Schüler-Talkshow

Wie Norbert Blüm sich bei "Nachgefragt" am Rotteck geschlagen hat

Petra Völzing

„Mich hat keiner gefragt“ wählte Norbert Blüm bei der bewährten Eingangsfragerunde aus den Antwortmöglichkeiten zum Thema „Wer wird Bundespräsident“. Natürlich mit einem Augenzwinkern, aber fast gewann man den Eindruck, dass es ihm nicht so schlecht gefallen würde, die Kandidatur ablehnen zu dürfen.

Dass er kein geeigneter Kandidat wäre, daran lässt er keinen Zweifel. "Ich bin für Ramba-Zamba" brachte er seine streitlustige Art auf den Punkt. Ein Bundespräsident dagegen müsse den Laden zusammenhalten. Es gab viel Gelächter beim Talkabend mit dem Politprofi, der auch mit 81 Jahren noch rhetorisch Vollgas gibt, wenn es um seine Überzeugungen geht.


Bei Bier und Buletten vom Grill redete sich das Moderatorenteam Jule Hügele und Luis Martins mit dem Gast erst mal richtig warm. Der Grill wurde dabei zeitweise aus den Augen gelassen, und so zog zwischendurch ein beunruhigender Brandgeruch durch die Aula des Rotteck-Gymnasiums.

Das störte den altgedienten Bundesminister für Arbeit und Soziales wenig. Sehr schnell kam er in Fahrt und gab offen interessante und berührende Geschichten aus seinem Leben zum Besten. Anschaulich erzählte er von seinen Erlebnissen im Krieg, von Tieffliegern und Bombennächten im Luftschutzkeller.

Damals hat er sehr viel Angst erlebt, das hat ihn geprägt und er schlägt den Bogen zu seiner politischen Arbeit und seinem Wertekanon. "Alle, die heute unter 70 Jahre sind, haben nie Krieg und Gewalt erlebt", sagte er. "Die Einigung von Europa hat uns das vom Hals gehalten", ist er überzeugt, das müsse man den erstarkenden Nationalisten immer wieder vorhalten.

Wortreich beklagte er, dass die europäische Einheit nun verloren gehe, dass sie sich im Klein-Klein verliere, statt die großen Fragen von Klimawandel, Terrorismus und den Finanzkapitalismus gemeinsam anzugehen.

Er plädierte für einen fairen Welthandel und, als Gegengewicht, für einen Rückzug auf eine Kultur der regionalen Heimatverbundenheit. Blüm redet sich gerne in Rage und in seiner Stimme klingt dann das Pathos eines geübten Parlamentsredners. Er kommt aber doch wieder zurück auf den Boden der Tatsachen "Oh, da bin ich wohl ins Reden gekommen, so sind alte Männer eben", sagt er dann mit einem Schmunzeln und beißt beherzt in eine weitere Bulette. Das Moderatorenteam war sehr gut vorbereitet, die Dramaturgie des Abends hatte Blüm allerdings bestens im Griff. Dennoch konnten die beiden einige Spitzen setzen. Was er dazu sage, dass Kritiker ihm vorwerfen, sein öffentlichkeitswirksamer Besuch im Flüchtlingslager Idomeni sei zusammengefallen mit dem Erscheinen eines neuen Buches von ihm, fragte Luis Martins. Solche Kritik lässt der Politprofi an sich abperlen. Im Laufe des Abends kamen noch viele Themen zur Sprache. Blüm bedauerte, dass seine Freundschaft mit Helmut Kohl an der Spendenaffäre zerbrochen ist. Und er brach eine Lanze für den Fortbestand des umlagefinanzierten Rentensystems, das nach seiner Überzeugung systematisch madig gemacht wird von Interessengruppen, die an einer privat finanzierten Rente verdienen würden.

Unverblümt ist ein gern verwendetes Wort in den Titeln seiner zahlreichen Bücher und das passt tatsächlich gut zu dem Vollblutpolitiker. Dem chilenischen Diktator Pinochet sagte er einst ins Gesicht, er sei ein Folterknecht, und erreichte, dass 16 zum Tode Verurteilte nicht hingerichtet wurden.

Seinen Parteifreunden von der CDU gab und gibt er ebenfalls immer wieder gerne Kontra. Auch Erdogan würde er gerne mal persönlich die Meinung sagen, die Chancen dafür schätzt er aber gering ein. Dafür gab er eine kleine Einführung in die richtige Streitkultur: "Wenn man Krach anfangen will, dann sollte man damit gleich anfangen und nicht erst freundlich drumherum reden", ist er überzeugt. Wer gerne streitet, muss auch ein dickes Fell haben. Als gut bepelzten Eisbär, wie Luis Martins vorschlägt, sieht sich Blüm allerdings nicht. "Ich wäre lieber ein Walfisch", sagte er mit Blick auf seinen Bauchumfang.