Wie war's beim Frauenfeld-Openair in der Schweiz?

Laura Wolfert

Ein idyllisches Städtchen in der Schweiz. Vier Tage wurde gerappt statt gejodelt. In Frauenfeld fand von Mittwoch bis Sonntag das größte Hip-Hop-Openair Europas statt. Unsere Autorin war dabei.

Die größte Überraschung

Ein aufgeblasenes Kondom weht über den Köpfen von 50.000 Festivalbesuchern. Bei 27 Grad pressen sich die Hip-Hop-Fans mit Sonnencreme eingeschmierten Oberkörpern durch die Menschenmasse in Richtung Bühne – soweit nach vorne, bis sie die Nieten an Yelawolfs Lederweste zählen können.

Yelawolf, der mit dem Vollbart, dem Stirnband, den neun Ringen an seinen Fingern und dem Tattoo-übersäten Körper schlurft über die Bühne der Northstage. Er greift sich ein gekühltes Dosenbier und öffnet es am Mikrofon.

Es zischt. Er streckt die Dose in die Luft. Macht er das wirklich? Ja! Er kippt das Bier seinem Gitarristen Bones Owens in den Rachen. Dieser zupft die Saiten immer schneller und schneller. Das Pils tropft über seinen Bart. Die Zuschauer kreischen. Yelawolf schüttet sich selbst einen Schluck in den Mund, spuckt es dann in Richtung Menschenmasse und schmettert die Dose auf den Boden. Die Musik wird noch lauter, der Rhythmus noch schneller. Er reißt sich die Lederjacke von seinen Armen, schleudert sie in der Luft, packt das Mikro und schreit "I’m too rocky for Hip-Hop! I’m too Hip-Hop for Rock’n’Roll".

Auf meiner Gänsehaut klebt Bier. Das aufgeblasene Kondom ist über den 50.000 Köpfen geplatzt.

Das Festivalgelände

Erst streift ein bittersüßer Duft von Gras an meiner Nase vorbei, dann rieche ich Axe-Deodorant und dann die Pfannkuchen der Crêperie. Tausende Menschen tummeln sich mit ihren Pavillons an mir vorbei. Vorbei an den Imbissbuden, dem Grillplatz, der Startrampe und der Graffitiwand. Überall blinken Lichter, es tönt laute Musik aus jeder Ecke. Es laufen ’Candy Shop’ und ’Thrift Shop’ zugleich. Ich weiß nicht, wo ich hinschauen oder hinhören soll. Man hat Angst, etwas zu verpassen.

Zwei große Bühnen sind aufgebaut: Die South- und die Northstage, und dazu eine kleine "La Fabrik". Es wird Bier ausgeschenkt, Pizza in den Ofen geschoben, in Diskotheken mit den besten DJs der Schweiz getanzt, Handys an der Mobile-Station geladen und auf dem Trainingsplatz gepumpt. Das Highlight: Ein Fluss. Gott sei Dank. Duschen kostet nämlich 10 Franken – so viel wie eine Pizza. Und hier essen die Leute lieber, anstatt sich zu waschen.

Wer war da?

Schöne Menschen. Sie tanzen, stöhnen wegen der Hitze, wippen mit dem Kopf zum Beat oder dribbeln mit dem Basketball. Schweizer. Amerikaner. Deutsche. Franzosen. Menschen von überall. Menschen mit roten Augen. Menschen mit Sonnenbrand. Frauen in knappen Höschen, die versuchen, zu twerken. Männer in engen Tank Tops, die ihr Brust rausstrecken und den Bauch einziehen. Nackte Haut, Muckies und Boobies wo man nur hinsieht. Auffällig sind die streng geflochtenen Zöpfe der Mädchen. Die Besucher sind trainiert, extravagant und offen. Oder wie sagt Haupt-Act Wiz Khalifa? "Young, wild and free".

Die Klos

Da hatte jemand Ravioli in seinem Bauch. Hatte.

Highlights

Wenn 50.000 Menschen mit Macklemore "Light Tunnels" singen, jeder Ton das Herz trifft, du mitgrölst und du keine Angst hast, dass dich jemand hört, oder dich beim tanzen sieht. Wenn 50 Cent in die Kamera lächelt und du denkst: der Typ hat mehr Zähne als Stefan Raab. Wenn du tatsächlich dein Handy wegpackst, um den Moment zu genießen. Wenn du in zehn Sekunden von der einen Bühne zur anderen rennst, weil sich das Konzert von 187 Straßenbande verlegt hat. Oder wenn ganz Frauenfeld "Lutsch mir die Eier" auf Schwyzerdütsch mit Kool Savas rappt – dann ist das eines der vielen Highlights auf dem Festival. Dennoch: Yelawolf hat am meisten überrascht. Ohne großes Spektakel.

Fazit

200 Franken, vollgekotzte Toiletten, Schlafentzug, schmerzende Füße, Mückenstiche, Ravioli-Orgien, zittern im Zelt, Nachbarn, die grundlos "Helga" schreien: Vier Tage Ausnahmezustand, eine andere Welt – das ist es wert.

Ach, und es waren 42. Wenn ich richtig gezählt habe, waren es 42 Nieten an Yelwolfs Lederweste.