Wie war’s bei … Marteria in der Sick-Arena?

Damian Correa

Schon viele Künstler haben sich mit dieser Bezeichnung geschmückt, bei ihm stimmt sie wirklich: Marteria ist eine Rampensau! Das hat der Rapper am Mittwochabend in der Sick-Arena bewiesen. So war der Abend.

Die Location

Die SICK-Arena: Auch wenn sie wahrscheinlich jeder Freiburger schon kennt, sei an dieser Stelle nochmal gesagt: Der Name ist Programm. So also sehen Veranstaltungshallen in Süddeutschland aus. Blitzsaubere Klos und Seifenspender mit Sensor-System. Wow! Die Stage ist riesig, Zigarettenqualm vernebelt den Blick auf die riesigen Rohre, die an der Decke hängen. Marteria hat dick aufgefahren: Seine Hip-Hop-Beats werden von mehreren Live-Musikern nachgespielt, alles Freunde, die er in verschiedensten Ländern kennengelernt hat. Der Gitarrist kommt aus Granada. "Und wisst ihr was?", brüllt Marteria. "Granada ist die PATENSTADT von Freiburg". Grenzenloser Jubel. Worüber man sich mit 5 Bier intus nicht alles freuen kann.

Die Crowd

Schon beim Einlass fällt auf: Den typischen Materia-Fan gibt es nicht. An diesem Abend sieht man alles: Vom Pony zum Punk, vom Hänfling zum Schrank, von "Fuck Nazis"-Hoodie zur Weste von Muddi, von scheinbarem Gleichmut zur maßlosen Schmink-Flut.

Bei seinen Live-Auftritten kommt Marteria zu Gute, dass seine Tracks sehr pop-lastig sind. Fast jede Hook ist ein fetziger Song für sich. Beim Konzert läuft das folgerichtig auf das immer selbe Muster hinaus: Während den Parts die bei Rap-Konzerten übliche chinesische Winke-Katze. Während dem Refrain springen bis die Achillessehne reißt. Die Stimmung ist super und ebbt nicht - wie bei vielen anderen Konzerten – zwischendurch ab.

Nach jedem zweiten Lied ruft Marteria: "Alle Hände, ich will jetzt alle Hände sehen!". Und er kriegt seine Hände. Auch noch nach einundeinhalb Stunden. In Sachen Textsicherheit und Bewegungslust zieht sich eine sichtbare Linie durch die Halle. Im vorderen Teil stehen seine Jünger, die in ihren durchgeschwitzten Marteria-Unterhosen jeden Track mitgrölen. Im hinteren Teil, etwas abseits, gibt es die, die Marteria aus dem Radio kennen und mal gucken kommen wollen. Dementsprechend variiert der Lautstärkepegel stark zwischen den Mega-Hits "Kids - Zwei Finger an den Kopf" oder "Lila Wolken" und nur den hartgesottenen Fans bekannten "Gleich kommt Louis".

Während des Konzerts wird viel fotografiert und mein Nebenmann rammt mir beinahe seinen Selfie-Stick ins Auge. Bevor Marteria selbst in den Moshpit steigen will, sagt er: "Kommt Leute, jetzt legt mal die Handys weg!" und bewahrt mich vor der drohenden Erblindung.

Track-Check

Marteria spielt eine bunte Mischung aus Mega-Hits und seinem mittlerweile gar nicht mehr so neuen Album "Roswell". Dass Marteria sich auch außerhalb seiner Künstler-Karriere politisch engagiert, ist bekannt. Auf seinem neuen Album hat er seiner politischen Einstellung einen eigenen Song gewidmet: "Links". "In diesen Zeiten ist es wichtiger denn je, sich weltoffen zu zeigen!", sagt Marteria. "Welche Stadt könnte da ein besseres Beispiel für sein als ihr, Freiburg?" Hach, das ist doch Balsam für die (Wahl)-Freiburger Seele.

Geil

Nachdem die letzten Takte von "Links" verklungen sind, wird es kurz dunkel, dann steht plötzlich Marsimoto, Marterias Alter Ego, auf der Bühne. Der Rauch der Joints, die geistesgegenwärtig gezückt worden sind, versiegt in den grünen Wolken, die von der Bühne aufsteigen. Marsi spielt drei Klassiker und ein Lied, "das noch niemand kennt", und deutet an, dass da vielleicht bald was kommt. Man darf gespannt sein.

Der traurigste Moment des Abends

"Wer von euch ist wegen Hip-Hop hier?", brüllt der Vor-Act-Rapper "3plusss" dem Publikum entgegen. Nicht viel mehr als verhaltenes Gemurmel. Vor-Acts tun mir so leid. Er macht es eigentlich richtig gut, aber die Leute sind halt einfach wegen Marteria da und nicht wegen ihm. "Wer … ", probiert er es nochmal "WER VON EUCH IST WEGEN HIP-HOP HIER?!" Dann kommen doch ein paar mehr zustimmende Rufe aus der Mitte. Marteria bedient das klassische Kapuzenpulli-Rap-Klischee halt einfach nicht wirklich.

Marterias´ Liebesbekenntnis

Marteria ist eigentlich Hansa Rostock-Anhänger, outet sich auf dem Konzert aber auch als SC-Sympathisant und Streich-Fan: "Respekt für den geilsten Fußballtrainer der Bundesliga!", ruft er. "Möge dieser symphatische Club den Klassenerhalt schaffen!" Und dann: "Hansa Rostock und der SCF!". Warum eigentlich nicht?

Das Finale

Vor seinem letzten Lied bedankt sich Marteria einzeln bei allen anderen Künstlern auf der Bühne, dann spielt er noch einen letzten Song: "Feuer" ist ein absoluter Abreiß-Track, wie von Sinnen springen die Leute ohne Rücksicht auf Verluste durcheinander, während auf der Bühne Feuerbälle in die Luft schießen. Dann gibt es noch ein Goodie: Für "die letzten 20 Sekunden", die dann fast 20 Minuten dauern, springt Marteria zu einem abgefuckten Elektro-Sample von der Bühne in den Moshpit und pogt sich durchs Publikum. Dazu schreien er und eine Backgroundsängerin abwechselnd wie zwei Schimpansen auf Koks ins Mikro. Abgerundet wird das Ganze von einem im Takt nickenden Lama auf der Videoleinwand.

Die Frau des Abends

Die glücklichste Frau an diesem Abend war vielleicht Madeleine Rauch. Marterias Backgroundsängerin stammt aus Freiburg und kriegt am Schluss von ihm eine extra feste Umarmung. Die überwältigende Zuneigung des Freiburger Publikums quittiert Madeleine mit einem Luftküsschen.

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