Wie riesige Waldohreulen einen Garten in Merzhausen eroberten - und jetzt dort fliegen lernen

Michael Saurer

Ein Ehepaar aus Merzhausen hat eine Familie zu Gast – eine Familie, deren Kinder gerade das Fliegen erlernen. Das ist einerseits süß und äußerst selten - andererseits hätten die Eulen bereits fast die eigene Schildkröte zerfleischt:



Erst ist es ein leises Fiepen, das aber bei Gefahr auch in ein dominantes Bellen umschlagen kann. Es sind seltsame Geräusche, die derzeit im Garten von Margit und Karl-Friedrich Fischbach zu hören sind. Das Ehepaar aus Merzhausen hat eine eher ungewöhnliche Familie bei sich zu Gast. Vier junge Waldohreulen wachsen auf den hohen Lärchen und Kiefern der Fischbachs heran und machen gerade ihre ersten Flugversuche. Noch etwas unbeholfen sind sie dabei – und Crashlandungen sind programmiert.


Nur wenige Menschen bekommen Waldohreulen zu Gesicht

Ein dumpfes Plopp hat es gemacht und plötzlich saß das kleine Federbüschel auf der Wiese neben der kleinen Sitzgruppe des Ehepaars. Der erste Flugversuch der jungen Eule war nur von kurzer Dauer. Margit Fischbach sah das noch etwas unbeholfen agierende Eulenküken und handelte schnell: Über den Gartenzaun bat sie die Nachbarn, ihre Katzen im Haus zu lassen, damit der kleine Vogel sich in Ruhe wieder berappeln kann.

Waldohreulen sind imposante Erscheinungen. Doch obwohl sie als nicht gefährdet gelten, haben nur wenige Menschen die Eule mit den namensgebenden Pinselohren wohl jemals zu Gesicht bekommen. Das liegt vor allem an der guten Tarnung der Tiere, der Tatsache, dass sie meistens hoch oben in den Baumkronen sitzen und ihrer nachtaktiven Lebensweise.

Krähennest wird umfunktioniert

Auch Margit und Karl-Friedrich Fischbach wussten lange nichts von dem Untermieter im eigenen Garten. Die seltsamen Geräusche, die abends und nachts ins Haus drangen, hielten sie für die eines Fuchses, vielleicht auch eines Marders. Erst als das kleine, weiße Küken den Crash im Garten hingelegt hatte, war es den Fischbachs klar, dass die schräge Klangkulisse von Eulen herrührte.

Das war auch für die Fischbachs eine neue Begegnung, dabei sind sie es gewohnt, dass sich allerhand Federvieh in ihrem Garten wohl fühlt.

Schon vor einigen Jahren haben Krähen in einem der Bäume ein Nest gebaut, das in den Folgejahren auch von Falken benutzt wurde – und in diesem Jahr wohl den Waldohreulen ein Zuhause gegeben hat. Wenn auch nur in den ersten Wochen, denn dann zog es die Küken bereits aus dem Nest hinaus auf die umgebenden Äste. Aus dem Nestling, wurde – wie es in der Fachsprache heißt – ein Ästling, also ein Vogeljunges, das noch nicht richtig fliegen kann, aber auch nicht mehr im Nest sein will.

Das bedeutet bei den Fischbachs konkret, dass die vier Jungen zusammen auf einem Baum sitzen, der Altvogel aber auf einem anderen in einigen Metern Entfernung über sie wacht und abends ausschwärmt, um Futter für das Jungvolk heranzuschaffen. Denn, auch wenn die flauschigen Federknäuel ihre ersten Flugstunden nun bereits hinter sich gebracht haben – das mit dem Jagen wird nun Erziehungsaufgabe der kommenden Wochen sein.


Margit und Karl-Friedrich Fischbach

"Wir sitzen zurzeit nur noch im Garten und schauen den Baum hoch." Karl-Friedrich Fischbach
Die Fischbachs freuen sich über die gefiederten Mitbewohner. "Es macht richtig Spaß, denen zuzugucken", sagt Margit Fischbach. Und auch ihr Mann pflichtet dem bei: "Wir sitzen zurzeit nur noch im Garten und schauen den Baum hoch." Karl-Friedrich Fischbach ist als emeritierter Biologie-Professor mit den komplexen Zusammenhängen der Natur vertraut. Das Heranwachsen der Eulenjungen fasziniert aber auch den erfahrenen Wissenschaftler. "Wir haben bislang nicht mal gewusst, dass es in Merzhausen überhaupt Eulen gibt. Dass die nun auch noch bei uns im Garten leben, ist schon toll."

Nur einer freut sich ganz und gar nicht über die neuen Nachbarn. Eine kleine griechische Landschildkröte, die von den Fischbachs im Garten gehalten wird, hatte wohl eine unangenehme Begegnung mit den Nachtgreifvögeln. Vor wenigen Tagen war sein Panzer an einer Stelle aufgebrochen, eindeutige Bissspuren zeugen zeugen davon, dass jemand versucht hat, ans sein Fleisch zu kommen. Der Verdacht liegt nahe, dass der Feind nur wenige Meter über ihm saß.

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[Fotos: Michael Saurer]