Lyrische Inszenierung

Wie war’s bei … Laut & Lyrik im Litfass?

Carla Bihl

Einmal im Monat tritt das Ensemble der Sprechtheatergruppe Laut & Lyrik in der urigen Raucherkneipe Litfass im Sedanviertel auf. fudder war bei der lyrischen Inszenierung dabei und hat mit den Rezitierenden gesprochen.

Die Schriftstellerin Christa Schyboll sagte einmal: "Manche Lyriker sind Menschen, die mit ihrem Seelenschmalz die letzten Atemporen ihrer Leser fest verkleben." Weniger schmachtend, dafür moderner und politischer war es bei Laut & Lyrik im Litfass. Denn das Programm "Grenzen(los)" traf mit gesellschaftlicher Relevanz und aktuellem Bezug den Nagel auf den Kopf.


Pils, Pasta und Lyrik in einer kleinen Kneipe

In die kleine heimelige Kneipe Litfass in der Moltkestraße mit den alten Plakaten und den vielen Fotos passen fünf Tische. An die wiederum passen mehr Menschen, als man glauben mag. Jedenfalls wird’s im Litfass an diesem Mittwochabend gemütlich. Freunde, Interessierte und Lyrik-Connaisseure wollen sich den Rezitierkünsten der Laut & Lyrik-Gruppe hingeben.

Wenn alle Pils und Pasta haben, kann das diesabendliche Quartett, bestehend aus Lara, 28, Hannah, 25, Damian, 24 und Kiran, 30, beginnen. Das wechsle nämlich von Mal zu Mal – einmal im Jahr finden aber Auftritte in voller Zwölfer-Besetzung unter der Leitung Wilfried Vogels auf der Bühne des E-Werks statt. Kommendes Jahr feiert das Ensemble bereits 20-jähriges Bestehen.

"Was muss man tun?"

Viel Platz für große Bewegungen bleibt da nicht, aber eigentlich hat die Gruppe schon alles: Publikum, Stimme und eine Harfe – das muss an Equipment reichen – und tut es. In schwarz-legerer Robe machen die Vier die letzten Flecken der Kneipe zur Bühne und räsonieren: "Man muss was tun – tun muss man was – was muss man tun?"

Den lyrischen Einstieg leisten sie sich mit dem französischen Dichter Paul Éluard und seinem Gedicht "Freiheit", sowohl im französischen Original "Liberté", als auch in deutscher Übersetzung vorgetragen. Darauf folgen Fakten über Fremdverteilungen europäischer Staatsgrenzen. Wiederholt durchbrechen Sachverhalte und Statistiken das Schauspiel und holen das Publikum in die Realität. Jedenfalls klingt es beim Hörer wie eine profunde Polit- und Gesellschaftsstudie durch lyrischen Mund.

Das Ensemble gestaltet das Programm selbst mit

Für das Ensemble ist das Programm im Litfass etwas Spezielles, erklärt Lara. Es sei eine Mischung aus alten und neuen Texten, in anderer Kombination oder in anderer rhythmischer Gestaltung, je nachdem, was zur Thematik passe. Bei den Proben gebe es aufgrund der Größe des Ensembles oft auch Meinungsverschiedenheiten: "Das ist aber auch das Besondere. Man ist am Prozess beteiligt und kann das Programm selbst mitgestalten und Texte mitbringen, zu denen man einen persönlichen Bezug hat."

Mit dem Vortrag des Liedes "Todos Juntos" der chilenischen Folk-Rock-Gruppe Los Jaivas, im spanischen Original, auf Deutsch "Alle gemeinsam", das sich mit dem Widerspruch der Gesamtheit und Getrenntheit der Welt beschäftigt, geht es weiter. Ein weiterer Song, der sprechend vorgetragen wird, ist "Grenzen" der Deutsch-Pop Sängerin Dota: "Ich male eine Linie, du darfst nicht vorbei – Da trifft Luft auf Luft, da trifft Land auf Land – Da trifft Haut auf Blei."

Insgesamt zählt der Abend etwa 19 Gedichte, Lieder und Reden, die von dem Quartett inszeniert werden. Dabei reichen die lyrischen Vorträge von der etwas pragmatischen "Leier des Pythagoras" bis zu Michael Endes "Der Traum vom Fliegen." Gesungen wird mal mit Kiran Hug an der Harfe, mal ohne, mal auf Französisch, mal auf Deutsch, oder auf Englisch, wie bei "The Parting Glass" von Celtic Woman. Mal stehen sie dicht gedrängt, Rücken an Rücken, mal nebeneinander, mal voreinander.

Die Litfass-Auftritte sind etwas Besonderes für die Inszenierenden

Anders als bei den Auftritten im E-Werk, sei die Probephase hier etwas weniger zeitintensiv und die Auftritte eher aus persönlicher Laune heraus gestaltet. Trotzdem sei die Nähe zum Publikum bei den Litfass-Inszenierungen, die in der Reihe Kleinkunst am Mittwoch stattfinden, etwas Besonderes: "Hier kann man die Leute direkt ansprechen und ein bisschen in den Kontakt mit ihnen gehen", erklärt Hannah.

Nach zwei Sets mit jeweils etwa 15 Minuten Spielzeit, endet der Abend mit Joseph Beuys Erklärung: "Wie man ein Künstler wird", einer letzten Resonanz: "Tun muss man was!" und reichlich Beifall.