Wie war’s bei Christian Wulff im Rotteck-Gymnasium?

Bernhard Amelung

Alt-Bundespräsident Christian Wulff ist im Rotteck-Gymnasium zu Gast gewesen. Im Rahmen der "Nachgefragt"-Reihe backt er Plätzchen, spricht über Europa, soziale Gerechtigkeit und warum er viel von SC-Trainer Christian Streich hält.

Der erste Eindruck

"Mein Sohn wollte mir einen Platz freihalten". Eine Frau Mitte 40 steht in der Eingangshalle des Rotteck-Gymnasiums, die gleichzeitig als Foyer und Aula genutzt wird. Die Frau wirkt orientierungslos, verloren. Die Stuhlreihen stehen dicht an dicht. Kein Platz ist frei. Wer zu spät kommt, hat Pech gehab und muss mit einem Stehplatz vorlieb nehmen. Der Name Christian Wulff, Bundespräsident von 2010 bis 2012, zieht – auch an diesem Donnerstagabend in Freiburg.

Das Publikum

Wie die Frau sind an diesem Abend die Eltern der Schülerinnen und Schüler des Rotteck-Gymnasiums gekommen. Dazu vielleicht die Nachbarn, Freunde, aber auch jüngere, an Politik und aktuellem Zeitgeschehen Interessierte. Ein Mann im Rentneralter hält "Ganz oben, ganz unten", Wulffs 2014 veröffentlichtes Buch über seinen Rücktritt im Jahr 2012, in der Hand. "Ich hoffe, er signiert es. Ich habe ihn als Politiker sehr geschätzt", sagt er zu seiner Begleitung. Dieser, ebenfalls ein Mann im Rentneralter, zuckt mit den Schultern. "Ich hole uns zwei Radler", sagt er und geht an die kleine Bar, an der Schülerinnen und Schüler neben Radler auch Wasser, Limonaden und mit Käse oder Wurst belegte Brötchen zum Kauf anbieten.

Die Frau Mitte 40 hat noch immer keinen Sitzplatz. "Die Kinder haben keine Zeit mehr, sich um ihre Mama zu kümmern", sagt sie. Sorgen von Eltern mit Kindern im Ablösealter. Das Licht wird gedimmt. Marie Sieah und Jakob Hahn, die Moderatoren des Abends, betreten mit ihrem Gast Christian Wulff unter Applaus die Bühne.

Der Gast

Graublauer Anzug, weißes Hemd, burgunderrote Krawatte. Das kurze graue Haar akkurat gescheitelt. Ruhige Stimme, besonnene Gesten, keine hektischen Bewegungen. Das ist Christian Wulff, 58, geboren und aufgewachsen in Osnabrück. Dort studiert er Rechtswissenschaften, wird 1986 als Ratsherr (Stadtrat) gewählt, ab 1994 Mitglied des Niedersächsischen Landtags. Deutschlandweit Bekanntheit auf dem politischen Parkett erlangt er als Ministerpräsident des Landes Niedersachsen (2003 – 2010) und als Bundespräsident (2010 – 2012).

Im Februar 2012 tritt er von diesem Amt zurück, die Staatsanwaltschaft Hannover hatte die Aufhebung seiner Immunität beantragt und ein Ermittlungsverfahren wegen Verdachts der Vorteilsannahme eingeleitet. Juristisches Neuland, denn erstmals ermittelte die Bundesrepublik Deutschland gegen ein (ehemaliges) Staatsoberhaupt.

Heute arbeitet Wulff wieder als Rechtsanwalt in Hamburg. Er berät außerdem Unternehmen, zum Beispiel den türkischen Modehersteller Yargici, und nimmt für die Bundesrepublik Deutschland repräsentative Aufgaben wahr. Die Teilnahme an der Beisetzungszeremonie für den verstorbenen thailändischen König Bhumibol in Bangkok gehört genauso dazu wie die Eröffnung einer Kunstausstellung in Doha.

Die Moderatoren

Marie Sieah und Jakob Hahn treten ruhig und überlegt auf. Sie stellen sich zunächst gegenseitig vor, dann ihren Gast. Ihr Sprachwitz und die ironische Distanz erinnern an William Cohn, der die Einspieler in Jan Böhmermanns "Neo Magazin Royale" spricht. Wie einst die Staatsanwaltschaft Hannover haben auch sie das private und politische Leben Christian Wulffs durchleuchtet und ausgewertet. Dieser zollt ihnen Anerkennung und Respekt. "Das habt ihr nicht nur aus einem Wikipedia-Artikel", sagt er. Und: "Ich komme gerne wieder."

Spiele und Aktivitäten

Marie Sieah und Jakob Hahn haben drei Aktivitäten für Christian Wulff vorbereitet. Sie gliedern und lockern den Abend auf. Den Anfang macht eine Fragerunde, die sich am Muster bekannter TV-Quiz-Shows orientiert.

