Techno-Fest

Wie war’s beim … Kamehameha-Festival in Offenburg?

Valentin Heneka

Tausende Techno-Fans tanzen auf dem Offenburger Flugplatz zu Stars wie Jamie Jones oder Charlotte de Witte: Das Kamehameha-Festival lockt jung und alt in die Sonne zum Raven.

Der erste Eindruck

Aus der Ferne künden gedämpfte Bässe vom Geschehen auf dem Offenburg Flugplatz. Scharen junger Menschen sind am Samstag dorthin unterwegs, leicht bekleidet und ohne Gepäck, dafür voller Vorfreude. Zum fünften Mal verwandelt das Kamehameha-Festival den Flugplatz zum Hotspot der elektronischen Musik. In diesem Jahr mit dabei: über 30 DJs und Live-Acts, darunter internationale Stars wie Jamie Jones, Charlotte de Witte oder Claptone – und 8.500 Feiernde.

Wer war da?

"Es ist mein allererstes Festival und es ist super," schreit Steffi angesichts der Lautstärke an der Techno-Bühne. Ihr ganzes Gesicht lacht, sie und ihr Partner geben sich wieder den düsteren Klängen der belgischen DJ und Produzentin Charlotte de Witte hin. Steffi ist 60 Jahre alt. Der Einlass auf dem Kamehameha-Festival ist zwar Volljährigen vorbehalten, nach oben gibt es allerdings keine Altersgrenze.

Die Mehrheit auf dem Festivalgelände bilden allerdings die 20- bis 30-Jährigen, dicht gefolgt von der vorherigen Rave-Generation, deren erste Club-Erfahrung bereits Jahrzehnte zurückliegt. Sie kommen aus dem Dreiländereck, Baden-Württemberg und den angrenzenden Bundesländern, aber ihre Herkunft ist heute so egal wie ihr Beruf, ihre Hautfarbe oder ihre Kleidung. Hinsichtlich letzterer scheint der durch das kalifornische Coachella-Festival geprägte Ethno-Look langsam durch knappe Sportbekleidung im Stil der 90er-Jahre abgelöst zu werden. Extravagante Outfits bilden eher die Ausnahme, normale Straßenkleidung und nackte Männeroberkörper sieht man häufiger.

Die Musik

Eine Bühne neben Charlotte de Witte dirigiert Jamie Jones, derzeit einer der gefragtesten House-DJs der Welt, hunderte Tänzer im Sand vor seiner Bühne. Unter der strahlenden Sonne warten sie darauf, dass der Groove zurückkehrt, aber der Waliser lässt sie zappeln. Als die synkopierten Rhythmen und pumpenden Bässen wieder einsetzen, verschwinden die vordersten Reihen im dichtem Auswurf der Nebelmaschinen, Händepaare strecken sich gen Himmel, Menschen jubeln und pfeifen. Weiter geht’s.

Während Lichter hier draußen nutzlos wären, kommen sie in der Dunkelheit der dritten Tanzfläche in einem geräumigen Zirkuszelt voll zur Geltung. Den Abschluss des Sets von Moonbootica – das Hamburger Duo wählt dafür einen Remix von Pink Floyds "Another Brick In The Wall" – untermalen sie mit grellem Geflacker und sorgen für Clubatmosphäre am Tag. Insgesamt liegt der Fokus des Kamehameha-Festivals wie im letzten Jahr wieder ganz auf Tech-House und Techno, Rapper wie noch 2017 treten hier nicht mehr auf.

Backstage

Seit 2014 bei jeder Ausgabe zugegen ist der Frankfurter DJ Karotte, bürgerlich Peter Cornely. Nach seinem Auftritt lässt er sich im Backstage- und VIP-Bereich der House-Bühne geduldig mit Fans fotografieren. "Ich stelle mir hier jedes Mal vor, dass ich auch die Häftlinge im Gefängnis zum Tanzen bringe", sagt Cornely und zeigt auf die nahegelegene JVA. Mit Veranstalterin Melanie Allgaier verbindet ihn mehr, als eine Geschäftsbeziehung: "Für meine gute Freundin Melly komme ich überall hin", antwortet Cornely auf die Frage, ob auch in Zukunft mit ihm zu rechnen sei.

Während der DJ Feierabend hat, ist die Veranstalterin noch voll bei der Sache. "Die Sonne scheint und das Meiste läuft nach Plan, demnach ist meine Stimmung gut", sagt Allgaier, Geschäftsführerin der Offenburger Event-Agentur Taktgeber, die das Festival mit den Mannheimer Kollegen von Cosmopop ausrichtet. "Dennoch müssen wir hier und da improvisieren". So mussten Allgaier und ihr Team der Berliner DJ Babetta kurzfristigen Ersatz für einen entfallenen Flug besorgen und das Programm umstellen – Festival-Alltag für die Organisatoren.

Und sonst so?

Entspannter geht es im Chillout-Bereich zu, wo Feiernde Schatten und Erholung finden und sich in Ruhe unterhalten können. Auf welche Bühne geht es als nächstes, wer holt Bier? Größere Sorgen hat heute kaum jemand, nur entscheiden muss man sich. Auch beim Essen: Es gibt Burger und Pommes, Käsespätzle und Maultaschen, Curry, Crêpes und mehr an zahlreichen Ständen und Food-Trucks. Ein Kettenkarussell sorgt für Rummel-Atmosphäre, fröhliche Menschen wohin man schaut. Wer auf körpereigenen Hormonen unterwegs ist und wer mit illegalen Drogen nachhilft, lässt sich in der Regel nicht sagen, öffentlich konsumiert werden nur Alkohol und Nikotin.

Bei den Rettungskräften ist die Stimmung am frühen Abend ebenfalls positiv. Viel zu tun haben sie nicht, in ihrem Behandlungszelt ist nur eine Liege belegt. "Wir behandeln überwiegend Kreislaufprobleme. Vereinzelt treten Gäste in Glasscherben oder haben eine Zecke, ein paar sind einfach zu voll", sagt Scott Gilmore, der den Einsatz der Notfallsanitäter auf dem Gelände leitet. Die Feiernden seien entspannt und die Kooperation mit Security und Polizei laufe reibungslos, besser gehe es nicht. Die Einsatzleitung der Polizeibeamten, die überwiegend an Eingang und Zufahrt Präsenz zeigen, hat ebenfalls keine besonderen Vorkommnisse zu vermelden. Die Veranstaltung verlief größtenteils friedlich, im Anbetracht der gestiegenen Besucherzahl gab es sogar einen leichten Rückgang der wenigen festgestellten Straftaten und Verstöße.

Fazit

Leicht hätte es anders kommen können: Im Falle eines Gewitters wäre das Gelände evakuiert worden. Dazu kam es, trotz ambivalenten Wetterprognosen, nicht. Mit 7000 Besuchern bietet das Kamehameha-Festival eine intime Alternative zu anderen, weitaus größeren Events der elektronischen Musik, während hinsichtlich der Dichte an DJ-Stars niemand Abstriche machen muss. Es ist ein Festival für alle, die Lust darauf haben. Die 60-jährige Steffi und ihr Partner sind nicht die einzigen Vertreter ihrer Altersklasse an diesem Samstag.

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