Wie war’s bei … dem Tanztheaterprojekt "Die Krone an meiner Wand"?

Carolin Buchheim & Gina Kutkat

Frauen zwischen 17 und 74 tanzen bei dem Stück "Die Krone an meiner Wand" am Theater Freiburg mit. Manche von ihnen haben Krebs, manche nicht – aber alle haben Erfahrungen mit der Krankheit, die sie mit dem Publikum teilen.

Der erste Eindruck

Was ist Bühne, was ist Zuschauerraum? Im Werkraum des Theater Freiburgs stehen auf alle Seiten verteilt weiße Sitzmöbel, die die schwarze Tanzfläche einrahmen. Vereinzelt sitzen darauf Frauen und Mädchen. Gehören sie zum Publikum? Zum Ensemble? Der Raum füllt sich – und es ist nicht mehr auszumachen, wer zuschaut und wer mitmacht. Alle(s) gehören irgendwie zusammen.

Die Bühne und das Bühnengebaren

23 Tänzerinnen bewegen sich auf der schwarzen Tanzfläche: Sie laufen, tanzen, kreisen, gestikulieren, stellen sich in einer Reihe auf. Jede für sich und alle gemeinsam. Sie arbeiten mit ihren Händen und Beinen, setzen ihren ganzen Körper für die Bewegung ein. Man sieht: Sie haben unterschiedliche Erfahrungen mit den Genres Tanz und Theater. Man weiß: Sie haben unterschiedliche Berührungspunkte mit dem Thema Krebs. Die Frauen, die für "Die Krone an meiner Wand" auf der Bühne stehen, sind zwischen 17 bis 74 Jahre alt, manche von ihnen haben Krebs, manche nicht.

Das Publikum

Die Grenzen zwischen den Tänzerinnen und dem Publikum verschwimmen spätestens, als einige Gäste von den Frauen gefragt werden, ob sie ihren Platz wechseln möchten. Niemand muss, aber jeder kann. So sitzt ein Teil des Publikums nun auf der anderen Seite des Raumes, ist näher an den Tänzerinnen dran und wird im Laufe des Abends noch öfter den Platz wechseln. Diese räumliche Mobilität ermöglicht auch eine geistliche Beweglichkeit und schafft Nähe zwischen allen Beteiligten. Auch das Thema des Abends schafft eine Gemeinsamkeit: Jeder und jede im Raum hat Erfahrungen mit Krebs, sei es indirekt oder direkt.

Das Projekt

Seit März 2017 treffen sich 25 Frauen zwischen 17 und 74 Jahren, um das Stück "Die Krone an meiner Wand" zu proben. Unter der Leitung von Gary Joplin wurde die Tanzproduktion realisiert, in dessen Mittelpunkt das Thema Krebs steht. Innerhalb der neun Monate haben sich die Frauen ihren Ängsten gestellt und diese erforscht, haben ihre Geschichte geteilt und diese an die Improvisation geknüpft.

Tanz & Performance

Einatmen. Ausatmen. Die Tänzerinnen halten sich an den Schultern und atmen gemeinsam, dann finden sie in fließende Bewegung, kraftvolle, selbstbewusste Aktion. Sie tanzen gemeinsam oder jede für sich. Auf den Wänden hinter ihnen werden immer wieder Interviews eingeblendet. Videokünstler Benedikt Grubel interviewte die Tänzerinnen und nahm die Gespräche auf Video auf – Ausschnitte davon werden in das Stück integriert. So erzählt eine Frau von den Erfahrungen, die sie mit einem Wunderheiler gemacht hat, eine andere Frau spricht über die Nacht, in der ihre Mutter starb. So werden Körper- und Gedankenebene verbunden. Wie verändert sich das Bild, das ich von der Tänzerin habe, jetzt wo ich weiß, dass sie krank ist oder war? Eine mechanische Tanzsequenz zu Trommelmusik erweckt Bilder von der Maschinerie Krankenhaus, in die man sich als Kranker begibt. In einer anderen Szene liegen die Frauen gemeinsam auf dem Boden, man fühlt die Stärke, die aus der ungewollten Gemeinschaft mit anderen Erkrankten erwachsen kann.

Showing & Sharing

Wer nichts an sich heranlassen möchte und auch nicht bereit ist, die Erfahrungen anderer aufzunehmen, ist in diesem Stück falsch. "Die Krone an meiner Wand" geht tief rein und zerrt an verdrängten Ängsten, die jeder irgendwo versteckt hat. Der Leitgedanke des Abends befasst sich mit den Worten "Showing" und "Sharing": Indem die Tänzerinnen etwas von sich preisgeben und es dem Publikum zeigen, wird aus dem Zuschauen ein Mitfühlen, aus dem Zuschauer ein Teilnehmer.

Meine 15 Sekunden Ruhm

"Wollen Sie mit mir mitkommen?" fragt die Tänzerin und streckt mir ihre Hand entgegen. Eigentlich will ich nicht, ich bin ja zum Zuschauen gekommen. "Es passiert auch nichts Schlimmes." Irgendwann habe ich mal Improtheater gelernt, und da lernt man zu allem, was das gegenüber anfängt, Ja zu sagen. Also lasse ich mich an die Hand nehmen und mich von ihr auf die andere Seite der Tanzfläche zu einem Sitzplatz führen. Von dort habe ich eine ganz andere Perspektive auf das Geschehen auf der Tanzfläche und auf die Zuschauerinnen und Zuschauer, zwischen denen ich gerade eben noch saß. So schnell kann er stattfinden, der Perspektivwechsel. Ich bin eine verirrte Zelle davon entfernt, auch Krebs zu haben.

Was in Erinnerung bleibt

Die Tränen in den Augen der Zuschauerinnen und Zuschauer. Und der ausgelassene gemeinsame Tanz, ganz am Ende.

Pauschalurteil

Freitagsabends Tanztheater über Krebs angucken? Ja! "Die Krone an meiner Wand" ist anrührendes, lebensbejahender Tanz. Und auch verständlich für Leute, die nicht viel von Tanz verstehen.
  • Was: Tanz- und Theaterprojekt "Die Krone an meiner Wand"
  • Wann: Do, 21. Dezember, Sa, 13. Januar, Do, 25. Januar, Sa, 27. Januar, Do, 1. Februar, So, 4. Februar, Fr, 2. März, So, 4. März, Sa, 17. März, jeweils 19 Uhr
  • Wo: Theater Freiburg, Werkraum
  • Eintritt: 12 Euro, 8 Euro ermäßigt

Mehr zum Thema: