Wie steht es um die Fankultur beim SC Freiburg?

David Weigend

Die Wilden Jungs Freiburg (WJF), eine Ultragruppierung des Sportclubs, setzen sich ein für die Rechte von Fußballfans im Dreisamstadion. Ihre Ziele verkündeten sie auch bei der großen Fandemonstration am Samstag in Berlin. Wir haben uns nach ihrer Rückkehr mit ihnen darüber unterhalten, wie es um die Fankultur beim SCF bestellt ist.



Am Samstag seid ihr bei der großen Fandemo in Berlin gewesen. Erzählt mal.

Wir waren 30 Leute und fuhren mit dem Zug in die Hauptstadt. Als wir mittags ankamen, hatten sich schon tausende von Fans in der Nähe vom Alexanderplatz versammelt. Es kamen viel mehr, als erwartet, schätzungsweise 5000 bis 6000. Der Demozug war in Blöcke eingeteilt. Vorne liefen die Berliner Herthafans, danach reihten sich die insgesamt 50 anderen Szenen ein. Jeder Verein hatte sich ein Thema auf die Fahnen geschrieben. Auf unserem Banner stand: "Fankultur braucht Freiheiten: Gegen Materialverbote!"

Wer lief vor euch?

Die Aachener Fans, zu denen wir eine Freundschaft pflegen. Hinter uns waren anfangs die Kölner, danach die Saarbrücker Fans. Die Aufstellung wechselte immer mal wieder, was aber keinen störte. Es gab Redebeiträge, viele Fahnen und Transparente und durchgängig Gesänge. Ein guter Anfang für die Kampagne "Zum Erhalt der Fankultur".

Keine Reibereien?

Rivalitäten waren an diesem Tag tabu. Das klappte auch.

Euer Thema waren die Materialverbote. Was hat man sich darunter vorzustellen?

Nehmen wir zum Beispiel unser nächstes Spiel am Samstag in Bremen. Wir können nicht einfach eine Trommel und fünf Schwenkfahnen mitnehmen, die drei Meter groß sind, und auch keine 20 Doppelhalter. Wir müssen uns vorher informieren, was im Weserstadion erlaubt ist. Werder Bremen entscheidet immer wieder neu, was wir mitnehmen dürfen und was nicht – auch abhängig davon, ob es bei den vorherigen Spielen Vorfälle gab. Oft haben wir Probleme, unsere Fanutensilien ins Stadion zu bekommen. Bei unserem Spiel in Leverkusen waren vergangene Saison zum Teil sogar Schals im Gästeblock verboten. Der Sinn dieser Verbote erschließt sich uns nicht. Wir fordern, dass Fahnen, Trommeln, Megafone, Doppelhalter, Spruchbänder und Choreographien ohne Einschränkungen erlaubt sein sollen.



Sind diese Verbote in der Bundesliga einheitlich?

Nein, das entscheidet jeder Verein selbständig. Es gibt zum Beispiel das Sankt Pauli-Modell. Verkürzt gesagt: die Fans dürfen alles ohne Auflagen mit ins Stadion nehmen, bis auf Pyrotechnik. Wer sich allerdings nicht benimmt, darf drei oder fünf Jahre lang nichts mehr ins Stadion reinnehmen.

Klingt doch recht vernünftig.

Nur auf den ersten Blick. Wir finden das ziemlich negativ. Gerade, wenn wir in Hamburg spielen, sind auf Freiburger Seite so viele unterschiedliche Anhänger mit sehr diversen Auffassungen von Fankultur, dass wir nicht für jeden mit SC-Schal die Verantwortung übernehmen können. Da kann immer einer dabei sein, der Mist baut. Diese kollektiven Bestrafungen sind in unseren Augen auf jeden Fall der falsche Weg, die komplette Materialfreiheit der einzig richtige.



Welche Fanutensilien sind im Dreisamstadion erlaubt, welche sind verboten?

Laut Stadionordnung ist so gut wie alles verboten, sogar Fahnenstäbe. Die Umsetzung ist bei uns Heimfans jedoch um einiges toleranter. Die Gästefans hingegen haben in Freiburg oft Probleme. Sie dürfen nur Fahnen bis 1,20 Meter reinbringen, keine Megafone. Zaunfahnen müssen die Gästefans vor der Gegengerade ablegen. Da blutet jedes Fanherz, denn an der Zaunfahne hängt ein gutes Stück Identität - die Zaunfahne gehört vor die Fans an den Zaun. Freiburg hat in dieser Hinsicht einen schlechten Ruf, nur wenige Gästefans kommen gern zu uns. Wir setzen uns dafür ein, dass sich das ändert, stoßen aber auf viel Widerstand. Uns geht es hierbei auch um das Image des SC Freiburg. Das leidet unter dieser Verbotspolitik ungemein.

