Wie Oliver Polak in Freiburg die Grenzen des guten Geschmacks sprengte

Andreas Meinzer

Witze über den Holocaust? Kein Problem. Über Vergewaltigungsopfer? Klar. Und Pädophilie? Immer einen Lacher wert. Oliver Polak ist bekannt dafür, über alles und jeden Witze zu machen. Ein Best-of (oder Worst-of?) seines Auftritts in Freiburg

Ungewöhnlich junges Publikum zog es am Donnerstagabend ins traditionsreiche Vorderhaus. U30 vielleicht oder eher U25, darunter sehr viele weibliche Zuschauer. Viele sind zum ersten mal hier, wo sich ihre Eltern oder Großeltern sonst sozialdemokratische Kabarett-Geronten wie Urban Priol ansehen, mit denen sie sich gemeinsam auf der richtigen Seite der Politik und Geschichte wähnen, oder zumindest "unbequem" aber folgenlos "ermahnt" fühlen können.


Oliver Polak, der Grund ihres Kommens, bricht ganz bewusst mit dieser fragwürdigen, stillen Übereinkunft in der hiesigen Humorlandschaft. Er ist bekannt dafür, dass er, orientiert an US-amerikanischen Vorbildern, sein Publikum beleidigt oder mit gemeinhin wohl als "obszön" kategorisierten Fragen und Bemerkungen angeht. Vielleicht sind auch deshalb einige Plätze und Stuhlreihen unbesetzt geblieben, besonders die erste Reihe. Doch das spricht für Polak – und gegen das Freiburger Publikum.

"Der Anfang von so einer Show ist immer wie eine Kindesentführung. Erst Konfetti und Luftschlangen – und dann redet so 'n Psycho eine Stunde auf dich ein"


Nachdem sein schwarzer Stand-up-Kollege Samuel Sibilski mit Witzen über Michael Jacksons Geschlechtsteil die Latte schon recht hochgelegt und die Zuschauer auf das zu erwartende Themenspektrum und Niveau eingestimmt hatte, tanzt zu Disco-Klängen, Lichtshow und Konfetti-Regen viertel vor neun Oliver Polak mit seinem Programm "Der Endgegner" auf die Bühne. "Der Anfang von so einer Show ist immer wie eine Kindesentführung. Erst Konfetti und Luftschlangen – und dann redet so 'n Psycho eine Stunde auf dich ein", begrüßt er die Freundinnen und Freunde des grotesken Witzes.


Seine Themen an diesem Abend sind neben seiner jüdischen Herkunft und seinen Porno-Fantasien aus aktuellem Anlass – Stichwort: "Leaving Neverland", die Netflix-Doku über Michael Jacksons Missbrauchssystem – vor allem Pädophilie, Vergewaltigung und der Fall der entführten Rebecca. Als er durch die Reihen des Publikums schlendert spielt er den Irritierten: "Bist du nicht diese Rebecca? Da wird die vermisst und dann heißt es hinterher, sie saß in der Polak-Show."



Da werde wohl nix daraus, sie nach dem Auftritt noch mit aufs Zimmer zu nehmen. Doch er stellt klar, auch hinsichtlich der #metoo-Bewegung: Er mache sich natürlich nicht über Vergewaltigung lustig; das sei ein sehr ernstes Thema: "Vergewaltigung bedeutet ein Leben in ständiger Angst … dass dir die Polizei doch noch auf die Schliche kommt." Und als Prävention gegen pädophile Übergriffe schlägt Polak vor: "Ich finde, wir sollten Pädophile kennzeichnen. Mit Kreuz-Kette und Priestergewand."

Apropos Kennzeichen: Das Eulen-Tattoo eines Zuschauers nutzt der Comedian, um auf den Holocaust zu verweisen: "Immerhin keine Nummer, dann bist du also nicht jüdisch." Oliver Polaks Vater war sieben Jahre in einem KZ interniert. "Das Schlimme ist: Das kannst du als Sohn nicht toppen." Bezüglich des Falls Natascha Kampusch legt er ihm das fingierte Zitat in den Mund: "Sieben Jahre im Keller? Das ist ja nicht gerade viel." Da gäbe es schlimmeres, schlimmer als Hitler: "Ryanair!".

"In Dreseden bist du ja schon Antifa, wenn du den Holocaust nicht leugnest."


Im KZ haben sie dir keine Extra-Kosten für das Gepäck berechnet. Du hast es eben nur nicht wiederbekommen." Für das Freiburger Publikum hat Polak ein besonderes Lob übrig – ganz im Vergleich zu seinem Auftritt in Dresden: "Da bist du ja schon Antifa, wenn du den Holocaust nicht leugnest." Die Schüler, mit denen er dort sprach, hätten sich darüber beklagt, dass sie in die Gedenkstätte Auschwitz fahren mussten – mit Flixbus!

Er habe eingewendet, nur er habe Grund zu klagen, schließlich seien dort "Verwandte von mir umgekommen. Im Flixbus." Überhaupt ziehen (öffentliche) Verkehrsmittel den Zorn des Komikers auf sich. Den missglückten Versuch der Deutschen Bahn, ihre tragende Rolle bei den Judendeportationen während der Nazi-Zeit dadurch "aufzuarbeiten", in dem sie einen ICE nach Anne Frank benennt, kommentiert Polak mit dem Vergleich, das wäre, als kämen die norwegische Regierung mit der Waffenindustrie auf die Idee, ein Sturmgewehr nach Anders Breivik zu benennen.

Ein weiteres bevorzugtes Hass-Objekt des Comedians: Berliner Taxifahrer! "Die holen dich unfreundlicher ab als damals die Gestapo." Sind sie vielleicht "der Endgegner"? Oder die Kirche? Oder doch die Nazis? Der IS? Oder gar der kleine, schwarze, süße Hund, der das Tour-Logo ziert? Das sei Arthur – und dieser keineswegs "süß". "Der guckt nur traurig. Hunde sehen ja alles nur schwarz-weiß. Da wäre ich auch traurig, wenn ich alles um mich herum nur wie eine Holocaust-Doku sehen würde."

Oliver Polak bewegt sich stets weit jenseits des vermeintlich guten Geschmacks

Nein, Arthur, sein treuer Begleiter, den er am Ende der Show noch mit einem Zaubertrick auf die Bühne holt, ist auch nicht der Endgegner. Die Antwort gibt Polak ganz am Ende, in einem ernst wirkenden Monolog: Der Endgegner, "das sind wir selber." Und er empfiehlt: "Einfach mal nackt sein." Diesen besinnlich wirkenden Moment bricht er jedoch rasch wieder, um die Komik, das Befreiende und Lebenserhaltende des Witzes in einem finalen Song zu würdigen:"Dein Zwerchfell hat Spaß, dein Schlüpfer ist nass."

Mit einer Reminiszenz an John Miles' monumentalen Welthit "Music (Was my first love)" schließt der Komiker:"To live without my Witze, would be impossible to do."Oliver Polak bewegt sich stets weit jenseits des vermeintlich guten Geschmacks und der Grenzen gemeiner Sittlichkeit. Er lacht als Angehöriger einer Minderheit über sich selbst wie seinesgleichen und über andere Randgruppen – und mit ihnen. Weil er an die Universalität der Komik glaubt und weiß, was ein Witz dazu beitragen kann, dass eine Angst vergeht.