Wie war’s am Sonntag bei... der Sea You 2015 am Tunisee?

Laura Maria Drzymalla

"Wenn Peter Pan, dann richtig": So könnte man fudder-Autorin Lauras Fazit des Sea-You-Sonntags zusammenfassen. Was sie meint: Line-Up und Musik waren zwar fantastisch - an einer anderen Stelle würde mehr Detailliebe aber gut tun:



Der erste Eindruck

Pilgern nach Technomekka! Wie eine Horde Schulausflügler mit Pausenbeuteln auf den Schultern wabern die durchschnittlich 19-Jährigen am Feld entlang in Richtung der wummsenden Bässe. Frech und jung wie man auf so einem Schulausflug ist, turnt man mit offenen Schnürsenkeln, Sonnenbrille, Cap verkehrt rum und Wodka pur in der Hand auf das SeaYou-Gelände zu.

Wenige Meter vor dem Eingangsbereich tut sich ein absurdes Szenario auf: Leicht bekleidete Damen verschenken aus großen, gekühlten Taschen Red-Bull Dosen, lassen die Menge noch ein bisschen Zucker und Kommerz tanken, bevor sie zum Spielen aufs freie Gelände darf. Am direkten Eingangsbereich stehen zwei grinsende zahnlückige Kids, die sämtliche ausgetrunkenen Dosen in großen blauen Müllsäcken einsacken und sich mit dem Pfand wahrscheinlich das Taschengeld ihres Lebens verdienen.

Die sehr akribischen Taschenkontrolleure öffnen einem mit einer streng nickenden Kopfbewegung das Portal zum bassigen Nimmerland – türkis glitzernder See, heißer staubiger Grasboden, weiße Luftballons, im Wind wehende Tücher über blauen und weißen Luftmatratzen. Im Wasser thronen zwischen Holzbalken dicke Hängenetze, in dessen Mitte sich sonnenbebrillte und sonnenverbrannte Technolover tümmeln.

Das Publikum

Jung, wild und dynamisch. Die knallende Sonne kann den strahlenden Wilden nichts, es wird im Beat und Gleichtakt geshufflet, gekreist, gehüpft und geboxt. Egal ob Staub, im Gras oder im Wasser, keiner kann seinen Tanzfuß ruhig halten und so schwirren viele vom Bass und vom Sommerwind getragen über das Areal. Ein friedliches Kollektiv, man ist sich wohlgesonnen und die härtesten der Kampfgefühle sind seichte Wasserspistolen, mit denen man grinsend und kichernd angespritzt wird.



Der innere Peter Pan in uns allen schielte mehrmals auf die Hüpfburg am anderen Ende des Sees und fragte sich laut: „Schaff ich´s, bis da rüber zu tauchen und mich auf den Zeltplatz zu schleichen?“

Die Klamotte

Eine Hommage an die Neunziger oder ein ironisches Zitat. Ein „Believe the Hype“-Moment, denn hier hat man sich scheinbar unabgesprochen auf einen einzigen Dresscode geeinigt. Damen tragen Zöpfe und Blumenkränze aus Plastik, Goldtattoos, Jeanshotpants und bauchfrei, bestenfalls mit Fransen.

Noch salonfähiger vor allem mit vielen wilden Attributen wie Spiegelsonnenbrille und Bikerstiefeln. Herren tragen die Hose kurz, das Top als Tank oder wahlweise oben ohne mit Sonnenbrand in Form des Tanks. Dazu der obligatorische, weil praktische Print-Turnbeutel. Was da drin ist? Man weiß es nicht, aber es muss auf jeden Fall Herberge eines Selfiesticks sein, da aberhunderte davon in die Menge ragen.

Dinge, die in der Menge mitwippen

Selfiesticks, grüner Regenschirm mit Froschaugen, hölzerner Spazierstock, aufblasbarer Flamingo, aufblasbares Einhorn, blaue Krücken, Schild, das bunt schillernd sagt: „Endlich mal normale Leute“.



Das Line-up/Programm

Falscher Hase aus Frankfurt am Main und Maceo Plex aus Dallas – ein Gedicht. Alexander Gerlach und Kai Michael Paul aus Berlin sind zusammen Lexy & K-Paul, seit ihrem ersten Album „Loud“ im Jahr 2000 aus der Szene nicht weg zu denken.

Wie die Motten am Licht kleben die Leute bei den beidem auf dem Dancefloor, die Beine sind auf dem konfettibesprenkelten Boden immer in Bewegung und wenn der Floor voll ist, umso besser: im Wasser kann man erst recht besser shufflen, ohne dass jemand Unkoordiniertheiten erspähen könnte. Maceo Plex spielt im märchenhaften Sonnenuntergang ein bombastisches Set und hängt trotz Ankündigung des letzten Songs noch 30 Minuten ran.



Augenschmaus

21.30 Uhr, das Gelände wird peu à peu geräumt. Dunkle Wolken rollen sich über die noch wummernde SeaYou, keiner ist bereit nach Hause zu gehen. Eine Kette aus weißen Luftballons zieht sich zwischen roten Lichtern über den Himmel, ein zweimannhohes silbernes, statuenhaftes Wesen mit Stern auf dem Rücken rollt winkend über den Floor. Traumartig! Wunderbar!

Augengraus

Spielkinder mit Bällebadsehnsucht sind hier falsch. Man mag die Aufmachung des Festivals als minimalistisch betrachten – oder als stellenweise etwas lieblos. Ein Werbestand mit Merchandise reiht sich an den nächsten, überteuerte Fast-Food Buden und 0815-Getränke ohne Eiswürfel, keine Dekoration, keine Artisten.

Die SeaYou punktet eindeutig auf musikalischem Niveau, aber scheint ihr Potenzial leicht zu verschenken: Manchmal sucht man die Prise, die es liebevoll erscheinen lässt, es fehlen Stände, an denen man sich Perlen in die Haare machen, Zöpfe flechten oder Hennatattoos machen lassen kann, Smoothies und außergewöhnliches Essen (das nicht zwangsläufig aufgetaut und dann in Fett gebacken wurde), Tänzer und das mag geschmackssache sein: Farbe in jeglicher Hinsicht.

Wenn schon Kindheitsreise, dann bitte mit Karacho, Pauken und Trompeten!

Am Wasserspender um 18 Uhr

Eine immense Schlange hat sich gebildet, Jungs und Mädchen warten merkwürdigerweise wie bei einem Klobesuch artig und gesittet in jeweils verschiedenen Schlangen auf einen freien Wasserhahn.

Der ist leider mit so wenig Druck versehen worden, dass es minutenlange Geduld erfordert, mit dem tröpfelnden Strahl bei 35 Grad seine Flasche zu füllen, plus die gefühlte Minute, die es bei jedem erfordert herauszufinden, wie der Spender funktioniert.

Was in Erinnerung bleibt

Ein langes Fiepen in den Ohren, der noch wippende Fuß beim Zähneputzen, Staubgeruch auf der Haut: ein musikalisches Fest, ein Bilderbuchrave. Stellenweise leider nur, wenn man die Augen geschlossen hält.