Wie sich Nachbarn durch Communitys und Facebook näherkommen - und einander helfen

Claudia Kornmeier & Susanne Ehmann

Ob "Hat jemand eine Bohrmaschine?" oder "Kann jemand meine Katze füttern, wenn ich im Urlaub bin?": Immer mehr Online-Plattformen und Facebook-Gruppen wollen Nachbarn zusammenbringen und dabei Kommunikation fördern. Auch nach Südbaden dringen die Angebote langsam vor:



Jens Lauer hielt sich für gut vernetzt im Rudolfkiez. Seit 14 Jahren wohnt er mit seiner Familie in dem Berliner Viertel. Tatsächlich kennt er neben seinen Nachbarn im Haus aber nur Eltern, die Kinder im Alter der seinen haben. Aufgefallen sei ihm das bei einer Spendenaktion für Flüchtlingskinder, die er angeleiert hatte. Da habe er das erste Mal Kontakt zu jüngeren und deutlich älteren Kiez-Bewohnern gehabt, sagt der 48-Jährige.


Initiiert hat der Psychologie-Dozent seine Spendenaktion über das Online-Netzwerk „Nebenan.de“. Die Plattform will Nachbarn wieder enger zusammenbringen, den Austausch untereinander fördern. Für jede Nachbarschaft, die mitmacht, gibt es eine eigene Seite. Nachbarn können dort ein Profil anlegen und Dinge verleihen, verkaufen, Hilfe anbieten, sich verabreden oder Veranstaltungen organisieren.

Eine „Online-Pinnwand für die Nachbarschaft“ nennt es Philipp Götting. Er ist Gründer von „WirNachbarn.com“, das es bereits seit einem Jahr gibt. Wie „Nebenan.de“ startete das Netzwerk in Berlin und will bald deutschlandweit aktiv sein.

In Südbaden treffen sich Nachbarn über Facebook

„Nebenan.de“ ist seit Mitte Dezember in ganz Deutschland verfügbar. Durch die Gründung und den Start in Berlin gibt es dort die größten und meisten Nachbarschaften, erzählt Mitbegründerin Ina Brunk. Doch auch in Südbaden gebe es Anmeldungen, diese konzentrierten sich jedoch auf die größeren Städte. Eine aktive Nachbarschaft sei bisher noch nicht zustande gekommen.

So eine wird erst eröffnet, wenn sich genug Nachbarn zusammengefunden haben. Mit „genug“ meint sie um die fünf Nachbarn. Das Interesse sei da, auch das Bedürfnis, sagt Brunk. Die Zahl der Anmeldungen steige stetig.

Das gilt auch für „WirNachbarn.com“. Seit dem Start Ende 2014 hat sich die Plattform ausgebreitet. In Südbaden ist das Portal allerdings noch nicht präsent – hier gibt es noch keine Nachbarschaft. Fokussiert werden sollen außerdem die deutschen Metropolen, kleinere Städte werden eher ausgeklammert.

Ähnliches wie in speziellen Nachbarschafts-Portalen läuft ohnehin schon auf Facebook. Menschen organisieren sich in lokalen Facebook-Gruppen wie der „Social Street“ der Bewohner einer Straße in Bologna. Oder dem „Netzwerk Nachbarschaft“, in dem registrierte Nachbarn Initiativen vorstellen und sich darüber austauschen können.

„Ich liebe Berlin, aber mich stört die Anonymität in dieser Stadt“

Auch in Südbaden gibt es Facebook-Gruppen, die Menschen, die Hilfe brauchen und solche, die die entsprechenden Fähigkeiten haben, zusammenbringen wollen. Beispielsweise die „Nachbarschaftshilfe (Landkreis Lörrach)“ mit derzeit 1475 Mitgliedern und das „Netzwerk Freiburg“ mit 9934 Mitgliedern.

In der Ortenau sieht es mit der digital organisierten Nachbarschaftshilfe noch mau aus. Dort, wo es sie gibt, funktionieren die Netzwerke: Sucht in Freiburg jemand ein Bettgestell, hat seinen Schlüssel verloren oder eine Wohnung zu vermieten – irgendjemand reagiert immer.

