Wie war's bei Kai Diekmann im Rotteck-Gymnasium?

Manuel Lorenz

Wer ist Bild-Chef Kai Diekmann? Ein Ekelpaket oder doch ein Sympath? Was denkt er? Wie tickt er? Diese und andere Fragen versuchten eine Schülerin und ein Schüler zu beantworten - gestern Abend im Rotteck-Gymnasium in der Talkshow "Nachgefragt". Wie's war:



Der erste Eindruck

Schon eine halbe Stunde vor Beginn ist das Auditorium rappelvoll. Das heißt: Auf der einen Hälfte der Stühle sitzen Menschen, auf der anderen liegen Reserviert-Zettel, Schals, Jacken und Taschen. Freudige Begrüßung allenthalben - Handschlag, Umarmung, Küsschen-Küsschen. Mitten auf der Bühne steht das gigantische “Bild-Buch” des Taschen-Verlags, rechts steht ein Bett, auf dessen Bettdecke die US-Flagge prangt, links, auf der Bar, eine Packung “Dickmann’s” (Kai Diekmann später ironisch: “Den Witz hab’ ich noch nieee gehört.”).

Das Publikum

Gekommen ist - so hat man das Gefühl - das gesamte Lehrerkollegium samt Lehrerkollegen anderer Freiburger Gymnasien und deren Freunde und Kinder. Neben der Badischen Zeitung liest man morgens taz, Süddeutsche oder maximal noch FAZ. Die Bild? Fässt der Hausmann nicht mal mit dem Spülhandschuh an. Na ja. Ausnahmsweise hat ein Gast sich heute ein Exemplar des Boulevardblatts gekauft. Er blättert es durch, schaut angewidert bis belustigt rein, schüttelt unverständig den Kopf, lacht.

Der Gast

Wohl kaum ein Journalist in Deutschland polarisiert so wie Bild-Herausgeber und -Chefredakteur Kai Diekmann. Die einen lieben ihn, die anderen hassen ihn, die einen sehen in ihm ein Genie, die anderen ein *zensiert*. Diekmann: “Wenn ich gewollt hätte, dass alle mich lieben, wäre ich nicht Journalist geworden.”

Zuletzt sprachen alle über seinen Wandel - vom Anzugträger mit Gel in den Haaren zum Medien-Hipster mit Tattoos, Rauschebart (“Meine Kinder finden ihn grässlich. Wenn nicht dauernd alle über ihn reden würden, wäre er schon längst ab.”), Kapuzenpulli und Twitter-Konto. Auslöser dafür war sein 10-monatiger Aufenthalt im Silicon Valley in Kalifornien, der Gelobten Landschaft der Computer- und Hochtechnologie.

Mit seinem Äußeren provozieren wollte er schon immer. Weil ihm die Bundeswehr verbot, hinten lange Haare zu tragen, ließ er sich einfach vorne ein übertrieben langes Horn stehen. Und als Parlamentskorrespondent in Bonn hielt er seinen Zopf mit einer Spange zusammen, auf der ein Krokodil klebte.

Die Körpersprache

Kai Diekmann läuft nicht, er schwebt. Wenn er sich von A nach B bewegt, sieht es so aus, als stehe er auf einem Segway. Er sieht kleiner und hagerer aus als auf Fotos oder im Fernsehen, seine Schultern sind ein wenig eingefallen, sein imposanter Bart scheint seinen Kopf nach unten zu ziehen. Ein letzter Kommentar zum Bart: Diese kupferrote Rasputin-Anleihe vergrößert seinen Kopf wie ein Zeigestock einen Arm verlängert. Nicken und Kopfschütteln werden so überdeutlich.

Wenn das Publikum den Moderatoren applaudiert, verschränkt Diekmann die Arme vor seiner Brust. Wenn er auf der Bühne steht und Fragen beantwortet, bewegt er die Knie nach vorn und nach hinten wie ein nervöser Schuljunge an der Tafel. Wenn er auf dem Bett sitzt, zwischen den Moderatoren, wippt er mit dem Fuß, als gelte es, Energie los zu werden. Wenn er breitbeinig auf dem Stuhl sitzt, legt er die Hände auf die Oberschenkel und formt die Merkel-Raute. Bei kritischen Fragen überkreuzt er die Beine.

Die Moderatoren

Die beiden Schüler machen ihren Job verdammt gut, spielen ein bisschen Guter Bulle, böser Bulle. Mara Günther, zierlich aber forsch, stellt unangenehme Fragen, ist im Duo für Flapsigkeit und Kichern zuständig, fährt dem Bild-Chef immer mal wieder über den Mund - was sonst nur Medienjournalist Stefan Niggemeier macht. Felix Fromm gibt die Stimme der Vernunft, ist zurückhaltender, rückt das Gespräch wieder ins Ernsthafte, wenn es zu entgleiten droht. Hat irgendwie was von einem entspannten Mini-Plasberg.



