Konzert

Wie war’s bei... Ed Sheeran auf dem Hockenheimring?

Claudia Förster Ribet

Ein Weltstar in Baden-Württemberg? Das darf man sich nicht entgehen lassen! Knapp 200.000 Besucher reisten am Wochenende zum Hockenheimring, um Ed Sheeran live zu hören. Unsere fudder-Autorin war live dabei.

Das Publikum

Überwiegend weiblich; Männer bekommt man meistens in Begleitung ihrer Freundin zu sehen. Viele Teenies, aber auch einige ältere Damen recken die Köpfe, um einen Blick auf den englischen Rotschopf zu werfen. Gekommen sind sie aus allen Ecken des Landes, schließlich tritt Ed Sheeran dieses Jahr mit seiner Divide-Tour nur zweimal in Deutschland auf: Im August in Hannover und vergangenes Wochenende am Hockenheimring. Da lohnt sich die Anreise sogar aus Freiburg.

Die Location

Von Autoreifen gesäumte Wege, eine Zielgerade voller Menschen und eine Bühne zwischen den Kurven, auf denen sonst Rennfahrer die Reifen quietschen lassen: Mit dem Hockenheimring hat Ed Sheeran eine außergewöhnliche Location gewählt. Mit den beiden Auftritten am Samstag und Sonntag, zu denen jeweils fast 100.000 Besucher kamen, habe der 28-Jährige das bisher größte Konzert seiner Karriere bestritten, verrät er am Sonntag strahlend.

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Played the biggest shows of my career this weekend in Germany

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Das Warten

…ist vor allem lang: Zeitlich und streckenmäßig gesehen. Je nach Parklage legt man zur Bühne eineinhalb Stunden Fußmarsch zurück – einmal die Rennstrecke entlang. Als um 16 Uhr die Tore öffnen, warten viele Besucher bereits stundenlang, um einen Platz in den ersten Reihen zu ergattern. Um kurz vor 7 startet das erste Vorkonzert mit Zara Larsson, danach tritt James Bay auf. Um 21 Uhr dann, als der Himmel sich bereits orange zu verfärben beginnt, rennt der Brite mit den orangeroten Haaren dann endlich auf die Bühne, und beim ersten Ton ist die ganze Quälerei vergessen.

Das Konzert

Spätestens nach zehn Sekunden ist klar, warum es Ed Sheeran zum Weltstar geschafft hat: Der Mann ist Musiker durch und durch! Während seine Vorbands den Hockenheimring mit starken Bässen zu beeindrucken versuchen, verzichtet Ed Sheeran komplett auf eine Band, ja, sogar auf Instrumente. Alles, was er braucht, um das Publikum von der Größe einer Stadt in seinen Bann zu ziehen, ist seine Stimme, seine Gitarre, und eine Loop-Station. Damit lassen sich Musiksequenzen aufnehmen und immer wieder abspielen. Auf diese Weise klopft Ed Sheeran die Beats auf dem Holz seiner Gitarre selbst, spielt Melodien ein und ist sein eigener Backgroundsänger. Die Songs entstehen also live, doch von Anstrengung keine Spur. Mit Balladen wie "Perfect" und "Photograph" rührt Ed Sheeran das Publikum zu Tränen. Dann, im nächsten Moment, bringt er mit Songs wie "Galway Girl", "Eraser" oder "Shape of You" den ganzen Ring zum Hüpfen.

Für sein deutsches Publikum singt er extra "I See Fire", denn mit dem Titelsong des Hobbit-Films habe er es in Deutschland zum ersten Mal in die Top 3 geschafft, erzählt der britische Singer-Songwriter. Zwei Stunden lang singt, spielt, klopft und improvisiert er. Sogar eine Rap- und Beatboxeinlage gibt es am Schluss. Nicht ein einziger Patzer ist dabei zu hören, nicht eine Harmonie, die nicht perfekt sitzt. Seine Stimme ist voll, warm und voller Gefühle – und vor allem noch schöner als man sie aus dem Radio kennt. Ein überwältigendes Konzert, bei dem alles stimmt.

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Hockenheim night #1 ! @nicminnssphotos coz Zak was at a wedding

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Flop

Die Organisation – falls man sie überhaupt so nennen kann. Von Sicherheitsvorkehrungen spürt man, wenn man zu den 80 Prozent der stehenden Zuhörer gehört, nicht viel: Ein Fluchtweg ist nirgends zu sehen, und um eins der Dixiklos zu erreichen, muss man sich gut 15 Minuten lang durch den dichten Dschungel an Armen und Beinen schlagen. Noch schlimmer: Der Getränkeverkauf. Wie kann es passieren, dass bereits drei Stunden vor dem Konzert kein Tropfen nichtalkoholischer Flüssigkeit mehr verfügbar ist? Nachdem ein, zwei Kistenschlepper ein paar wenige Kisten Wasser in – Achtung – Glasflaschen durch die Menge gekarrt haben, bricht das Chaos erst aus: Dutzende Leute schreien die Getränkeverkäufer an, die schreien zurück, und nach zwei Minuten ist das Wasser wieder alle. Nur, wer sich in seiner sechsstündigen Wartezeit bei 30 Grad im Schatten die Birne mit Bier wegballern will, hat beim Getränkekauf keine Probleme. Wer Cola oder einfach nur Wasser will, muss teilweise eine Stunde lang warten. Mal im Ernst: Von einem Event dieser Dimension könnte man schon erwarten, dass professionelle Eventmanager oder Veranstaltungsplaner mit Erfahrung am Werk sind. Solch absurde Planungsfehler erinnern ja beinahe an die Freiburger UB…

Top

Ed Sheeran als Mensch könnte sympathischer nicht sein. Kaum steht er auf der Bühne, sind alle Streitereien um Getränke verpufft und weichen einem seligen Glückszustand. So himmlisch, wie Ed Sheeran singt, so geerdet ist sein Auftreten: Sein Outfit ist eher langweilig, und sein ständiger Begleiter auf der Bühne ist eine stinknormale blaue Trinkflasche, die er nach jedem Song kurz aufklappt, um einen Schluck zu trinken. Seine Augen sprühen vor Freude wie die eines kleinen Kindes, das endlich Geburtstag hat, und seine gute Laune und positive Energie färbt sich auf das Publikum ab. Zwischen den Songs spricht Sheeran mit den Zuschauern und ist dabei selbstironisch, witzig, entspannt. Kaum zu glauben, wie sehr dieser Weltstar trotz seines Ruhmes am Boden steht.

Kassensturz

Mit 80 bis 90 Euro für einen Stehplatz und 5,50 Euro für einen Becher Cola oder Wasser ist das Konzert ein eher großer Griff in den Geldbeutel. Das Erlebnis ist es aber wert!