Wohnungsnot in Freiburg

Wie Studis in der Notunterkunft des Studierendenwerks leben

Jana Luck

Das Semester läuft seit mehr als einem Monat – doch nicht alle Studierende in Freiburg haben schon eine Wohnung gefunden. Ein Besuch in der Notunterkunft des Studierendenwerks, wo noch 19 Studienanfänger leben.

Über 150 Emails hatte er versendet. Sieben oder acht Antworten bekam Saemon Islam auf seine Wohnungsanfragen – alle negativ. "Aber immerhin wusste ich dann, dass ich mir keine Hoffnungen mehr machen musste", sagt der 29-jährige Wirtschaftsstudent aus Bangladesch. Seit Beginn des Semesters ist er in Freiburg. Eine Wohnung sucht er immer noch. "Whatever it is", sagt er, was immer es für eine Wohnung ist – er würde sie nehmen. Untergekommen ist er dann doch noch, in der Notunterkunft für Studienanfänger in der Studentensiedlung in Betzenhausen beim Seepark, der StuSie.


Noch 19 Betten sind in der Unterkunft belegt

48 Plätze gibt es hier, drei Schlafräume für je 16 Bewohner. Acht Hochbetten stehen nebeneinander in den Zimmern, Handtücher und Kleidung hängen über den Holzstreben. Neben jedem Bett zwei Steckdosen; sein Handy aufladen kann jeder in der Nacht. Zwischen den Betten ist Platz für eine Person. Privatsphäre – Fehlanzeige. "Aber ich will mich nicht beschweren", sagt Saemon Islam. Er ist einer der 19 Bewohner, die noch immer in der Notunterkunft leben.

Drei Schlafsäle liegen linker Hand auf dem schmalen Flur im Untergeschoss von Haus 10, in dem sich die Notunterkunft befindet. Rechts liegen die Duschen, getrennt für Frauen und Männern. Die WCs werden geteilt. In der Mitte liegt der Frauenschlafsaal. Hier riecht es nach frischer Wäsche; die meisten Betten sind leer. "Wir haben immer 32 Plätze für Jungs und 16 für Mädchen", sagt Claudia Sedelmeier vom Studierendenwerk Freiburg (SWFR). Denn männliche Wohnungssucher würden es erfahrungsgemäß schwerer haben, eine Wohnung zu finden. "Warum das so ist, das lasse ich mal für Interpretationen offen", sagt sie.

Momentan leben noch 13 Jungs und sechs Mädchen in der Notunterkunft. Acht Euro zahlen die Bewohner pro Nacht, der Aufenthalt ist zunächst auf 10 Tage begrenzt. "Aber wer beantragt, länger bleiben zu dürfen, kann das immer tun", sagt Claudia Sedelmeier.

Ivan hat endlich ein Zimmer gefunden

Ivan Zolotarevskii wohnt seit über sechs Wochen in der Notunterkunft. Aber nicht mehr lange: "In ein paar Stunden ziehe ich um", sagt er. Sein Mitbewohner Saemon Islam streckt seine Hand hoch zum High Five und grinst. "Congratulations!", sagt er. Die beiden stehen vor Ivans Bett, das schon nicht mehr bezogen ist. Ein paar Bierflaschen am Kopfende, der halbgepackte Koffer davor. Die Luft hier steht ein bisschen.

"Die anderen Mitbewohner freuen sich immer riesig, wenn jemand eine Wohnung gefunden hat", sagt Sophia Lemaitre. Die 22-jährige Studentin wohnt auch in der StuSie und ist Tutorin in der Notunterkunft. Jeden Tag von 18 bis 20 Uhr ist sie für die Bewohner da, sammelt die Miete ein, beantwortet Fragen. "Es ist eine super Gruppe hier, eine tolle Community", erzählt sie. "Und wenn jemand auszieht, ist niemand neidisch, sondern alle feiern mit."

