Kritik

Wie war’s bei … "Wut" von Elfriede Jelinek im Theater Freiburg?

Gina Kutkat

Elfriede Jelinek schrieb den Text "Wut" im Jahr 2015 nach den Terroranschlägen von Paris. Am Theater Freiburg ist dazu ein Stück zu sehen, das erschreckend aktuell ist und die Zuschauerinnen und Zuschauer atemlos zurücklässt.

Der erste Eindruck

Was redet er da? Worum geht es? Die erste Szene von "Wut" beginnt mit einem Monolog über das Töten und gibt eine gute Marschrichtung des Abends vor. Schauspieler Victor Calero redet sich in Rage, während er seine Kalaschnikow beschreibt. Es geht um islamistische Kämpfer, Frauen und die Belohnung im Paradies. Man versucht, seinen Worten zu folgen und steigt irgendwann aus, nur um Minuten später wieder voll aufmerksam zuzuhören. Man merkt: Das hier wird kein Abend zum Zurücklehnen und Berieselnlassen. Das hier könnte anstrengend und fordernd werden.

Die Bühne und das Bühnengebaren

Die acht Schauspielerinnen und Schauspieler schlüpfen in die Rollen verschiedener Menschen, die ihrer Wut freien Lauf lassen: Wutbürger, Dschihadisten, AfDler wie Björn Höcke, Pegidisten, aber auch Figuren aus der griechischen Mythologie und die Autorin Elfriede Jelinek kommen zu Wort. Sie schrieb den Text, auf dem der Abend basiert, kurz nach den Pariser Anschlägen im Jahr 2015 auf einen Supermarkt und die Redaktion Charlie Hebdo.

Was das Ensemble aus sich herausholt, ist atemberaubend und atemraubend: Mal sieht und hört man einen wütenden Wutchor, mal entlädt sich die Wut in einer mehrminütigen Solo-Tirade. In einzelnen Kapiteln arbeitet sich das Ensemble an Terroranschlägen, Amokläufen, rechten Think Tanks und Hetzreden ab. Es wird viel gebrüllt, geschrien, geschossen und gehadert.

Auf einer großen Leinwand und auf zwei kleineren Bildschirmen werden Internetbilder realer Terroranschläge gezeigt. In einer Szene verschwindet Herakles in einem Kasten, der auf der Bühne steht. Er hat eine Kamera dabei, deren Aufnahmen nach außen projiziert werden. So kriegt das Publikum live mit, wie er mordet. Ein visuelles Spektakel, das den eigenen Voyeurismus zum Vorschein bringt und an die Täter von Paris oder Christchurch erinnert, die ihre Taten im Internet streamten oder streamen wollten.

Das Publikum

Wird angeregt, gefordert, vielleicht auch ein bisschen überfordert – und das ist nicht wertend gemeint. In den zwei Stunden des Stücks rieseln so viele Textpassagen, Szenen, Figuren und aktuelle Geschehnisse auf die Zuschauerinnen und Zuschauer ein, dass diese manchmal nicht mehr wissen, wie es um sie geschieht. Augen, Ohren und Geist werden strapaziert bis zum Anschlag. Zum Glück hilft das Ensemble aus und holt das Publikum rechtzeitig zurück auf den Boden der Tatsachen, in dem es die Freiburger und Freiburgerinnen direkt anspricht und die grüne Ökostadt auf den Arm nimmt.



Elfriede Jelinek

Nobelpreisträgerin Elfriede Jelinek verlieh ihrer Wut Ausdruck, nachdem im Jahr 2015 Attentäter in Paris bei Anschlägen auf einen Supermarkt und die Redaktion Charlie Hebdo 16 Menschen töteten. Ihr wütendes Epos "Wut" umfasst 114 Seiten, dessen Inhalt Regisseur Hermann Schmidt-Rahmer so zusammenschrieb, dass es in zwei Stunden Theater passt. Er nennt Jelinek eine Prophetin, weil sie schon 2015 das beschrieb, was mittlerweile zu einer Epidemie gewachsen ist: Das Wutvirus junger Männer. Jelinek schreibt über die Angst vor Fremden, Opfer und Täter, die Ohnmacht und die Macht, die Angst vor Frauen und den daraus resultierenden Zorn, das Filmen von Taten und das Internet als Ort der Hetzer und Hassreden. Ihr Text ist erschreckend aktuell, weil solche Taten seit 2015 immer wieder passieren: In Christchurch, Barcelona oder Nizza. Anja Schweitzer spielt eine Elfriede Jelinek, die mit viel Zynismus und Humor, aber auch Verzweiflung ausgestattet ist.

Die Aktualität

Am 9. Oktober, noch während das Team probte, geschah der Anschlag in Halle. Der rechtsextreme Täter versuchte, 80 Menschen in einer Synagoge an Jom Kippur – dem höchsten jüdischen Feiertag – zu ermorden. Im Anschluss hat er zwei Menschen erschossen und zwei schwer verletzt. Er filmte seine Morde und streamte das Video live auf der Plattform Twitch. Das Ensemble hat auch diesen jüngsten Terroranschlag in dem Stück verwoben.

Pauschalurteil

Texte von Elfriede Jelinek sind nicht immer verständlich; das gilt auch für "Wut". Wer versucht, logisch alles nachzuvollziehen, wird verzweifeln. Doch es wird durch das Stück viel angestoßen, mit dem man sich auch Tage später noch auseinandersetzt. Deshalb – und auch, weil das Stück so erschreckend aktuell ist – sollte man sich "Wut" unbedingt anschauen.

Was in Erinnerung bleibt

Der Schauspieler Victor Calero lädt das Publikum nach der Vorstellung zur Premierenfeier in die Theaterbar ein: "Vielleicht können Sie uns ja dann erklären, worum es in dem Stück geht."

  • Was: "Wut" von Elfriede Jelinek
  • Wann: Freitag, 25. Oktober, Donnerstag, 31. Oktober, Samstag, 2. November, Freitag, 8. November, Freitag, 15. November, Sonntag, 17. November, jeweils 19. 30 Uhr, Sonntag, 10. November, 15 Uhr, und weitere Termine
  • Wo: Theater Freiburg, Großes Haus
  • Eintritt: ab 21 Euro

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