Wie Oliver Rath von New Yorker Polizisten verprügelt wurde, im Knast landete und umsonst 6.385 Kilometer zu einer Gerichtsverhandlung flog

Marius Buhl

Oliver Rath habe einen New Yorker Polizisten geschlagen, sagt die New Yorker Polizei. Die haben mich geschlagen, sagt Oliver Rath. Nun läuft ein Verfahren gegen den Berliner Fotografen und Ex-Freiburger. In New York. Die Geschichte des Star-Fotografen, der nur stickern wollte:



Gerichtsverhandlung, New York City, 15. Dezember. Der Fall: "Die Stadt New York gegen Oliver Rath". Der Angeklagte ist da, zusammen mit seinem Anwalt. "Wir haben uns für die Verhandlung extra fresh gemacht, der Anwalt und ich", sagt der Angeklagte, der für diese Verhandlung extra aus Berlin einflogen ist. Verhandelt wird, ob Oliver Rath einen New Yorker Polizisten geschlagen hat. Zu einem Richterspruch wird es heute jedoch nicht kommen.


Aber der Reihe nach.

Oliver Rath, Berliner Szene-Fotograf und Ex-Freiburger, liefert Kuriosa in Serie. Mitte November, Rath war mit seinem Freiburger Freund Jan Ehret gerade in New York. Er lief über den Broadway und dachte sich, dass sich an einer Laterne in New York ein Oliver Rath-Sticker ganz gut machen würde. Was er nicht wusste: Stickern wird in New York bestraft wie Grafitti-Spühen - mit Gefängnis. Als er den Sticker aufgeklebt hatte, ertönte ein Ruf: "Police!" Für das was dann geschah, gibt es zwei Versionen.

Da ist zunächst die der New Yorker Polizei. Sie geht so: "Wir haben einen Verdächtigen beim unerlaubten Anbringen von Stickern erwischt. Als wir ihn festnehmen wollten, hat er einen Poizisten geschlagen."

Die Gegenversion von Oliver Rath geht anders: "Die Polizei sah einen Tätowierten, dachte an hohe Kriminalität und prügelte direkt auf mich ein. Es kann schon sein, dass ich mich gewehrt habe. Das war dann aber Notwehr." Für Raths Geschichte sprechen die Bilder. Er wurde übel zugerichtet.

Ehret rettet Rath

So oder so: Rath landete im Gefängnis. "Eine üble Erfahrung. Es hat gestunken, im Knast gab es Kakerlaken, du wurdest behandelt wie Vieh. Furchtbar." Zunächst war Rath in einer Einzelzelle ohne Wasser. Ihm war kalt, er trug nur sein T-Shirt. Nachdem ein Verbrecherfoto gemacht wurde, verlegten sie Rath in eine Massenzelle. Was dort geschah schildert Oli Rath in einem Blogbeitrag so:

In jeder Zelle gibt es einen Anführer, ich nehme all meinen Mut zusammen und stelle mich vor ihn. „You know where I´m from? „Berlin“ The City where you can sticker everywhere, you can drink alcohol on the streets and you know what, you can smoke weed wherever you want. Der Boss brüllt den ganzen Laden zusammen, mir wird kalt – vielleicht habe ich mich zu weit aus dem Fenster gelehnt- „Thats my white nigger from Berlin“. Mit Tabakresten aus den Jacken und Hosentaschen wird mit Klopapier und Papierresten Crack zu meiner begrüßung geraucht. Das Feuerzeug wird von Zelle zu Zelle geschmissen. Eben noch down mit dem Boss hatt der nächstgrössere ihm die Fresse vor meinen Augen Blutig poliert.

Gerettet wurde Rath schließlich von seinem Kumpel Jan Ehret. Der hat gefilmt, wie sich alles zutrug.



"Als ich frei war", sagt Rath, "waren wir feiern. So etwas muss man feiern. DJ Koze hat ein Wahnsinnsset gespielt, irgendwo in Brooklyn." Doch die Geschichte war damit nicht durch. Aus den zwei Versionen wurden zwei Klagen. Erstens: Oli Rath gegen New York. Weil die Polizei ihn verprügelt hat, will der Fotograf nun eine Million Dollar Schmerzensgeld. "Eine absurde Summe, ich weiß. Aber mein Anwalt hat gesagt, dass diese Summen durchaus üblich sind in den USA", sagt Rath. "Außerdem haben sie meine Kamera einbehalten." Das Verfahren läuft.

Und dann gibt es aber noch dieses zweite Verfahren: New York gegen Oliver Rath. Deswegen ist Rath nach New York geflogen. Vier Polizisten sagen gegen ihn aus, er habe heftig zugeschlagen. Rath sagt, er wisse es nicht mehr so genau, gewehrt habe er sich aber schon; er habe schließlich gedacht, es handele sich um einen Überfall. IWenn es schlecht läuft, muss Rath dafür zwei Jahre ins Gefängnis. Im besten Fall leistet er ein paar Sozialstunden.

Als der Rath-Fall an diesem 15. Dezember endlich an der Reihe ist, wird er vom Gericht vertagt. Raths Anwalt widerspricht, der Angeklagte sei schließlich extra aus Berlin eingeflogen. Dem Gericht ist das egal, der Angeklagte fliegt wieder nach Hause. Nächster Verhandlungstag: der 3. Februar 2016. Wenn er nicht persönlich erscheint, erhält er eventuell ein lebenlanges Einreiseverbot.

Das wäre der "worst case", sagt Rath. "Gerade läuft es in New York ganz gut, ich habe einige Shootings gemacht und coole Models kennen gelernt. Wenn ich nicht mehr rein dürfte, wäre das beschissen." Deswegen wird er im Februar wieder hinfliegen, auf eigene Kosten. Aber nicht nur deswegen: "Da ist gleichzeitig Fashion Week, da wird mir nicht langweilig." Natürlich nicht.

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