fudder-Interview

Wie tickt die chinesische Indie-Rock-Szene?

Simon Langemann

Adam Langer ist Konzertveranstalter und Experte für chinesischen Indie-Rock – eine Szene, die sich seit Mitte der 2000er-Jahre beachtlich entwickelt hat. Simon Langemann hat mit ihm gesprochen.

Adam, die erste Band, die Du veranstaltest hast, waren die Carsick Cars. Welchen Stellenwert haben sie in China?

Die Carsick Cars haben Indie-Musik in China populär gemacht. Das sind die Türöffner für alle Musikbegeisterten, um selber eine Gitarre in die Hand zu nehmen. Davor war das die Sache von großen Rock-Legenden oder vergötterten Überhelden. Michael Pettis, der Gründer des ersten Indie-Clubs in Peking namens D-22, hat den Frontmann Zhang Shouwang spielen gesehen und gesagt: Ich hab zwar kein Label, aber den nehme ich einfach mal unter Vertrag und schaue, was rauskommt.

In dem Zuge hat er dann das Label Maybe Mars gegründet?

Ja, das ist sozusagen "the home of the goods" – ein Independent-Label, wie man es klassischerweise aus England kennt, wie Rough Trade oder Domino Records. Da kommen die verrückten Musiker unter, die ein kommerzielles Label nicht unter Vertrag nehmen würde. Die Bands behalten aber zugleich den Freiraum zu machen, was sie wollen. Und Maybe Mars bietet ihnen eine Plattform, indem es immer wieder neue Clubs eröffnet, wenn die alten schließen.

Das Video zum Song "Stay Ugly" von Lonely Leary



Wieso schließen diese Clubs?

Das ist das Spannende an der chinesischen Musikszene: dieser stetige Wandel. Diese Unsicherheit, die man hier gar nicht so kennt. Dass Clubs nicht pleite gehen, sondern einfach von der Regierung geschlossen werden. Dass dann auf einmal alle Strukturen, die man sich erarbeitet hat, wieder neu aufgebaut werden müssen.

Das heißt, ein Club läuft – und irgendwann hat die Regierung genug?

Genau. Meistens dann, wenn sie das Gefühl hat, die Kontrolle zu verlieren. Dabei sind die Bands, entgegen dem häufigen Vorurteil, in der Regel nicht politisch motiviert. Aber Rock steht immer irgendwie abseits der Gesellschaft – es ist ein unangepasstes Ausdrücken der eigenen Persönlichkeit. Das ist toleriert, so lange es in einem kleinen Rahmen passiert. So bald das Gefühl aufkommt, da entwickelt sich eine Bewegung, die wir nicht verstehen und einschätzen können, wird dem Ganzen ein Riegel vorgeschoben. Das geht relativ gut, weil es in China viele Gesetze gibt, die keiner jemals gesehen hat, die dann aber zum Tragen kommen. Da kann es gut sein, dass der Club brandschutztechnisch nicht geeignet ist.

Die Bands sagen: Wir wollen als Musiker kennengelernt werden. Adam Langer

Die Band Fazi hat darum geben, ihnen im Interview keine Fragen zum Thema Politik zu stellen. Mein erstes Vorurteil war: weil es zu gefährlich für sie ist.

Das ist nicht zum ersten Mal so und gilt für alle Bands. Einerseits stimmt es schon, was Du sagst. Nicht in der Hinsicht, dass sie aufpassen müssten, dass ihnen persönlich irgendwas passiert – da gibt es andere Leute, die man schneller auf dem Kieker hat. Aber: Falls jemand nach Gründen sucht, ihnen bei der nächsten Europatournee die Ausreise zu verweigern, macht man es ihm dadurch einfacher. Das ist der erste Punkt, der aber eigentlich nur zehn Prozent ausmacht. Die anderen 90 Prozent sind Müdigkeit, nur auf die Politik reduziert zu werden. Die Bands sagen: Wir wollen als Musiker kennengelernt werden. Wir wollen, dass die Leute sich mit uns auseinandersetzen. Weil wir uns so stark mit dieser Musik identifizieren.

Teaser der Band Fazi zur Europa-Tour



Gibt es generell offen regimekritische Bands?

Nein. Auch aus dem Grund, dass keiner das System als etwas wahrnimmt, gegen das man kämpfen muss. Das Setting ist so fest, dass Du dagegen gar nicht ankommst, deswegen versucht es einfach keiner. Du spielst damit und versuchst, dich damit zu arrangieren. Deshalb bauen Leute Clubs wieder auf, wenn sie geschlossen worden sind.

Wie ist Rockmusik in China entstanden?

Die ganze Jugend hatte lange Zeit überhaupt keinen Zugang zu Popmusik. Dieser dynamische Prozess von Blues über Rock’n’Roll zu den Beatles hat gar nicht stattgefunden. Knapp 50 Jahre lang war der musikalische Horizont einfach blankgewischt und mit Füllmaterial, also Volksliedern, belegt. Ab Mitte der Achtziger fand eine leichte Öffnung statt – in der Form, dass über die Häfen in Hongkong und Tientsin viele Vinyl-Fehlpressungen reingekommen sind. Das wurde dann per Kilopreis deklariert und du hast dir ein Paket Schallplatten gekauft, in dem wirklich alles drin sein konnte. Von Bach bis Joy Division über A Tribe Called Quest. Das führt dazu, dass viele chinesische Bands sehr vielseitige musikalische Anleihen haben.
Adam Langer, 27, hat in München BWL studiert. Über einen Schüleraustausch kam er erstmals mit China in Berührung, bei einem einjährigen Aufenthalt nach dem Abitur entdeckte er die Pekinger Indie-Rock-Szene. In München begann er mit seinem Kollegen Jonas Haesner, Konzerte chinesischer Bands zu veranstalten – und deutsche Bands auf Tour nach China zu schicken. Mittlerweile arbeitet er als freischaffender Kurator in Berlin. Am Freitag, 5. April, stellt er die wichtigsten Bands der chinesischen Indie-Szene vor.

Was: Vortrag Adam Langer: Die Indie-Szene in China
Wann: Freitag, 5. April, 19.30 Uhr
Wo: Café Artjamming
Eintritt: frei