Wie war’s am Samstag bei... der Sea You 2015 am Tunisee?

Bernhard Amelung

DJ-Sets von Weltstars wie Sven Väth, zu denen rund 7000 Gäste aus Südbaden, Frankreich und der Schweiz tanzen: fudder-Autor Bernhard Amelung blickt auf den ersten Tag des Techno-Festivals Sea You zurück.



Der erste Eindruck

Weiße Männchen schweben am tiefblauen Himmel. Sie bewegen sich sanft im warmen Wind, der über das Tunisee-Gelände bei Freiburg weht. Sie scheinen jedem Festivalbesucher freundlich zuzuwinken. Nein. Weder sind es die Hitze noch bewusstseinsverändernde Substanzen, die den Ankömmling Dinge sehen lassen, die es so gar nicht gibt. Die Männchen sind aus weißen Ballons zusammengesetzte Plastikkumpane, dem “Bib” genannten Michelinmännchen nicht unähnlich. Sie hängen aufgereiht an einer langen Leine am Eingang des Festivalgeländes. Ein schmückendes Detail, das ein wenig an die Dekoration auf einer Kindergeburtstagsparty erinnert. Und genau das soll ein Techno-Festival bewirken: Dass die Besucher wieder einmal Kind sein können. Wenigstens ein bisschen.



 

Das Line-up

 
Mit Sven Väth und Carl Cox, die das Programm am Samstag anführen, stehen zwei der weltweit gefragtesten Disc Jockeys für elektronische Tanzmusik auf den Bühnen des “Sea You”-Festivals. Väth, 1964 in Obertshausen bei Frankfurt geboren, gehört seit Ende der Achtziger Jahre zu den Wegbereitern und Anschiebern der Rave-Kultur in Deutschland. Mit Clubs wie dem Omen und Cocoon, mit Plattenlabel wie Eye Q Records und Cocoon, hat er Stilprägendes geschaffen. Nicht zuletzt dafür hat ihm die Stadt Frankfurt am vergangenen Freitag die Goetheplakette verliehen.

Cox, 1962 in Manchester geboren, hat für England so ziemlich dasselbe getan. Beide vereint, dass sie seit Jahrzehnten regelmäßig auf Ibiza, der Feierinsel schlechthin, auflegen. Beide Anfang 50 zeigen auch, dass Techno längst keine Jugendbewegung mehr ist.

 

Das Publikum

 
So viel Schweiz war selten auf einem Festival in der Region Freiburg. Liegt’s an dem immer noch starken Schweizer Franken, der Lage des Festivalorts oder dem Programm? Es ist ein bisschen von allem, das Basler wie Niklas und Janina an den Tunisee gelockt haben. Mal wegfahren von zuhause, den immergleichen Feiergesichtern aus dem Weg gehen, das "Wältklass"-Programm und auch die Stadt Freiburg. Vormittags waren die beiden noch "schöpple", also einkaufen. "Was fürs Büro" gab’s für Niklas, Janina deckte sich mit Röckchen, Kleidchen und jede Menge Holzschmuck ein.

Und sonst so? Die Besucherinnen und Besucher kommen aus dem Dreiland, aus der Ortenau und Nordbaden, vom Hochschwarzwald und der Baar. Einige von ihnen können sich noch an das "Dorian Gray", die legendäre Diskothek im Frankfurter Flughafen erinnern. Andere fuhren in den Neunziger Jahren regelmäßig nach Basel, in die alte Stückfärberei oder ins Planet E. Wieder andere haben mit elektronischer Tanzmusik eigentlich nichts am Hut. Sie wollen mit Freundinnen und Freunden einfach eine gute Zeit erleben - zusammen mit 7000 Gleichgesinnten (Fotos).