Sie stellen Wulff vier Fragen mit jeweils vier Antwortoptionen. Warum die "Jamaika"-Koalition gescheitert sei. Ob es eine kluge Entscheidung von Donald Trump war, Jerusalem als Hauptstadt Israels anzuerkennen. Was das Verb "wulffen" bedeute und ob es angemessen sei, dass ein US-amerikanisches Gericht VW-Manager Oliver Schmidt zu sieben Jahren Haft verurteilt habe. Die Antwortmöglichkeiten sind mal quatschig-humorig – "Der FDP ging in den Koalitionsverhandlungen das Koks aus", "Guttenbergen ist eigentlich viel schöner als wulffen" –, mal bringen sie den Kandidaten ins Grübeln. Das Thema Israel, Palästina und Jerusalem sei ernst, Trumps Entscheidung zu diesem Zeitpunkt aber ein taktischer Fehler.

Danach muss Christian Wullf mit Marie Sieah und Jakob Hahn Plätzchen backen – und über Weihnachten, christliche Leitkultur und Integration sprechen. "Das sind meine ersten Plätzchen, die ich selbst gebacken habe", sagt er. Als Kind und Jugendlicher sei dazu keine Zeit gewesen, da er seine an multipler Sklerose erkrankte Mutter pflegte. "Ich kannte lange Zeit nur Tiefkühlkost".

Schließlich führt ihn das Moderatoren-Duo in die "Angreifbar". Der Name ist wörtlich zu verstehen. Christian Wulff muss durch Abtasten erraten, welche Objekte sich in schwarzen Säckchen befinden. Das sind unter anderem Lachs-Sushi – "fühlt sich schrecklich an" –, ein Turnschuh – "der ist nach dem Sportunterricht liegen geblieben", und ein Ring.



Die Themen des Abends

Klimawandel und Energiewende: Marie Sieah und Jakob Hahn haben Christian Wulffs Aussagen zur Atomenergie recherchiert. Als Ministerpräsident von Niedersachsen hielt er noch 2007 einen Ausstieg aus der Kernenergie für "nicht machbar". 2009 hielt er die Atomkraft für "unverzichtbar" und wollte Sigmar Gabriel, damals Bundesumweltminister, symbolisch "herunterfahren". 2010 unterzeichnete er zunächst noch ein Gesetz über längere Atomlaufzeiten und forderte 2011 vor dem Reaktorunfall in Fukushima ein Umdenken. "Man muss seine Meinung nachjustieren können, wenn sich Erkenntnisse ändern", sagt er. Eine politische Meinung sei nie final, sie entwickle sich fort. Dazu trage auch der Austausch mit Experten bei.

Soziale Gerechtigkeit: Christian Wulff spricht sich gegen eine Vermögenssteuer aus. Das werde erstens ein Monster der Bürokratie und zweitens würde diese den Anreiz mindern, Vermögenswerte zu bilden und Investitionen zu tätigen. Wulff bricht aber eine Lanze, Alleinerziehende und einkommensschwache Familien zu entlasten.

Frieden und Europa: Europa könne nicht oft genug Thema sein. "Die Welt beneidet uns um den Frieden in der europäischen Union", so Wulff. Wortkarg antwortet er allerdings, als ihn das Moderatoren-Duo auf die Waffenexporte Deutschlands und Deals mit Staaten wie Saudi-Arabien anspricht. Er habe noch zu seiner Zeit als Bundespräsident den Bundeswirtschaftsminister, in dessen Zuständigkeit die Rüstungsexportgeschäfte fallen, nie beneidet. "Der Bundespräsident ist da außen vor", sagt er. Und: "Die Kontrollen kann man sicher verfeinern."

Integration und deutsche Leitkultur: Marie Sieah und Jakob Hahn sprechen Christian Wulff auf seine Rede zum 3. Oktober 2010, dem 20. Jahrestag der Deutschen Einheit, an. Bliebe nur ein Satz von ihm, wäre es wohl dieser: "Der Islam gehört zu Deutschland". Damit habe er polarisiert, manche Teile der Bevölkerung auch provoziert. Wulff bekräftigt seine Aussage und führt aus. Ihm sei wichtig, dass Minderheiten nie alleine blieben. Eine freiheitliche und offene Gesellschaft müsse Minderzeiten zeigen: "Ihr seid nicht allein." Das bedeute aber nicht, dass eine Integration ohne Probleme laufe. Diese müsse man ansprechen und angehen. In diesem Zusammenhang lobt Wulff anerkennend den Trainer des SC-Freiburg. "Dieser Mann lebt für den Fußball, hat aber das gesellschaftliche Miteinander nicht vergessen. Das gefällt mir."

Sätze des Abends

"Wer keine Tageszeitung liest, verliert den Anschluss an das Weltgeschehen."

"Dieses Europa ist es wert, verteidigt zu werden."

"Eine Fußballmannschaft nur aus Max, Uwe und Jürgen scheidet in der Vorrunde aus."

"Die Burka passt nicht zu einer freiheitlichen Gesellschaft."

Fazit

Top vorbereitete Moderatoren, ein reflektiert wirkender Gast, tagespolitisch aktuelle Themen.