Intergeneratives Leben

Wie Studierende und Senioren in der Adelhauser Straße zusammen leben

Anja Bochtler

Wilde Partys gibt’s hier keine – aber jahrzehntelang bewährte Rezepttipps oder Gespräche über Kindheit im Zweiten Weltkrieg. Im Seniorenwohnheim der Evangelischen Stadtmission in der Adelhauser Straße ist eine Wohnung für eine Studenten-WG reserviert.

Das finden die Religionspädagogik-Studierenden Katja Folberth (21), Laura Schröer (23) und Niklas Royar (20) ebenso spannend wie ihre 22 Nachbarn vom betreuten Seniorenwohnen der Evangelischen Stadtmission. Seit 2013 ist eine der 19 Wohnungen in der Adelhauser Straße für eine Studierenden-WG reserviert. Die jungen Bewohner revanchieren sich mit Engagement. Die "Woche der Inklusion" bot Einblicke ins Intergenerative Wohnen.

Irgendwann mal wieder einen Abend im Theater verbringen: Das wünscht sich Rosel Vortisch (83). Tagsüber ist sie viel unterwegs. "Ich kenne hier jede kleine Gasse", erzählt sie. Doch wenn es dunkel ist, fühlt sie sich unsicher. "Ich komme mit!" sagt Laura Schröer, als sie das hört.


Gemeinsame Ausflüge und Unternehmungen der Studierenden und der Senioren gehören ebenso zum Alltag wie Flurgespräche, Kochen oder Kaffeetrinken und die Sonntagnachmittage im Gemeinschaftsraum. Und wenn jemand von den Älteren spontan Unterstützung beim Einkaufen oder sonst irgendwas braucht, genügt es, an die WG-Tür zu klopfen. "Wir verstehen uns alle gut", sagt Irmgard Schmidt (81), die seit zwei Jahren hier lebt. Ursprünglich stammt sie aus Frankfurt, kam 1952 nach Freiburg, hat früher als medizinisch-technische Assistentin gearbeitet und ist Malerin. Sie mag ihre 54 Quadratmeter-Wohnung und genießt die zentrale Lage. Genau wie Karl Gross (82), der promovierter Forstwissenschaftler ist. Rosel Vortisch findet sogar: "Ich hatte es in meinem Leben noch nie so schön wie jetzt!" Sie zog 2010 nach dem Tod ihres Mannes ein. Sie kocht jeden Tag selbst, zum Essen kommen ihre Tochter oder die drei jungen WG-Bewohner vorbei. Die fragen sie öfter nach Rezepten, sagt sie – oder danach, wie es war, im Nationalsozialismus aufzuwachsen.

Rosel Vortisch wurde 1933 geboren und hat viel zu erzählen. Mit jungen Menschen hatte sie auch im Berufsleben zu tun, weil sie als Einzelhandelskauffrau einen Supermarkt geleitet und Lehrlinge ausgebildet hat. Auch für die drei jungen WG-Bewohner sind Kontakte zu anderen Generationen normal: Katja Folberth hat in einem freiwilligen sozialen Jahr in Rumänien mit Senioren gearbeitet, Niklas Royar vermisst seine Großeltern, die gestorben sind. Er und Katja Folberth sind im Herbst 2016 eingezogen, als sie mit ihrem Studium der Religionspädagogik begannen. Laura Schröer wohnt schon das dritte Jahr hier, sie führt jedes Jahr die Neuen ein – außer bei ihr ist die Wohndauer für Studierende auf ein Jahr beschränkt. Laura Schröer schwärmt von der Lebenserfahrung der Älteren: "Wir können viel von ihnen lernen."

Entwickelt hatte die Idee Kerstin Lammer, Professorin der Evangelischen Hochschule, mit der Evangelischen Stadtmission. Ausgewählt werden nur Religionspädagogik-Studierende, bei denen Seniorenarbeit zum Studium gehört. Von jährlich 25 bis 30 Religionspädagogik-Einsteigern bewerben sich sechs oder sieben. Wer einen Platz ergattert, bezahlt 260 Euro Warmmiete, was für die überteuerte Freiburger Innenstadtlage als Schnäppchen gilt – alle müssen sich rund vier Stunden in der Woche für ihre Nachbarn engagieren. Die sind zwischen 70 und 93 Jahren alt und leben in Wohnungen zwischen 47 und 98 Quadratmetern. Für sie ist die Miete deutlich höher: Zum Quadratmeterpreis von 18 Euro Kaltmiete kommen Betreuungspauschale und Nebenkosten. Eine der kleinsten Wohnungen koste rund 1450 Euro, sagt Esther Seeger-Straub von der Evangelischen Stadtmission. In Zähringen auf dem Thomas-Areal plant die Evangelische Stadtmission ein neues intergenerationelles Projekt.