Interview

Wie Star-DJ Paul van Dyk dem Tod von der Schippe sprang

Nadine Wenzlick

Eineinhalb Jahre ist es her, dass Paul van Dyk bei einem Auftritt in Utrecht von der Bühne stürzte. Dabei zog sich der Star-DJ einen doppelten Bruch der Wirbelsäule zu. Nun kehrt er mit einem neuen Album zurück.

Eineinhalb Jahre ist es her, dass Paul van Dyk bei einem Auftritt in Utrecht von der Bühne stürzte. Dabei zog sich der Star-DJ einen doppelten Bruch der Wirbelsäule und ein Schädel-Hirn-Trauma zu. Er fiel zunächst ins Koma, saß später mehrere Wochen im Rollstuhl und musste Essen, Laufen und Sprechen neu lernen. Doch entgegen den Prognosen seiner Ärzte trat er vier Monate später wieder auf. Nun veröffentlicht der 45-Jährige mit "From Then On" sein erstes Album nach dem Unfall – Nadine Wenzlick hat mit dem Trance-DJ gesprochen.

BZ: Paul, erzählen Sie uns, was genau an jenem Februar-Tag in Utrecht passiert ist.
Paul van Dyk: An den Sturz selbst kann ich mich gar nicht erinnern. Aber ich bin nicht etwa von der Bühne gefallen, weil ich betrunken oder auf Drogen war. Jemand hatte bei der Konstruktion einen Fehler gemacht: Ein Teil der Bühne war nicht solide, sondern bloß mit schwarzem Stoff überspannt. Ich wusste das nicht, ging ein paar Schritte und stürzte sechs Meter in die Tiefe.

BZ: Blutungen im Gehirn und ein doppelter Bruch der Wirbelsäule – Sie sind dem Tod knapp von der Schippe gesprungen, oder?
Van Dyk: Ich habe die MRT-Bilder gesehen: Da hat nicht viel gefehlt und die Wirbelsäule wäre durch gewesen. Das war wirklich verdammt knapp, und Glück reicht da als Begriff gar nicht aus. Das Festival war direkt neben dem neurologischen Zentrum der Niederlande und zufällig war der leitende Professor wegen eines anderen Patienten gerade anwesend. Hätten all diese Dinge nicht zusammengespielt, wäre ich vermutlich nicht mehr hier.
BZ: Was überwiegt: Wut oder Dankbarkeit?
Van Dyk: Ich glaube jeder, dem so etwas passiert, denkt am Anfang: warum ich? Was habe ich getan, dass mir das passiert ist? Es ist wichtig, rechtzeitig den Absprung zu finden, um nicht zu verbittert zu werden. So komisch das klingt, man muss versuchen, das Positive zu sehen. Ich habe im Nachhinein so viel Zuspruch und Liebe erfahren. Die Ärzte, Professoren, Krankenschwestern und das Pflegepersonal waren toll, aber am allerwichtigsten war natürlich meine Frau Margarita. Alleine packst du so eine Nummer nicht. Ohne Werbung für mein neues Album machen zu wollen: Der Song "Stronger Together" handelt davon. Dank ihr hatte ich einen Grund zu kämpfen und nie aufzugeben.
BZ: War das die größte Herausforderung? Nicht aufzugeben?
Van Dyk: Ich muss sagen: Viel schlimmer als die wirren Gedanken wie "Was, wenn ich nie wieder Musik machen kann?" oder "Was, wenn ich nie wieder laufen kann?" waren tatsächlich die Schmerzen. Die waren manchmal so stark, dass ich einfach nicht mehr wollte. Das sind Momente, in denen selbst bei jemandem, der sich sonst gut unter Kontrolle hat, die Tränen laufen.
BZ: Die ersten Prognosen der Ärzte waren niederschmetternd. Essen, Sprechen und Laufen mussten Sie neu lernen.
Van Dyk: Das war hart. Ich bezeichne mich nicht als intellektuell, aber ich bin schon am großen Ganzen interessiert und versuche komplexe Zusammenhänge zu begreifen. Wenn man das plötzlich nicht mehr kann, wenn man sich nicht mehr artikulieren kann und Dinge, die einem vorher völlig klar waren, nicht mehr versteht, ist das zutiefst frustrierend. Aber glücklicherweise verstehe ich die Bücher, die ich lese, inzwischen wieder...
BZ: Und nur vier Monate nach dem Unfall standen Sie in Las Vegas zum ersten Mal wieder hinter dem DJ-Pult. Wie haben Sie sich zurückgekämpft?
Van Dyk: Das ist eine Begrifflichkeit, die ich oft zu hören bekommen habe. Ich habe mich nicht zurückgekämpft. Wenn überhaupt bin ich mit Hilfe der Unterstützung, die ich erwähnte, und dank viel Physiotherapie langsam zurück gekrochen. Ich habe nach wie vor Schmerzen, werde relativ schnell müde und habe einfach nicht mehr so viel Ausdauer. Ich habe schon noch einen langen Weg vor mir, und ob ich jemals an den Punkt komme, an dem ich sage "Jetzt ist gut", ist fraglich.
BZ: Half die Musik bei der Genesung?
Van Dyk: Erst mal gar nicht. Anfangs bin ich sogar in Tränen ausgebrochen, wenn Margarita mir Musik vorgespielt hat. Das hat mich so tief emotional berührt. Vielleicht hatte ich unterbewusst Panik, dass das nicht mehr geht. Ich habe es sehr lange vor mir hergeschoben, meine Maschinen wieder anzumachen. Die heftigste Blutung war direkt da, wo sich das Sprachzentrum befindet, und genau dort ist auch das Kreativzentrum. Es hätte durchaus sein können, dass ich denke "mach den Lärm aus". Dass da keine Kreativität mehr ist.
BZ: Wie haben Sie wieder zur Musik gefunden?
Van Dyk: Mit dem Auftritt in Las Vegas vier Monate nach meinem Unfall hatten wir uns ein ambitioniertes Ziel gesteckt – aber das war genau die richtige Entscheidung. Ein konkretes Ziel vor Augen zu haben, auf das man hinarbeitet, ist sehr wichtig. Etwa zwei Monate nach dem Konzert entstand dann der erste Song, "I Am Alive". Ich habe mich einfach zu Hause hingesetzt und angefangen.
BZ: Mit "From Then On" veröffentlichen Sie nun Ihr erstes Album seit dem Unfall. Einerseits klingt es voller Lebensfreude, andererseits scheinen viele Songtitel direkt auf das Geschehene anzuspielen.
Van Dyk: Musik war für mich immer eine Ausdrucksform. Und in so einer Situation, wo einem oft die Worte fehlen – wie soll man das auch beschreiben? Kann man nicht! – ist Musik eine gute Verarbeitungsmöglichkeit. Für mich haben die Songs mit einem intensiveren Wahrnehmen von allem zu tun.

Paul van Dyk: From Then On (Vandit).