Konzert

Wie war’s bei … Max Herre auf dem ZMF?

Lisa Petrich

Mehr als "Esperanto" und "A.N.N.A": Neben der Nostalgie der 90er bringt Max Herre neue Beats mit starken, politischen Statements nach Freiburg und versetzt das Zirkuszelt wieder ins Hip-Hop-Fieber.

Kurz vor Beginn ist das Zelt noch halb leer. In der Mitte tummeln sich schon ein paar motivierte Hip-Hop-Fans, die sich zum Vor-Act Majan für das Konzert warm machen, während die restlichen Besucher noch entspannt auf den Stufen der Seitenränge sitzen, genüsslich einen Döner essen und ihr Getränk leeren. Zwei Damen über 50 an den Seiten rufen fordernd "Max H-e-r-r-e!" und pfeifen, langsam wird das Zelt etwas voller. Das Publikum ist im Vergleich zum Vorjahr etwas jünger, im Schnitt um die 30, mit einigen jungen Erwachsenen und zahlreichen alten Freundeskreis-Fans 40 aufwärts.


Bei 29°C Außentemperaturen genießen die Besucher hier lieber Radler statt Bier und der Schwitzfaktor ist bereits ohne wildes Hüpfen ziemlich hoch. Doch mit Max Herre kommt auch die Energie des Publikums zurück: Ohne Aufforderung gehen die Hände in die Luft, heftiges Kopfnicken und Mitgrölen bleibt Standard. Trotz seiner 46 Jahre wirkt der deutsche Rapper jung wie nie, seine Performance ist gänzlich ungestellt und kein Stück peinlich, auch als er sich an die moderneren Beats von heute wagt.

Herre funktioniert auch ohne Freundeskreis

Letztes Jahr spielte Max Herre mit Freundeskreis im ausverkauften Zirkuszelt, dieses Jahr kommt er alleine mit seinem neuen Album "Athen" nach Freiburg. Seine Karriere als Solo-Artist startete er 2004, nach der erfolgreichen Zeit mit dem Hip-Hop-Trio Freundeskreis in den 90ern. Im Duett mit Philipp Poisel schaffte Herre es dann mit "Wolke 7" erstmals unter die Top 10, für sein Album der Unplugged-Reihe von 2013 erhielt er mehrere Auszeichnungen.

Dass der gebürtige Stuttgarter auch ohne seine Kollegen von Freundeskreis das Zelt ins Hip-Hop-Fieber versetzen kann, beweist er dieses Mal deutlich. Auch wenn das Zirkuszelt nicht so voll ist wie letztes Jahr, jubelt die Menge so laut, als wäre das Konzert ausverkauft – und es gibt immerhin genug Platz zum Tanzen.

Abfeiern zum 90er Hip-Hop

Zur Erleichterung aller wird der Abend nicht nur eine Preview des neuen Albums. Mit einigen Abstechern in die 90er wie "Esperanto", "Halt dich an deiner Liebe fest" und natürlich dem unvergleichlichen "A.N.N.A" lässt Herre das Zelt hüpfen und johlen. Zu den alten Hip-Hop-Hits der 90er lässt es sich eben am besten abfeiern.

Als große Überraschung taucht zum romantischen "1ste Liebe" auf einmal Joy Denalane, Herres Frau, hinter der Bühne auf. Das Publikum jubelt und grölt, als sie wie schon so oft ins Duett mit Max Herre einsteigt. Die beiden ergänzen sich perfekt und die Menge scheint es zu lieben, wenn sie gemeinsam performen. Automatisch erhöht sich auch der Flirtfaktor auf der Bühne von null auf hundert – mit tiefen Blicken in die Augen, immer näher kommend, und zärtlichem Schulterstreicheln. Höhepunkte: Denalane klatscht dem 46-Jährigen frech auf den Po, später zieht sie ihn zum altbekannten "Mit dir" hinter die Bühne. Was hinter der Bühne passiert, bleibt dem Publikum verborgen.

Als zweite Überraschung performt der deutsche Rapper Megaloh, den man unter anderem bereits von "Rap ist" kennt – und genau mit diesem Hit gehen die Hände wieder automatisch nach oben und das Zelt wippt zum Beat mit. Das ist Deutsch-Rap vom Feinsten, ohne prollige Performer, dicke Autos und Sexismus.

Die Reise nach Athen mit klaren, politischen Statements

Bei den neuen Songs wie "Athen" und "Villa auf der Klippe" sind einige der jüngeren Anhänger schon voll mit dabei, während die Fans der 90er noch einen Moment brauchen, um sich anzuschließen. Mit Beats, angepasst an den Geist der Zeit, wagt sich Max Herre in den Stil der Moderne, begleitet von melancholischen Gitarrenklängen, die an Pink Floyds "Shine On You Crazy Diamond" erinnern.

Auch wenn sich einige Zuschauer noch nicht ganz mit dem neuen Stil identifizieren können, holt sie Max Herre mit klaren, politischen Statements in seinen folgenden, neuen Songs zurück ins Boot. Damit zeigt er bewusst Kritik an der politischen Situation in Deutschland und setzt ein Zeichen zur Weltoffenheit und gegen Rechts. Sein nächster Song "Sans papier" erzählt die Geschichte eines Asylbewerbers, der mit seinen Papieren auch seine Identität verloren hat. Mit Phrasen wie "Fühl wie ich untergeh" und "Sei nicht derselbe Fluss" breitet sich Gänsehaut der anderen Art im Publikum aus. "Dieser Song soll ein Zeichen gegen Rassismus sein", sagt Herre und lässt damit die Menge zustimmend jubeln. Tolle Statements, für die er den vielleicht lautesten Applaus des Abends erntet.

Es gibt Philosophen, Rapper, Musiker und einige wenige, die alles gemeinsam sind – Max Herre ist einer davon. Beim ZMF hat er wieder den Hip-Hop der 90er nach Freiburg gebracht, ungestellt und ehrlich, mit neuen Beats und politischen Statements im Gepäck. "Ich komme wieder", ruft er, als er nach zwei Stunden die Bühne verlässt und ein wild klatschendes, johlendes Publikum hinterlässt.