Wie war’s bei... Die Türmer von Freiburg?

Carolin Buchheim

Von 5.28 bis 6.28 Uhr stand fudder-Redakteurin Carolin Buchheim am Donnerstagmorgen auf dem Dach des Theater Freiburg - als zehnte Türmerin der Langzeit-Tanzperformance "Die Türmer von Freiburg". Wie's war:



Der erste Eindruck

Die Türmer-Box, sie riecht nach Ikeamöbeln. Das Kiefernholz, aus dem die Kiste auf dem Theater Freiburg gebaut wurde, ist noch frisch. Ich bin erst die zehnte Türmerin, die dort steht. Und wow, da ist das Münster! Da ist der Morgenhimmel. Ist das schön!

Die Aufgabe

„Die Türmer von Freiburg“ ist eine ein Jahr lang dauernde Tanzperformance der australischen Choreographin Joanne Leighton.  „Es geht darum, an einem spezifischen Ort anwesend zu sein, Darsteller und zugleich Beobachter zu sein, seine Umgebung zu hinterfragen und eben auch seine Wahrnehmung“, sagt Leighton. „Diese eine Stunde macht es möglich, sich der Poetik des Augenblicks zu widmen.“

Täglich zu Sonnenauf- und Sonnenuntergang wird eine Türmerin oder ein Türmer dort oben seion – 730 Türmer insgesamt. Vergangenen Samstag stand der erste Türmer in der Box auf dem Theaterdach: OB Dieter Salomon.

Um das Türmern herum gibt es ein Ritual, auch das ist Teil der Performance. Ein Begleiter empfängt die Türmerin oder den Türmer, läuft mit ihr oder ihm durch das Theater, richtet die Box her, passt auf, dass es dem Türmer während seiner Zeit in der Box gut geht. Und nach der Türmerstunde schreibt der Türmer einen kleinen Text über das Erlebnis.  Bevor man als Türmer hoch darf, muss man einige Tage zuvor an einem Workshop teilnehmen, bei dem einen der Ablauf des Türmens erklärt wird und man Übungen zur Körperwahrnehmung macht. Schon bei diesem Workshop hat man einen tollen Ausblick: Vom Balletsaal des Theaters kann man nach Westen zum Kaiserstuhl gucken, die Stühlingerkirche zum Greifen nah. 

Der Aus- und Augenblick

Das Münster steht genau vor mir. Ich habe den "schönsten Turm der Christenheit" schon aus vielen Perspektiven gesehen,  aber noch nie aus dieser. Über dem Turm ein Greifvogel, in der Luft schwebend, irgendwas jagend. Ich gucke auf das KGII, in dem ich zu viele unglückliche Jahre meines Lebens verbracht habe, den Uniturm, das Martinstor. Ich gucke auf den Platz der Alten Synagoge, die Kastanien darauf und frage mich, ob sie eigentlich stehen bleiben werden, wenn der Platz umgebaut wird, ich muss das nachgucken, es wäre schade um die Bäume, sie scheinen keine Miniermotten zu haben. Und überhaupt, Kastanien, toll! Auf dem Rosskopf die Windräder, an diesem Morgen ruhig. Trams fahren über die Bertoldstraße, Radler über den Ring, ein Mann mit einem großen Rucksack wartet auf den Bus nach Herdern.

Ich freue mich über jeden Menschen, der unten vorbei geht, radelt, rollert. Menschen sind so spannend. Ich beobachte sie genau, und merke, dass ich auf Kontakt hoffe, auf einen Blick, auf Connection. Doch fast niemand schaut hoch. Drei Menschen bemerken mich, zwei winken. Ich winke nicht zurück, das hatte ich mir vorgenommen. Ich bin wirklich verwundert, dass so wenige der Wenigen, die da unten vorbei gehen oder fahren hoch gucken. Ich fühle mich so exponiert in der Box, von hinten beleuchtet, dabei bin ich von der Box be- und geschützt, stehe über den Dingen. Mir wird klar: ich schaue auch wenig nach oben, im Alltag. Ich will das anders machen, ab jetzt. Als es noch dunkel ist, sehe ich dank der Lampe hinter mir auch meine Reflektion in der Fensterscheibe der Box. Ob das gewollt ist? Wenn ja, was soll ich wohl denken, beim gleichzeitigen Blick auf die Stadt und mich selbst?

Und dann geht die Sonne auf über dem Rosskopf, Licht fällt auf die Dächer der Uni, ich drehe mich einmal um, schaue durch die hintere Scheibe hinaus auf die Hochhäuser von Weingarten, schon illuminiert. Dann ist die Sonne so richtig da, scheint mir ins Gesicht, ich hätte gerne meine Sonnenbrille, aber die ist mit allen meinen Sachen eingesperrt, im Türmerzimmer, weit weg. Also stelle ich mich stattdessen so, dass eine der Leisten der Box mir ein bisschen Schatten ins Gesicht wirft. Es wird wärmer in der Box. Es ist wirklich einfach wunderschön.



Das Stehen

Ich will ruhig stehen, fest, geerdet, nicht soviel zappeln wie im Alltag. Ich halte meine Hände in den Taschen, das haben wir zwar anders geübt, im Workshop, aber es ist ein bisschen kalt heute morgen, und es fühlt sich richtig an für mich.

Die wiederkehrenden Gedanken

 
  • „Das ist nicht die Sonne die aufgeht, sondern die Erde die sich dreht.“ (vgl.)
  • "I am the watcher on the walls. I am the fire that burns against the cold, the light that brings the dawn, the horn that wakes the sleepers, the shield that guards the realms of men.”

Der Augenschmaus

 
  • Die Chemtrails, äh, Kondensstreifen am Himmel.
  • Die Lichtreflektionen der UB auf dem KG I.
  • Das junge Noch-nicht-aber-bestimmt-bald-Pärchen, offensichtlich trunken, auf dem Heimweg von irgendwo. Wo kann man mittwochs in Freiburg bis fünf am Morgen feiern? Im El.Pi?
 

Die Überraschung

Auf der UB-Baustelle fängt man um sechs Uhr an zu arbeiten.

Was in Erinnerung bleibt

Es ist ein Privileg, eine Stunde so zu verbringen. Ohne Ablenkung. Ohne etwas zu tun. Ohne Smartphone. Ohne Plan. Ohne Grund. Ich vermisse nichts. Ich brauche nichts. Und die Stunde ist so schnell vorbei. Als mein Begleiter an die Tür der Box klopft, um das Ende meiner Zeit in der Box zu signalisieren, habe ich plötzlich Tränen in den Augen. Warum eigentlich? Man (also ich) sollte öfter sowas machen. Nicht in dieser Box stehen, notwendigerweise, aber die Welt angucken, einfach so. Warum macht man (also ich) das nicht?

Bewertung

Magisch. Meditativ. Einmalig. Danke an Joanne Leighton für diese Stunde. An meinen Begleiter für die Begleitung. Und viel Spaß den nächsten 720 Türmerinnen und Türmern und ihren Begleiterinnen und Begleitern: Ihr Privilegierten! Ich werde bei so vielen von euch wie möglich vorbeilaufen - und hochgucken.

Mehr dazu:


Mitmachen?

Das geht leider nicht mehr - alle Plätze sind vergeben. Die täglichen Uhrzeiten und wann welche Türmerin beziehungsweise welcher Türmer auf dem Theater steht, könnt ihr auf der Website des Projekts nachgucken. [Fotos: Ralf Fees]