Wie Studierende der Uni Freiburg Nicht-EU-Ausländern das Ankommen erleichtern

Paula Kühn

Das interkulturelle Mentoring-Programm der Uni Freiburg soll Neuankömmlingen helfen. Ein Semester lang kümmern sich Mentorinnen und Mentoren um sie. Paula Kühn hat sich das Programm angeschaut.

Kerstin Steiger-Merx und Simone J. Fesenmeier sind die beiden Verantwortlichen des Kompetenznetzwerk Studierendenmentoring. Gemeinsam konzipieren und verwalten sie zahlreiche Mentoring-Programme der Universität Freiburg. Das interkulturelle Mentoring-Programm existiert seit diesem Wintersemester.


Die Idee des Programms? "Den hier beginnenden Studierenden das Ankommen zu erleichtern", sagt Steiger-Merx. Neuankömmlingen überwiegend aus dem nicht-europäischen Ausland werden Mentoren zur Seite gestellt, die schon länger an der Freiburger Uni sind. Dabei geht es darum, eine Orientierung zu geben und bei Fragen zu helfen wie: "Wo finde ich dieses oder jenes Buch?" "Wo kann ich am besten nach Wohnungen suchen?" "Was ist der oder die KaJo?"

"An den Mentor gibt es keine dummen Fragen", Kerstin Steiger-Merx.
Steiger-Merx erzählt von einer Studentin, die in ihrer Anfangszeit in Freiburg verwirrt darüber war, dass alle immer sagten: "Wir treffen uns dann auf der KaJo". Da es allen so selbstverständlich war, hat sie sich nie getraut zu fragen, was es damit auf sich hat. Einen Mentor könnte man so etwas ohne Angst, sich lächerlich zu machen, fragen. "An den Mentor gibt es keine dummen Fragen", sagt Steiger-Merx.

Wer in Freiburg neu ankommt, der kann vieles, was hier selbstverständlich ist, nicht verstehen. So leben wir beispielsweise in einer individualistischen Kultur, während in vielen arabischen und asiatischen Länder eine kollektivistische Denkweise vorherrscht. Das heißt, dort haben Sippe, Familie und Tradition einen höheren Stellenwert als das Individuum. Das hat zur Folge, dass hier auch eine andere Art des Lernens üblich ist als in anderen Ländern. Um die kulturellen Unterschiede zu verstehen und von beiden Seiten aus anders zu reagieren brauchen die Mentorinnen und Mentoren interkulturelle Kompetenz.

Zu Besuch bei einem Mentoring-Team

"Man fühlt sich ein und versucht zu verstehen, warum der andere zum Beispiel mit etwas Schwierigkeiten hat", sagt die Chemie-Studentin Michelle. Sie sitzt an dem großen Holztisch ihrer WG, in die sie ihren Mentee Fadi eingeladen hat. Fadi kommt aus Syrien und studiert im ersten Semester Pharmazie. Er ist seit zwei Jahren in Deutschland, hat bei dem DRK gearbeitet, in einem Restaurant und in einem Flüchtlingsheim, hat die Deutschprüfung abgelegt und versucht Freunde zu finden. "Das ist in Deutschland gar nicht so leicht", sagt Fadi. Fadi und Michelle stoßen oft auf Unterschiede. "Weißt du noch, als du mich mal Nachhause bringen wolltest und ich 'Nein' gesagt hab?", sagt die angehende Chemikerin. "Ich dachte, es ging dabei um Sicherheit und dass es nachts allein gefährlich ist für eine Frau ", sagt Fadi. Michelle zögert: "Naja, eigentlich ist das ziemlich altmodisch."

Ein anderes Thema ist das Nein. "Nein heißt hier wirklich Nein", sagt Fadi. "In Syrien ist es höflich, erst einmal Nein zu sagen und dann doch Ja."Wenn man hier Nein sagt, wenn einem jemand Kekse anbietet, dann bekommt man wirklich keinen Keks", sagt Fadi. Und dann ist da noch das Heimweh. Das Mentoring-Programm und der Kontakt zu Michelle und den anderen Freunden, die er durch sie kennen lernt, helfen Fadi, heimischer zu werden. Aber auch, dass er jetzt in einer Studentenverbindung lebt, hilft. Michelle stellen sich bei dem Wort die Nackenhaare auf. Studentenverbindung, das hat für sie etwas mit Zwang und Hierarchie zu tun. "Du weißt schon, was die von dir wollen?", fragt sie Fadi. "Die wollen, dass du später eintrittst und zahlst." Fadi winkt ab: "Wir sind sehr liberal." Was ihm an seiner Verbindung so gefällt, ist das Prinzip der lebenslangen Freundschaft. "Das findet man sonst glaube ich in Deutschland nicht so leicht."

Es geht um interkulturellen Austausch

Steiger-Merx und Fesenmeier wären zufrieden. Genau das soll das Programm, neben aller Hilfestellung leisten: Interkultureller Austausch. Dabei spielt die Herkunft weder bei den Mentees noch bei den Mentoren eine Rolle. "Es heißt interkulturelles Mentoring und das heißt nicht, deutscher unterstützt ausländischen Student." So gibt es Mentoren aus Indien sowie auch den ein oder anderen Mentee aus Österreich oder Frankreich.

Es geht um interkulturellen Austausch, darum, "dass ich ein Stück von meiner Kultur weitergebe und versuche Verständnis zu haben für die Kultur, der ich gegenüber sitze", sagt Simone Fesenmeier. Was sich die beiden Initiatorinnen des Programms für die Zukunft wünschen? "Dass ganz viele zurückkommen und sagen: 'Hey! Das war super, ich durfte jede Frage stellen, hab so viel bekommen. Jetzt möchte ich mich auch engagieren", sagt Steiger-Merx. Mehr zum Thema: