Zirkuszelt verirrten.

Steven Wilson? Werissndas? Der 50-jährige Brite mit dem Allerweltsnamen ist wohl einer der Unbekannteren unter den ganz Großen. Fast jeder, dem ich erzähle, dass ich zu Steven Wilson zum Eröffnungskonzert des ZMF gehen werde, blickt mich ratlos an. Der Blick sagt: Steven wer?


Ich probiere es dann mit einem Rückgriff auf die Vergangenheit und bringe seine frühere Band ins Spiel. Porcupine Tree, deren Gründer, Sänger, Gitarrist und Songwriter Wilson war, ist eine Institution im Genre des Prog-Rock.

Nach dem Ende des "Stachelschweinbaums" widmet sich Wilson seiner Solo-Karriere

Die als Soloprojekt bereits 1987 von Wilson gestartete Band sahnte in ihrer Spätphase, in den Nuller Jahren, noch reihenweise Kritikerauszeichnungen ab. 2010 war dann Schluss. Nach der Auflösung des "Stachelschweinbaums", so der Bandname, widmet sich der versierte Gitarrist und überzeugte Workaholic seiner Solokarriere.

Mittlerweile hat er fünf Soloalben eingespielt und auch 2016 schon beim ZMF Station gemacht – als Nachrücker. Enttäuscht waren die Festivalmacher damals von der Besucherresonanz. Das dürfte diesmal kaum anders gewesen sein: Vor Konzertbeginn verlieren sich nur wenige hundert Zuschauer im auf einmal sehr weiten Zirkuszeltrund. Viele sind um die 50 und offensichtlich treue Fans.

Die Welt steht Kopf

Punkt acht kündigt eine männliche Stimme aus dem Off den Konzertbeginn an. Wenige Minuten lang flimmern Videobilder über die vor der Bühne aufgespannte diaphane Leinwand. Begriffe wie Family, Love oder Truth werden eingeblendet, mit den passenden Bildern von glücklichen Pärchen. Nach und nach kippen sie ins Negative, Bild und Text passen nicht mehr zusammen, die Welt steht Kopf.

Barfuß kommt der schmale und nicht sonderlich große Brite auf die Bühne, begleitet von vier Musikern, allesamt schwarz gewandet. Die ersten beiden Songs "Nowhere now" und "Pariah" vom aktuellen Album To The Bone spielt die Band hinter dem durchsichtigen Vorhang, wobei der Part von Ninet Tayib einfach per Beamer draufprojiziert wird.

Wilson macht Musik für Musiker

Im Nachhinein entpuppt sich all das als viertelstündiges Vorgeplänkel. Richtig los geht es mit dem Song "Home Invasion / Regret #9" mit Nick Beggs am Chapman Stick, zuckendem Gitarrengewitter, nervösem Schlagzeugbeat und düsteren Soundscapes. Da berauscht sich die Combo phasenweise, das intellektuell verkopfte Epos wird zum ansprechenden wie anspruchsvollen Gesamtkunstwerk, zum schwebenden Gemälde.

Gefällige Parts und eingängige Chorusse erleichtern Nicht-Eingeweihten, und davon tummeln sich etliche im großen Zelt, den Zugang zur Musik. Musik für Musiker, muss man sagen. Für Nerds. Steven Wilson versteht sich als Nerd und Snob zugleich, daraus macht er kein Hehl. Einem Aufruf zum Vegetarismus folgt psychedelisch angehauchter Arthouse-Rock, mal wabernd, mal symphonisch. Danach eine Liebeserklärung an seine 1963er Fender Telecaster. Und ein Plädoyer für die E-Gitarre.

Lob an ABBA, die Beatles und Bowie

In den letzten Jahren zeugen Wilsons Songs von einem Faible für Getragenes. Ist das vielleicht doch seichter Edelkitsch? Nein, erwidert die Doublebass kurz darauf. Im Song "Permanating" packt der Progressive-Papst dann wie Arcade Fire die ABBA-geschwängerte Discokugel aus und lobt die schwedische Kultband genauso wie die Beatles, Bowie und Prince als Popheroen.

Andere Götter neben sich im Pop-Olymp lässt Mr. Wilson also gnädigerweise zu. Hauptsache magisch. Und Magie ist eher etwas für Eingeweihte. Wie Christian Streich. Zufriedene Gesichter und viel Applaus nach zwei prallvollen Stunden.

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