Digital vernetzt, um sich analog wieder besser kennenzulernen – ist das die Nachbarschaft der Zukunft? „Ich liebe Berlin, aber mich stört die Anonymität in dieser Stadt“, sagt Almut Eckhof aus dem Graefe-Kiez der Hauptstadt. Sie wollte neue Leute kennenlernen, deshalb hat sie sich bei „Nebenan.de“ angemeldet.

Ein konkretes Hilfsbedürfnis stand nicht im Vordergrund. Aber: Am besten funktionieren die Portale und Facebook-Gruppen dann, wenn jemand etwas braucht. Eine Leiter ist schnell gefunden. Gefragt wird nach einer Putzfrau-Empfehlung. Gesucht werden Baby- und Katzensitter. Kinderkleidung steht zum Verkauf. Bis tatsächlich eine Jogging-Runde oder ein Koch-Treffen zustande kommen, dauert es dagegen.

Hinter den Portalen „Nebenan.de“ und „WirNachbarn.com“ stehen Start-ups, die irgendwann auch Geld verdienen müssen. Werbung von lokalen Dienstleistern können sich die Gründer als Einnahmequelle vorstellen oder so etwas wie Premium-Angebote. Konkreter sind die Konzepte bisher nicht.

Der Soziologe Martin Rutha denkt, dass Unternehmen einen „langen Atem“ brauchen werden, um entsprechende Angebote, die in den USA bereits funktionieren, auch in Deutschland durchzusetzen. „Ich kann mir vorstellen, dass das schlussendlich Erfolg hat. Aber das wird viel Geld kosten.“

Zunächst müsse es einem Unternehmen gelingen, die Deutschen von den Vorteilen zu überzeugen und die Vorbehalte beim Datenschutz zu überwinden. In Deutschland sei die kommunale Organisation stark an Vereine angebunden. Das biete eine persönliche Kontrolle, die bei einem kommerziellen Netzwerk wegfalle.

Neighborhood Watch übers Netz? Lieber nicht!

Beim Konzept des amerikanischen Neighborhood Watch geht es auch darum, die Umgebung sicher zu halten: eine Zusammenarbeit mit der Polizei bei der Aufklärung von Verbrechen. Auch die Gründer von „Nebenan.de“ und „WirNachbarn.com“ können sich vorstellen, Polizei und Stadtverwaltung einen Zugang zur Plattform zu geben.

Damit nicht mit Flugblättern vor Einbrüchen gewarnt werden müsse, sagt Götting. Außerdem würden sich Menschen eher online mit Hinweisen an die Polizei wenden, als anzurufen. Ein verantwortungsvoller Umgang sei dabei gesichert, da eine anonyme Anmeldung bei dem Netzwerk nicht möglich sei.

Bei Lauer gehen da sofort die Alarmglocken los. „Wir müssen dort eine Grenze ziehen, wo wir anfangen, uns gegenseitig zu überwachen“, sagt er. Trotzdem sagt er: „Wenn meine Familie tatsächlich gefährdet wäre, wäre ich der Letzte, der etwas dagegen hätte.“ Gleichzeitig hat er Angst davor, dass Leute mit Falschmeldungen diskreditiert werden und Panik entsteht.

Bei „WirNachbarn.com“ soll es etwa in Köln, Berlin und Hamburg mehr als 500 Nachbarschaften mit etwa 12000 registrierten Nachbarn geben, bei „Nebenan.de“ fast 90 Nachbarschaften mit je 12 bis 600 Nutzern. Die Anmeldezahlen werden für den Erfolg der Netzwerke nicht ausschlaggebend sein. Die Nachbarschafts-App „Swapi“ hatte mit 10000 Nutzern geworben, stellte ihren Dienst dann aber ein. „Wenn keiner mehr was initiiert, wird das sterben“, sagt Lauer.

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[Foto: Kudryashka/Fotolia.com]