 

Die Party

 
Laserstrahlen zucken. Wie Blitze durchschneiden sie das Dunkel der Nacht und den Kunstnebel, der über der Bühne aufsteigt. Sie jagen über die Köpfe der Tanzenden. Mal sind sie im Takt ihrer Bewegungen, mal um den Bruchteil einer Sekunde verschoben. Es ist kurz vor Mitternacht, die Zeit von Nina Kraviz, die als Disc Jockey den Samstagabend abschließt. Die Party steuert ihrem Höhepunkt entgegen. Harter, roher House, der irgendwann in den späten Achtziger Jahren in einem Keller von Chicago produziert wurde, trifft auf kalten, hypnotischen Techno. Scharf zischen die Hi-Hats, im Stakkato donnern Snare- und Bassdrum.

Zu diesen Rhythmen kann man nicht still stehen. Man muss sich bewegen. Vom Groove treiben lassen. Auch Kraviz, ursprünglich studierte Zahnmedizinerin, ist ständig in Bewegung. Sie tänzelt, wippt mit den Füßen, neigt ihren Oberkörper nach vorne, hebt die Arme, klatscht in die Hände. Sie schließt die Augen, fühlt die Musik.

Wenn man so will, dauert dieser Höhepunkt bereits seit Stunden an. Eigentlich seit Beginn des Festivals, das Disc Jockeys wie der Freiburger Chris Veron eröffneten. Die repetitiven Grooves lassen Zeit und Ort vergessen. "Besser als ein Orgasmus", sagt Tobi, der aus Offenburg an den Tunisee gereist ist. Seine Freundin rammt ihm die Faust in die Rippen. Er dreht sich zur Seite und lacht. "Techno ist mein Leben", sagt er.

Das Paar geht in Richtung Seebühne, auf der das Elektronik-Trio Aka Aka & Thalstroem spielen. Diese haben am Tunisee ganz besonders viele Fans. Und Väth, den sie alle zärtlich “Babba” nennen? Der hat sein Publikum bereits mit der ersten Platte in der Hand. Er dreht den Bass raus, dreht ihn wieder rein. Tausende recken ihre Arme zum Himmel, von dem die Sonne auch um 19 Uhr noch gnadenlos brennt. Und die Lautstärke? Die geht völlig in Ordnung.

 

Augenschmaus

 
Holzperlenketten, Blumenkränze und Federn im Haar, dieses zu kleinen Zöpfchen geflochten, Häkel- und Spitzenoberteile, bunt bedruckte Röcke und T-Shirts: Im Sommer 2015 hat nun auch im Breisgau der Coachella-Stil, benannt nach dem gleichnamigen US-amerikanischen Musikfestival, Einzug gehalten. Zumindest bei den Frauen. Ihre Kleidung ist lieblich, verspielt, liegt irgendwo zwischen Hippie und Bohemien Bourgeois. Schweres Schuhwerk aus Leder oder Gladiatorensandalen kontrastieren diese Lieblichkeit. Die Jungs tragen gerne Oberkörper frei oder...

 

Augengraus

 
...T-Shirts, auf die Slogans wie “Drinking, dancing, find a girl” oder “Eat, sleep, rave, repeat”, gedruckt sind. Absoluter Weggucker des Tages sind allerdings Tätowierungen mit Rechtschreibfehlern. “Amicicia” statt “amicizia”, zum Beispiel.

 

Gaumenschmaus

 
Zur beliebtesten Bühne nach den Künstlerbühnen werden an diesem Samstagnachmittag: Eine Gyros-Bude - wo gibt’s das heute noch? - ein Crêpe-Stand - mit tanzenden Köchen - und die Grillbude des Athletiksportvereins Alemannia Vörstetten (ASV) - mit dem schnellsten und freundlichsten Personal vor Ort.

 

Was in Erinnerung bleibt

 
Der Techno-Routinier Sven Väth, eine Nina Kraviz in bester Rave-Laune, die weißen Michelinmännchen und ein absolut undurchsichtiges Pfandrückgabesystem. Da bitte nachbessern!

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  [Fotos: Jan Lienemann / Miroslav Dakov]