Wie Samir aus Syrien das Sea-You-Festival 2017 erlebt hat

Gina Kutkat

Beim Sea-You-Festival spielten am Wochenende Stars wie Paul Kalkbrenner, Moonbotica, Solomun und Andhim. Im Publikum: Zehntausende feiernde, verkleidete und gestylte Menschen. Mittendrin: Samir, 26, der vor zwei Jahren aus Syrien geflüchtet ist.

Samir steht beim Konzert des Elektromusikers Paul Kalkbrenner hinter dem DJ auf der Bühne. "Ich fühle mich besonders", sagt der 26-jährige Syrer. Er kennt Kalkbrenner durch seinen Hit "Sky and Sand" und beobachtet jede Bewegung des Berliners.


Das Sea-You-Ticket war sein liebstes Geburtstagsgeschenk

Um den Hals trägt Samir (Name von der Redaktion geändert) ein VIP-Band, in der einen Hand ein Radler, in der anderen Hand sein Smartphone, mit dem er - wie fast alle hier - die ersten Minuten ununterbrochen Fotos und Videos macht.

Von den tausenden Menschen, die dem Headliner zujubeln. Von sich, mit dem Rücken zum Publikum, den Kopf von Kalkbrenner gerade noch im Bild. Vor der Videowand, auf die psychedelische Muster geworfen werden. Per Whatsapp verschickt er sie an seine Freunde. Wer die Fotos anschaut, sieht einen Mann, der lächelt, den Daumen hochstreckt oder ein Victory-Zeichen macht, um zu signalisieren, wie viel Spaß er hat.

Samir kommt aus Damaskus in Syrien und lebt seit fast zwei Jahren in Deutschland. Er ist vor der syrischen Armee aus seinem Heimatland geflohen. Nach vier Jahren in Katar kam er nach Deutschland und wohnte erst im Flüchtlingsheim in Simonswald, dann in einer Wohnung in Waldkirch. Seit sechs Monaten hat Samir eine Wohnung in Freiburg und einen Ausbildungsplatz, den er im September antritt. Die Sea You ist das erste Festival, das er in Europa besucht. Als er das Ticket zum Geburtstag Ende Januar geschenkt bekam, schrieb er zu dem passenden Foto auf Instagram: "Die beste Geburtstagsüberraschung! Dankeschön!"

Technozelt, 18.15 Uhr, der Schwede Adam Beyer tritt hinters DJ-Pult und beginnt, seinen treibenden Techno zu spielen. "Es ist okay", sagt Samir, während um ihn herum eine hippe Jungsgruppe in immer gleichen Bewegungen tanzt. Keine großen Gefühlsausbrüche, aber nach ein paar Minuten streckt er seine Arme in die Höhe und bewegt sie im Takt der Musik. Doch Samir fesselt die Musik nicht, sie ist ihm in diesem Stil zu hart. Er liebt Künstler wie den niederländischen DJ Armin van Buuren, durch den er mit 16 Jahren elektronische Musik kennen- und lieben lernte. Immer donnerstags hörte er in Damaskus Van Buurens Radioshow "State of Trance", in der Künstler wie Ferry Corsten, Above and Beyond und Gareth Emery vorgestellt wurden. Die Radioshow war populär bei syrischen Jugendlichen und brachte die großen Elektro-Stars für Konzerte ins Land: Van Buuren trat dort unter anderem auf. Und Samir war dabei. Unterschiede zwischen dem Publikum in Syrien und am Tunisee? "Keine. Die Jungs feiern oben ohne, die Mädchen tanzen in Hotpants."

Einmal Robin Schulz live sehen – das ist Samirs Traum

Als er das Zelt verlässt, kommt Samir an einem Zaun vorbei, auf dem mit einem großen Banner für ein Konzert von Robin Schulz geworben wird, jedoch nicht auf diesem Festival. "Das wäre ein Traum: Robin Schulz live zu sehen."

Samir ist der einzige aus seiner Familie, der elektronische Musik liebt: Seine Eltern und Brüder, die in Damaskus leben, sind traditionell und religiös. Samir ist ebenfalls Muslim, aber kein besonders strenger. Er sagt, von seinen Brüdern sei er der, der am meisten westlich orientiert ist. Manchmal kauft er fertige Lasagne von Lidl, in der Schweinefleisch versteckt ist. Er hat lange geraucht, will jetzt aber aufhören. Sein Lieblingsgetränk ist das Radler von Tannenzäpfle. Dass er ein großes Elektrofestival besucht, hat er seinen Verwandten nicht erzählt. "Um sie nicht eifersüchtig zu machen."

Am Tunisee wird es Abend, die Sonne geht hinter der Bühne 1 unter, auf der gerade "Gestört aber geil" spielt. Mädchen mit Airbrush-Tattoos und aufwendig geflochtenen Haaren ziehen vorbei, auf der Wiese liegen erschöpfte Feiernde, den halbleeren Bierbecher noch in der Hand. "Ich rieche Drogen", sagt Samir, der in seiner Clubbing-Zeit selbst mal Gras geraucht hat. Seine Mutter dürfte das nie erfahren, auch nicht, dass er raucht und Alkohol trinkt. "Mama wäre dann sehr traurig."

Wenn er von seinen Ausgehzeiten in Syrien erzählt, klingt Samir nicht nostalgisch: "Wir saßen in Kaffeebars, haben Shisha geraucht und Karten gespielt- was syrische Jugendliche so machen. Manchmal war mir langeilig." Ab und zu ging es am Wochenende in den Club, bis er mit 20 Jahren das Land verließ und in Katar arbeitete. Dort begann er, auch selber aufzulegen: elektronische Musik auf Beachpartys. Wasser, Sonne, wummernde Musik: Die Sea You erinnert ihn an diese Zeiten. Auf der Festivalbühne spielt der DJ nun einen Remix von Coldplays "Something just like this". Nicht Samirs Ding: "Zu hart. Das Original mag ich lieber." Doch der Tag voller Musik und fremder Menschen hat ihm gefallen und "gute Laune gemacht." Was das Beste war? "Dass man einfach zur nächsten Bühne gehen kann, wenn einem die Musik nicht gefällt."

Als das Wummern der Bässe zu laut wird, macht sich Samir auf den Weg zum Chillout-Floor auf der anderen Seeseite. Auf dem Tunisee fahren die letzten Wakeboarder ihre Runden und Samir schaut ihnen bewundernd zu. Ein paar Meter weiter passt vor der Absperrung ein Mitarbeiter von der Sicherheitsfirma auf, "auch ein Syrer", sagt Samir. Er ist der einzige Landsmann, den er an diesem Tag trifft.