Premiere

Wie war’s bei… "Kasimir und Karoline" am Theater Freiburg?

Anika Maldacker

Es geht immer besser: Mit der Inszenierung von Christina Tscharyiski startet das Schauspiel in die neue Spielzeit am Theater Freiburg. Und zwar laut, bunt, ausgelassen – aber bitter traurig.

Die Bühne

Was die Theaterbesucher im Kleinen Haus erwartet, ist imposant. Ein überdimensionierter Gorillakopf und dessen Faust ragen aus dem Boden. Eine Anspielung auf das Triebhafte in uns? Oder King King? Jedenfalls schlüpft Karoline (Hanna Binder) aus der Faust wie die weiße Frau aus den Filmen. Aus den Nüstern des Gorillas dringt Nebel, die Augen leuchten, rot, blau, gelb. Aus ihnen schlüpfen die Feiernden heraus, wie aus dem Untergrund. Ein bedrohliches Bühnenbild, das Sarah Sassen für Ödön von Horváths "Karoline und Kasimir" entworfen hat. Mit der Inszenierung von Christina Tscharyiski startet auch das Schauspiel am Theater Freiburg in die neue Spielzeit.

Die Handlung

Kasimir (Thieß Brammer) und seine Braut Karoline ziehen über das Münchner Oktoberfest. Die Weltwirtschaftkrise 1929 ist noch deutlich spürbar. Die Gesellschaft lebt zwischen zwei Kriegen – ohne es zu wissen. Karoline will feiern, Kasimir wiegt sich im Selbstmitleid – er hat kürzlich seine Stelle aus Chauffeur verloren. Das Paar könnte in seinen Lebensentwürfen nicht unterschiedlicher sein. Sie streiten sich, die Entfremdung ist deutlich spürbar. Karoline wendet sich von Kasimir ab, stürzt sich in das Vergnügen, lernt den Zuschneider Schürzinger (Lukas Hupfeld) kennen. Und Kasimir? Der wendet sich an seinen Freund, den Merkl Franz (Tim Al-Windawe), einen Kleinkriminellen, und dessen Partnerin Erna (Angela Falkenhan), der ihn für seine krummen Geschäfte gewinnen will.

Die Musik

Zwischen dem deutschen Musiker Rummelsnuff, der elektropunkige Arbeiterlieder singt, und einem Männerchor liegen doch Welten. In diesem Stück passen sie auf ihre grotesken Weise zueinander. Wenn Rummelsnuff, oberkörperfrei, mit Irokesenschnitt und Robo-Dance rammsteinähnlich ins Mikro brüllt und später die leichenblass geschminkten Männer aus mehreren Gesangsvereinen der Region auftreten, dann soll das auf leicht-bedrohliche, angetrunkene Männerrunden bei Volksfesten anspielen. Zwischen denen müssen sich die Frauen der Inszenierung, Karoline, Erna und Maria und Elli, zurechtfinden. Jede auf seine Weise. Die eine kennt sie schon, die anderen nutzen sie aus und lassen sich ausnutzen. Karoline will mit den Prototypen des reichen, gealterten Festbesitzers, Rauch und Speer, ihren gesellschaftlichen Status verbessern – vergeblich. Am Ende ist auch sie ein Spielball.

Gänsehaut

In "Karoline und Kasimir" treffen Vergnügungssucht und Melancholie aufeinander, Geldregen auf Geldsorgen und Sinnfragen auf Ausschweifen. Ödön von Horváth zeigt in seinem Stück die verunsicherte Stimmung zwischen zwei Weltkriegen auf. Den Drang sich zu Vergnügen einerseits, andererseits die wirtschaftlichen Abgründe einer Finanzkrise. Wenn die Figuren am Ende jedoch "Es geht immer besser. Besser." im Chor skandieren, dann ist das unheimlich mit dem Wissen, dass die Machtergreifung der Nazis kurz bevorsteht.

Die Botschaft des Stücks ist doch aber auch aktuell, wird immer aktuell sein. Denn gerade gibt es mit der Debatte um die Klimakrise auch diese beiden Auslegungen: Weiter wie bisher, mit Amüsement, wie Karoline, oder in den Verzicht wie Kasimir.
  • Was: Kasimir und Karoline
  • Wann: Samstag, 5. Oktober, 20 Uhr, Sonntag, 20. Oktober, 19 Uhr, Dienstag, 29. Oktober, 20 Uhr, Sonntag, 3. November, 19 Uhr, Mittwoch, 4. Dezember, 20 Uhr
  • Wo: Theater Freiburg, Kleines Haus