Die Themen des Abends

Diekmann ist wichtig, den Technik-Nerd zu mimen - irgendwas müssen die zehn Monate in Kalifornien ja gebracht haben. Bis kurz vor Beginn checkt er noch sein iPhone - wahrscheinlich Twitter, Bild-App, E-Mails, Whatsapp. Dreimal betont er, wie “grausig” das Netz im Schulgebäude sei, auf der Bühne hält er sein Smartphone in der Hand und macht damit zwischendurch sogar Fotos. Er erzählt, dass er auf Twitter dies und das gelesen habe, kurz nach der Talkshow twittert @KaiDiekmann schon wieder Mediennews: “The New York Times Bets On Its Own Reputation With Its New Mobile App.”

Außerdem geht’s natürlich um sein Leben und Bild-Klassiker-Themen beziehungsweise -Personen wie Wulff, Papst, Putin und Kohl, dessen Trauzeuge Diekmann war und zu dessen Geburtstagsparty am 4. April er - natürlich - eingeladen ist.

Diekmann ist ein guter Erklärer und ein unterhaltsamer Geschichtenerzähler. Er lässt sich auf jede Diskussion ein und antwortet geduldig, genau und immer wieder auch witzig. Er kann Pointen setzen und Anekdoten erzählen, stellt sich selbst in Frage, lacht über sich selbst, ist selbstironisch - okay, also ziemlich viel "selbst" -, führt Running Gags ein.

So hat das Publikum reagiert

Zu Anfang wehrt sich das Publikum noch mit vollem Körpereinsatz dagegen, von Bild-Zeitungs-Diekmann eingenommen zu werden. Sie sitzen zurückgelehnt auf ihren Stühlen, Arme verschränkt, die Stirn in tiefe Falten gelegt. Diekmanns Behauptungen werden mit Knurren oder Schnauben bedacht, das Vokabular geht in Richtung “Na ja”, “Hmpf” und “Ach”.

Nur: Steter Kaischi hölt die Skepsis. Kaischi - so hätte eine sehr gute Freundin Kai Diekmann früher mal genannt. Später, als sie sich nicht mehr so gut verstanden hätten, habe sie ihn nur noch Scheißi genannt. Das Publikum lacht. Die Schüler lesen Bild-Schlagzeilen vor. Unter anderem die aktuelle zum Meisertitel des FC Bayern. “Dienstags Meister werden ist wie allein im Swinger-Club”. Alles lacht. Und so weiter.

Dann, wenn er die Krim-Krise erklärt (“Die größte seit dem Ende des Kalten Krieges”), ist das Publikum mucksmäuschenstill. Später: “Haben Sie immer den Durchblick?“- “Nö.” Sympathisch!
“Sind Sie pingelig?” - “Ja.” Aha! Die Erkenntnis schmerzt: Kai Diekmann ist doch kein Monster, sondern nur ein ganz normaler Mensch - oder zumindest etwas extrem Ähnliches.

Anekdote des Abends

Kurz nach dem 11. September soll Diekmann Putin treffen. Er fliegt nach Moskau, wo Putin nicht ist, dann nach Sotschi, wo dieser gerade auf seiner Datscha Urlaub macht. Putin trägt eine blaue Jeans und ein schwarzes T-Shirt. “Lassen Sie uns schwimmen gehen!” - “Aber ich habe doch gar keine Schwimmhose dabei …” - “Dann nehmen Sie eben eine von mir!” Und so zog sich Diekmann mit Putin in einem Pavillon um, zwängte sich in jenen - Zitat - “Eierkneifer” und lief mit dem Präsidenten Richtung Strand. Die Fotos, die dabei entstanden, durfte Diekmann zwar nicht veröffentlichen, dafür habe er sie aber immer auf seinem Handy dabei.



Sätze des Abends

“Das Bild-Girl lassen wir nicht draußen, weil ja schon andere Zeitungen kein Bild-Girl haben - zum Beispiel die FAZ.”

“Ich find’ Rot ziemlich geil!” (Diekmann muss mit Pinsel und Ölfarben auf eine Leinwand malen, was wohl in Putins Kopf vorgeht. Das Ergebnis: Hammer und Sichel und darunter die Buchstaben UDSSR - alles in Bild-Zeitungs- und Kommunismus-Rot)

“Auf meinen linken Arm habe ich mir ‘Pacific Standard Time’ tätowieren lassen - weil ich so gerne nach Sylt fahre.”

Sein Garten

Der Garten von Kai Diekmann liegt hinter seinem Haus in Potsdam. Darin wachsen: Quitten, Walnüsse, Stachelbeeren, weiße, schwarze und rote Johannesbeeren, Aprikosen, Mirabellen, Pfirsiche, Kirschen, Kartoffeln, Salat, Knoblauch, Chili. Außerdem hat er 18 Hühner und viele Bienen.

Was wir noch gerne gewusst hätten

Wachsen in Diekmanns Garten auch BlackBerrys?
Wie viel wiegt eigentlich Diekmanns Bart?
Welchem Museum hat er seinen Nadelstreifenanzug und seine XXL-Tube Gel vermacht?
Kam die Idee mit den Tattoos von Kohl?

Fazit

Seit gestern Abend ist die Frage, wer dieser Kai Diekmann eigentlich sei, nicht mehr ganz so einfach zu beantworten. Zu verdanken ist das auch den beiden jungen Moderatoren, die keine Angst davor hatten, unbequeme Fragen zu stellen und sehr gut vorbereitet waren.

Mehr dazu:

[Fotos: Michael Bamberger]