Bling-Bling und Brägele

Wie war’s beim … Kamehameha-Festival 2018 auf dem Flugplatz in Offenburg?

Laura Wolfert

Freizügig, glitzernd, ekstatisch: zum fünften Mal fand das Elektro-Open-Air Kamehameha in Offenburg statt. Den Besuchern ging es nicht nur um die Musik, sondern auch ums Sehen – und ums Gesehen werden.

Sonnenstrahlen brechen das Dickicht aus Zigaretten und Rauchnebel in dem großen Zelt "House Circus". Sascha Braemer nickt mit dem Kopf hinter dem DJ-Pult. Er dreht und drückt Knöpfe, ist der Puppenspieler, der hunderte Menschen zu seinem Beat tanzen lässt wie Marionetten. Dabei streifen grüne Scheinwerfer über ihre Köpfe: Die Glitzersteine in ihren Gesichtern funkeln, die Füße gleiten über den Boden. Sie halten sich in den Armen, küssen und umarmen sich. Vor den Augen des Tech-House-DJs sieht man nur Bling-Bling – hinter ihm stehen gebratene Kartoffeln mit Speck auf einem Pappteller: Brägele.


Der Mann, der für das Spektakel verantwortlich ist, mag es simpel: er trägt eine kurze Hose und ein lockeres Shirt – ganz leger in schwarz. Braemer wirkt unbeeindruckt, was für eine Wirkung seine Musik auf die Leute hat. Mitarbeiter piksen in eine Portion Brägele, er selbst nippt an einer Flasche Wasser. Er schlendert hin und her, lächelt, wenn er Bekannte sieht und gibt ihnen die Hand. Braemer macht deutlich, dass die Freud und Ausgelassenheit nur Teil einer Show ist, die funktioniert, wenn der DJ auf Knöpfe drückt und Scheinwerfer die Probleme und Sorgen der Besucher überblenden.

Das Festivalgelände

Folgt man der Sonne nach draußen, kribbelt Sand unter den Füßen. Die Tanzfläche der Dschungel-Bühne sieht aus wie eine kleine Strandfläche. Flugzeuge fliegen über den braungebrannten Köpfen in den Sonnenuntergang, während Besucher auf dem Karussell durch die Luft gleiten und nach Seifenblasen greifen. Quetscht man sich an nackten, nassen Oberkörpern vorbei, steht man ein paar Meter weiter im Matsch: an der Trinkwasserstelle bespritzen die Besucher sich mit kleinen Pistolen, schütten sich ganze Flaschen über den Kopf und schubsen sich in den Dreck.

Es riecht nach Sonnencreme, Bier, Gras und Wasserpfeife. Neben einer Hüpfburg ist ein kleiner Bereich für Shishas aufgebaut, daneben ein Bier-Pong-Stand von Stümple. Kleine Sonnenschirme bieten Schutz, im Schatten wird gekuschelt und mit Sonnencreme der Nacken massiert.

Vor der dritten Bühne, die mit Holz verkleidet ist, legt Ex-Freiburg Borrowed Identity auf, so auch Konstantin Sibold und Paula Temple. Was fehlt, ist die Hip-Hop-Bühne, wie vergangenes Jahr die "Chimperator-Stage". Das Festival ist allgemein kleiner und läuft nur noch einen Tag, anstatt ein ganzes Wochenende.

Die Fressbuden

Ein Festivalbesucher lehnt sich an einen der Essenswagen. Sein Kopf hängt zu Boden, Sonnenbrand prangt auf seinem Nacken. Er schaut mit leichtem Silberblick nach oben zum Würstchenbrater. "Na, willst du nicht lieber in den Schatten", fragt er. Doch der angetrunkene Mann blickt ihn grimmig an, schwankt mit seinem Kopf zur Seite und starrt auf die Schale Kartoffel-Ecken. Er will sich eine greifen, verfehlt sie und landet mit seinem Finger in der Aioli-Soße. Der Wurst-Verkäufer stellt die Schale zur Seite, der Mann pöbelt.

Die Essensstände sind auf dem Festival die Leidtragenden. Angetrunkene Besucher werfen ihnen böse Blicke zu, weil sie lediglich im Schatten stehen wollen und weggeschickt werden, andere nörgeln wie Kleinkinder: "Wann ist das Essen endlich fertig?". Dabei ist die Auswahl vollkommen in Ordnung, das Preis-Leistungsverhältnis sowieso: Eis, Pommes, Burger, Hot-Dogs sowie Käsespätzle gibt es für zwei bis fünf Euro und sorgen für die nötige Grundlage. Doch der Wurst-Verkäufer nimmt den Ärger mit Humor: "Das gehört dazu, wenn man auf einem Festival arbeitet – wir lachen drüber."

Die Festivalbesucher

Junge Frauen, die aussehen, wie auf dem Coachella-Festival, protzige, durchtrainierte Oberkörper und ältere Besucher, die wie in Ekstase ihren Kopf in den Nacken werfen, die Arme in der Luft schlängeln und die Musik durch ihren Körper gleiten lassen.

Den Gästen geht es nicht nur um die Musik. Es geht um das Sehen und Gesehen werden – ganz nach dem Motto: Weniger ist mehr.

Eine Festivalbesucherin verdreht dabei sogar Oliver Kowalski, Teil des DJ-Duos "Moonbotica" den Kopf. Sie tänzelt hinter seinem DJ-Pult im VIP-Bereich. Kowalski dreht sich um, hält die Hände an seine Brust, zeigt auf die junge Frau und zuckt fragend mit den Schultern. Sie schüttelt den Kopf – der DJ hat richtig hingesehen. Sie trägt kein Oberteil, kein Shirt, keinen Bikini, keinen BH. Leidiglich viele bunte Glitzersteine bedecken ihre Brüste. Er zeigt ihr den Daumen nach oben – und dreht sich noch ein paar Mal mit einem Augenzwinkern zu ihr um. Denn manchmal kann auch hinter dem Pult eine Show ablaufen – wenn die Festivalbesucher mit ein bisschen Bling-Bling den DJ in ihren Bann ziehen.

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