Wie war's bei "Die Brüder Löwenherz"?

Max Vogelmann

Brüllen macht's nicht besser: Unser Theaterblogger Max findet die "Brüder Löwenherz", die dieser Tage im Großen Haus zu sehen sind, ziemlich misslungen und apostrophiert die Inszenierung als "abgestürzte Gratwanderung".



Das Versprechen

„Die Brüder Löwenherz: Eine „theatrale Gratwanderung mit Schauspielern, Tänzern und Avataren“ lautet der leicht verquaste Titel der neuen Inszenierung von Regisseurin Sandra Strunz. Wow! Ist ja alles dabei, denkt man, und freut sich auf zwei unterhaltsame Stunden wohliges Lindgren-Gefühl plus famose Tanzkunst der pvc-Truppe. Doch eigentlich hätte man schon hier stutzig werden müssen: Schönes Kinderbuch UND brutal-virale Körperlichkeit? Gleichzeitig? Mmh. Zwei sehr verschiedene Schuhe, die Strunz dem Stück hier anzieht – Pippi-Langstrumpf-Gummistiefel und hochhackiger Killer-Stilletto. Passen die zusammen?

Darum geht’s im Kinderbuch

Die preisgekrönte Romanvorlage handelt von einem neunjährigen Jungen, Krümel, der todkrank ist und sich vor dem Sterben fürchtet. Sein 13-jähriger Bruder Jonathan tröstet ihn mit fantasievollen Geschichten von einem paradiesischen Jenseits namens Nangijala. Jonathan kommt ums Leben, als er Krümel vor einer Feuersbrunst rettet. Als dieser bald darauf stirbt, kommt er zu seinem Bruder ins Land Nangijala, wo sie zusammen zahlreiche Abenteuer erleben – eine herzerwärmende Geschichte von Liebe und Leben im Angesicht des Todes.

Darum geht’s im Stück

Schwer zu sagen. Eine postmodern-ironische Adaption des Kinderbuchs? Die Darstellung innerer Emotionen durch tanzende Avatare? Um einen ausufernden Haufen Video-verkünstelter Regie-Ideen, die wohl die Story illustrieren sollen, aber eigentlich nur verwirren? Man weiß es nicht. Ja, irgendwie wird die Geschichte schon erzählt. Aber gleichzeitig kommen sich all die verschiedenen Konzepte zu sehr in die Quere. Kinderstück oder Tanzstück? Die Altersempfehlung „ab 14“ lässt letzteres vermuten, das teilweise etwas infantile Spiel der beiden Hauptdarsteller André Benndorff (Krümel) und Martin Weigel (Jonathan) deutet eher auf ersteres hin.

Das Problem

Es ist ja oft schwierig, wenn erwachsene Darsteller Kinder spielen – schnell rutscht sowas ins Alberne ab. Wenn die beiden Brüder Löwenherz aber ständig mit ihren Testosteron-schweren Stimmen herumbrüllen, entfremden sich Darsteller und Charakter so sehr, dass die Figuren stark an Sympathie verlieren. In einem Stück, in dem es so sehr um brüderliche Liebe geht, ist das hochproblematisch: es fällt schwer, sich mit den Hauptfiguren zu identifizieren. Daher funktionieren viele der so wichtigen Jonathan-Krümel-Szenen leider nicht.



Die beste Szene

...ist tatsächlich die, als sich zwei Darsteller einfach mit Mikro an den Bühnenrand stellen und aus dem Buch vorlesen. Man fragt sich dabei, ob man es nicht vielleicht bei einer Lesung hätte belassen können, so spannend und ergreifend hat Lindgren die Geschichte geschrieben – und so hanebüchen wirkt die Inszenierung oft im Vergleich.

Die schwächste Szene

Gegen Ende des Stücks produziert Su Mi Jang – wohl als eingesperrter böser Drache Katla – eine gefühlte Ewigkeit lang mit ihren Stimmbändern gebrochene Töne wie eine erstickende Opernsängerin, was möglicherweise die Schlechtigkeit der Welt ausdrücken soll. Das klingt schlimmer als das Quietschen der ebenso als Folterinstrumente mißbrauchten Styropor-Quader, die als Bühnenbild fungieren.

Fazit

Schade! Die Schauspieler und Tänzer sind ja überhaupt nicht schlecht. Doch insgesamt wirkt das Stück zu konfus. Dies mag gewollt sein oder auch nicht – aus der schönen Geschichte von Astrid Lindgren wird dadurch postmodernes Hackfleisch. Vielleicht waren es schlichtweg zuviele verschiedene Regie-Ideen. Auf jeden Fall purzelt diese Inszenierung Hals über Kopf von ihrer selbst gewählten Gratwanderung hinunter. Man kann halt nicht gleichzeitig Pippi-Langstrumpf-Gummistiefel und hochhackige Killer-Stilettos tragen.

Weitere Vorstellungen

...der Brüder Löwenherz finden stets im Großen Haus des Freiburger Theaters statt:
  • Sa, 06.03.10, So, 14.03.10, Do, 18.03.10, jeweils um 19.30 Uhr
  • Sa, 27.03.10 um 18.00 Uhr
  • Mi, 28.04.10, um 19.30 Uhr
  • So, 02.05.10, um 15.00 Uhr
  • So, 09.05.10, um 18.00 Uhr
  • So, 23.05.10, Sa, 29.05.10, Fr, 04.06.10 und Fr, 25.06.10, jeweils um 19.30 Uhr
[Fotos: Maurice Korbel]