Wie war’s bei... Pussy Riot im E-Werk?

Simon Langemann

Zwei Jahre Lagerhaft für einen Auftritt in der Kirche: Die Polit-Punk-Gruppe Pussy Riot hat 2012 weltweites Aufsehen erregt. Am Vorabend der russischen Präsidentschaftswahlen brachte sie ihre Geschichte mit einer eindringlichen Performance im E-Werk auf die Bühne.

Das Genre

"Wir haben aufgehört, es Theater zu nennen", sagt Alexander Cheparukhin, der das Projekt "Riot Days" als Produzent betreut. Soeben ist der 60-Jährige an eines der vier in einer Reihe angeordneten Mikros getreten, um kurz zu erläutern, was die circa 400 Menschen im bestuhlten E-Werk in den kommenden 70 Minuten erwartet. Ein Konzert im klassischen Sinne jedenfalls nicht – denn: "Pussy Riot waren nie eine Band."

Viel mehr, so Cheparukhin, habe es sich um einen Zusammenschluss aus politischen Aktivistinnen gehandelt, die es sich zu eigen gemacht hätten, dass manche von ihnen Instrumente beherrschten. "Punk-Manifesto" sei, bezüglich des aktuellen Programms, ein Begriff, auf den man sich habe einigen können. Nennen wir es an dieser Stelle einfach mal: eine Performance im Spannungsfeld zwischen Musik, Videokunst, Tanz und Spoken Word.

Die Geschichte

Die Ursprünge von Pussy Riot fallen grob mit der Ankündigung ihres Feindbilds Wladimir Putin zusammen, für die russischen Präsidentschaftswahlen 2012 zu kandidieren. Internationale Schlagzeilen macht ihr "Punk-Gebet", für das sie sich in den Innenraum der Christ-Erlöser-Kathedrale in Moskau einschleichen, um dort mit einer Performance gegen den großen Einfluss der Russisch-Orthodoxen Kirche auf den Kreml zu protestieren. Drei der Aktivistinnen wird wegen "Rowdytums aus religiösem Hass" der Prozess gemacht. Zwei von ihnen müssen für zwei Jahre in Lagerhaft – ehe sie im Vorfeld der olympischen Spiele im russischen Sotschi Ende 2013 begnadigt werden.

Die Besetzung

Jekaterina Samuzewitsch und das wohl bekannteste Gesicht Nadeschda Tolokonnikowa sind nicht Teil des aktuellen Projekts, mit dem Pussy Riot bereits durch die USA und in Australien tourten. Hauptdarstellerin ist die dritte im Bunde der Verurteilten: Marija Aljochina. Musikalische Unterstützung erfährt sie von Anastasia Ashitkova, einst Bassistin bei Pussy Riot, und deren Freund Maxim Ionov. Rechts von ihr: Kiryl Masheka, der einzige gelernte Schauspieler der Produktion.

Die Texte

… basieren auf dem autobiografischen Buch "Tage des Aufstands" (englisch "Riot Days), in dem Marija Aljochina ihre Geschichte chronologisch niedergeschrieben hat. Gesprochen, oft geschrien und szenisch auf die Besetzung verteilt, reißen sie einen mit in die Christ-Erlöser-Kathedrale, mit in den Gerichtssaal, mit in die absurden Haftbedingungen im Straflager und mit in den Hungerstreik.

Die Videos

… flimmern mal durchgehend, mal im von großgeschriebenen Slogans unterbrochenen Stakkato über die Großleinwand. Original-Aufnahmen der Pussy Riot-Aktionen, Bilder von Putin und sonstige Dokumente des repressiven Russlands steigern die Intensität der ohnehin schon eindringlichen Vorstellung spürbar. Dauerhaft eingeblendet: die Untertitel zur Übersetzung der in russisch vorgetragenen Geschichte.

Die Musik

Stampfend, avantgardistisch, elektronisch. "bum bum", nennen es Anastasia Ashitkova und Maxim Ionov in der Genre-Beschreibung auf der Facebook-Seite ihres Projekts AWOTT (Asian Women On The Telelephone). Saxophon, Live-Drums und jede Menge Synthesizer aus der Konserve bilden den musikalischen Unterbau, der sich von Kapitel zu Kapitel ändert, ohne dabei wie eine typische Konzert-Setlist anzumuten.

Das Publikum

Produzent Alexander Cheparukhin lädt vor der Show ausdrücklich dazu ein, sich von den Rängen zu erheben. "Feel free to behave as Punk as possible" – ein zum Scheitern verurteiltes Anliegen. Zu fordernd ist die vielschichtige Performance und zu bedrückend das geschilderte Szenario, um dazu zu tanzen.

Der Höhepunkt

Nicht als Scherz, sondern als völlig berechtigt entpuppt sich Cheparukhins Warnung an die ersten Reihen, sich vor zerstörerischen Showelementen in Acht zu nehmen: Gegen Ende der Performance bricht Kyril Masheka den auf einem Requisitentisch im Hintergrund positionierten Wasservorrat an und ergießt ihn, Flasche für Flasche und mit voller Wut, über der Menge.