Wie sieht es aus mit Spruchbändern?

Bei positiven Aktionen gibt es keine Probleme. Sobald die Aktionen aber kritischen Charakter bekommen, werden wir beschnitten. Am Anfang der vergangenen Saison hatten wir ein Spruchband gegen den Arenabau in Rust. Das wurde verboten. Ebenso mal eine kritische Aktion gegenüber dem Modell Hoffenheim. Wie es jetzt wäre, wissen wir nicht. Im Moment ist die Kommunikation mit dem Verein sehr gut. Trotzdem haben in den vergangenen Wochen mehrere SC-Fans Bußgeldbescheide über einen insgesamt vierstelligen Betrag erhalten.



Warum?

Wegen einer Spruchbandaktion im April 2010 beim Heimspiel gegen Bochum. Damit protestierten wir gegen die SKB Datenbank (siehe Foto).

Was ist das?

Szenekundige Beamte (SKBs) sammeln alle möglichen Daten über aktive Fans - unabhängig davon, ob diese jemals negativ aufgefallen sind - und führen diese in einer Datenbank. Viele Informationen darin sind nicht rechtsmäßig, wie uns der Datenschutzbeauftragte von Baden-Württemberg mitteilte. Fans aus Stuttgart, Reutlingen, Karlsruhe und wir haben im April gemeinsam eine Spruchband- und Aufklärungsaktion zu diesem Thema gemacht. Außerdem stellten wir Auskunftsersuche an die Polizei: welche Daten sind über uns gespeichert? Dies lief überall problemlos ab, außer bei uns. Wie schon erwähnt liegen gegen einige von uns nun Anzeigen wegen Ordnungswidrigkeiten vor.

Und jetzt?

Wie die Sache ausgeht, entscheidet sich in ein paar Wochen vorm Amtsgericht. Wir werden für unser Recht kämpfen und haben uns Hilfe vom Anwalt besorgt. Spruchbänder sind laut Stadionordnung grundsätzlich nicht verboten. Und auf die Antworten zu unseren Auskunftsersuchen warten viele Fans noch heute.



Manche Aktionen in den vergangenen Monaten warfen allerdings kein gutes Licht auf die deutsche Fanszene, etwa der Platzsturm der Herthafans oder die Pyroshow der Clubberer in Bochum.

Wir plädieren durchaus für mehr Selbstreflexion. Wir müssen uns selber auf die Finger schauen, auch in Freiburg. Klar gibt es immer mal wieder dumme und unnötige Aktionen von Fans und Ultragruppierungen. Es gilt dann, solche Geschichten offen und ehrlich aufzuarbeiten. Gerade bei Pyrotechnik sollte man nicht über die Stränge schlagen, das ist kein einfaches Thema.



Warum nicht?

Pyrotechnik war ursprünglich ein einfaches Stilmittel der Fankurven, genau wie Fahnen oder Trommeln. Durch sinnlosen Einsatz und verdrehte Medienberichte wurde das in den vergangenen Jahren zu sehr in die Randale-Ecke gedrängt. Dieses Bild gilt es wieder geradezurücken. Genauso darf sich die Gewaltspirale unter den Fans nicht weiter nach oben drehen. Das Angreifen gegnerischer Fans ist mittlerweile an vielen Orten zum Standard geworden und das nicht nur bei bestehenden Rivalitäten. Wir lehnen dies ab.

Wie wird in Euren Augen das Thema Stadionverbot beim SC Freiburg gehandhabt?

Nicht besonders souverän, wobei da die Verantwortlichen eher bei DFB und Polizei zu suchen sind, die die Vergabe von Stadionverboten steuern. Stadionverbote können immer noch einfach auf Verdacht ausgesprochen werden: Die Polizei nimmt 15 Fans fest, weiß aber, dass nur einer von ihnen eine Straftat begangen hat. Dennoch empfiehlt die Polizei dem Sportclub, allen 15 Anhängern Stadionverbot zu erteilen. Die Vereine folgen diesen Empfehlungen meist ohne kritische Prüfung. Solche Fälle sind deutschlandweit Alltag. Da sehen wir dringenden Handlungsbedarf.

[Fotos: WJF, dpa]

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