Man wachse hier zusammen, sagt Ivan Zolotarevskii. Der Politikstudent aus Russland suchte schon Wochen bevor er nach Deutschland kam nach einer Wohnung. Obwohl er Deutsch spricht, blieb er erfolglos. "Ich dachte, ich finde schon was, wenn ich erstmal hier in Freiburg bin", sagt er. "Dann habe ich aber schnell gemerkt: Stimmt nicht. Das ist gar nicht so einfach."

Ivan Zolotarevskii mag die Gemeinschaft in der Notunterkunft. Hier fand er schnell Freunde; man müsse eigentlich zusammen wachsen hier, sagt er. Natürlich wolle schon jeder schnellstmöglich raus hier. Aber viele, die ausgezogen sind, kommen auch zurück, sagt Ivan: "Für Partys am Wochenende oder einfach, um Freunde zu besuchen." Er ist sehr dankbar, hier einen Platz bekommen zu haben."This place is saving people", sagt er.

"Erst, wenn man eine dauerhafte Wohnung hat, kann man auch richtig hier ankommen." Claudia Sedelmeier, Studierendenwerk
"Die meisten sind verzweifelt und ein bisschen traurig, wenn sie hier ankommen", sagt Tutorin Lemaitre. Die Erfahrung, nicht die oder der einzige zu sein, die keine Wohnung bekommen hat, sei dann aber oft beruhigend. "Die Leute merken dann: Es liegt nicht an mir, dass ich kein Zimmer gefunden habe, es geht noch mehr Studienanfängern so."

Das SWFR hofft, die Notunterkunft zum Jahreswechsel schließen zu können. "Eigentlich würden wir gerne schon zu diesem Monatswechsel die meisten in einer dauernden Bleibe wissen", sagt Claudia Sedelmeier. "Denn erst, wenn man eine dauerhafte Wohnung hat, kann man auch richtig hier ankommen."

Lernen ist in der Notunterkunft eine Herausderung

Mohammed Ebadul Islam nickt. Der 24-Jährige studiert Wirtschaft im Master. "Ich kann mich immer noch nicht richtig aufs Studieren konzentrieren, weil ich die ganze Zeit Wohnungsanzeigen lese und beantworte", sagt er. "Das nimmt einfach zu viel Platz ein in meinem Kopf." Er kenne ein paar Leute, die wie er aus Bangladesch kommen und hier schon Kontakte hatten. "Die teilen sich dann oft ein Zimmer", sagt er, "aber als ich herkam, da kannte ich keinen."

Immerhin könne er sich mittlerweile in der Küche auf seine Uniaufgaben konzentrieren, seit es ruhiger geworden ist, sagt Mohammed Ebadul. Denn andere Arbeitsplätze gibt es nicht: Die Notunterkunft ist zum Essen, Schlafen und Duschen ausgelegt. Die Küche liegt auf der gegenüberliegenden Seite des Flurs. "Erstaunlich sauber hier, oder?", fragt Sophia Lemaitre. Bis auf ein paar Krusten auf dem Herd ist es das tatsächlich. Glühwein in Tetrapacks steht herum, ein paar Lebensmittel, eine halb leere Schachtel mit Geburtstagskerzen. Und unter dem Neonlicht der Deckenleuchte ausgebreitet die Wohnungsanzeigeseiten von Anzeigenblättern.

Gerade für ausländische Studenten sei es schwer, ein Zimmer zu finden, sagt Sedelmeier. Denn schon die meisten Wohnungsanzeigen seien auf Deutsch. SWFR und Tutoren versuchen zu helfen, mit Wohnungsgesuchs-Lexika und gemeinsamen Suchaktionen. "Dieses Jahr gab es auch viele Deutsche Bewohner ", sagt Sedelmeier. Im vergangenen Jahr sei die Situation Mitte November ähnlich gewesen, sagt Claudia Sedelmeier. "Insgesamt merken wir aber schon, dass die Nachfrage nach Plätzen in der Notunterkunft immer weiter ansteigt."

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